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Emre Mor, Türkei-Kroatien Der türkische Tempodribbler

Der 18-jährige Emre Mor spielt zukünftig für Borussia Dortmund, ist der heimliche Star der türkischen Nationalelf und könnte heute beim Spiel gegen Kroatien sein Turnier-Debüt geben.

12.06.2016 12:11
Timur Tinç
Wird jetzt schon mit Lionel Messi verglichen: Emre Mor, hier im Dribbling für die Nationalmannschaft der Türkei. Foto: AFP

Als Emre Mor den Rasen des Trainingsgeländes im Stade Saulnier betrat, hielten seine Mitspieler kurz inne und applaudierten. Der Mainzer Yunus Malli war der erste, der ihm gratulierte. Dann kamen auch die anderen türkischen Nationalspieler, nahmen den nur 1,68 Meter großen Kameraden in den Arm, tätschelten ihm den Kopf oder gaben ihm die Hand. Der 18-Jährige hatte am Dienstagmittag in Dortmund einen Fünfjahresvertrag unterschrieben und war am Abend wieder im Trainingscamp der „Milli Takim“ (Nationalmannschaft) in Saint-Cyr-sur-Mer am Mittelmeer zurück. Die kolportierten 9,5 Millionen Euro Ablöse, die der BVB an den dänischen Klub, den FC Nordsjælland überweist, lassen ahnen, welches Juwel sich die Borussen da geschnappt haben.

Vor dem ersten Gruppenspiel der Türkei gegen Kroatien (Sonntag, 15 Uhr/ARD) hat nicht einmal der beim FC Barcelona spielende Kapitän Arda Turan so viele Schlagzeilen produziert, wie Mor. Dabei hat er sein erstes Länderspiel erst am 29. Mai gegen Montenegro in Antalya gemacht, hatte bis vor drei Wochen nicht einmal einen türkischen Pass und spricht kein Türkisch.

„Er ist ein außergewöhnlicher Spieler“, sagt Nationaltrainer Fatih Terim über den in Kopenhagen geborenen Mor, der nach der EM anfangen will, Türkisch zu pauken. Der Flügelspieler ist enorm schnell, beidfüßig, dribbelstark, ballsicher und das wichtigste: Er hat keine Angst, Fehler zu machen. In seinen ersten 45 Minuten in der Nationalmannschaft stürzte er sich nach seiner Einwechslung waghalsig in die Partie, machte Schlenker, blieb ab und zu hängen, ließ sich davon aber nicht beirren. Die türkischen Fans hatten ihn da schon ins Herz geschlossen und feierten den jungen Mann mit Sprechchören. Schnell war vom türkischen Lionel Messi die Rede. „Ich wollte eigentlich nur, dass er das Umfeld der Nationalmannschaft kennenlernt“, sagte Terim. Doch er kam nach diesem Auftritt gar nicht umhin Mor, auf Deutsch: Purpur, für die EM zu nominieren.

Seine Highlight-Videos auf Youtube sind mittlerweile hunderttausende Male geklickt worden, die Follower seines Instagram-Accounts werden ständig mehr. Schon vor dem EM-Start ist Emre Mor der heimliche Star der „Ay-Yildizlilar“, der Halbmond-Sterne. Bei einem erfolgreichen Turnier würde der Hype um den längst noch nicht fertigen Spieler in der Türkei ungeahnte Ausmaße annehmen. Es spricht für ihn, dass er sich keinem der drei Istanbuler Topklubs mit ihren unrealistischen Erwartungshaltungen, sondern Borussia Dortmund angeschlossen hat. Thomas Tuchel wird dem jungen Kerl sicher auf hohem Niveau noch sehr viel beibringen können, was Entscheidungsfindung und Torgefahr angeht, und ihm auch schwache Auftritte zugestehen.

Emre Mor wuchs bis zu seinem zwölften Lebensjahr in einem „schlechten Viertel“ in Brønshø in der dänischen Hauptstadt auf, wie seine aus Mazedonien stammende Mutter Güzela Bekirov kürzlich im türkischen Fernsehen erzählte. Für den Traum ihres Sohnes, Fußballprofi zu werden, erlaubte sie ihm, mit 16 die Schule zu verlassen. In der Jugend spielte Mor bei Lyngby BK, eine halbe Stunde Busfahrt von seinem Zuhause entfernt, ehe er im Winter 2015 zum FC Nordsjælland wechselte. Sein Profidebüt gab er am 28. November.

Zur gleichen Zeit hatte Fatih Terim seine Bemühungen intensiviert, den hochveranlagten Tempo-Dribbler, der von der U17 bis zur U19 seines Geburtslandes gespielt hat, für die türkische Nationalmannschaft zu gewinnen. In ganz Europa hat der türkische Verband ein Scouting-Netzwerk aufgebaut, um talentierte türkischstämmige Spieler zu sichten und sie und ihre Familien im nächsten Schritt zu überzeugen, für die Türkei aufzulaufen.

Bei Emre Mor gab es dabei ein Problem: Vater Enver hatte sich von seiner Frau getrennt und saß eine Haftstrafe von vier Monaten ab, weil er ohne Versicherung Auto gefahren war. Die Mittelsmänner von Fatih Terim gingen also ins Gefängnis, um die Unterschrift vom Vater zu bekommen, damit sein Sohn, die türkische Staatsbürgerschaft beantragen kann.

Dass die Bemühungen sich gelohnt haben, zeigen Mors Auftritte. In der EM-Generalprobe gegen Slowenien wechselte Terim sein Toptalent als ersten Spieler ein. Ein Fingerzeig für die EM, Mor vielleicht schon in der Gruppenphase in die erste Elf zu beordern, weil er als einer der wenigen Spieler im türkischen Kader für Überraschungsmomente sorgen kann. Wenn er dann auch noch anfängt Tore zu schießen, wird ihm nicht nur der Applaus seiner Mitspieler sicher sein.

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