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Hannover 96 Hannovers alternativloser Aufstieg

Die ausgelassenen Feierlichkeiten zur Bundesliga-Rückkehr von Hannover 96 sind mit einer feinen Spitze gegen den allmächtigen Präsidenten Martin Kind versehen.

Hannover
Party pur in Hannover: 96-Stürmer Niclas Füllkrug mit dem Aufstiegs-T-Shirt, auch Oliver Pocher (r.) feiert in der Menge mit. Foto: dpa

Martin Kind sind die 73 Lebensjahre nicht am Gesicht abzulesen. Im Hauptberuf kümmert sich der umtriebige Unternehmer zwar nicht um Hautpflegeprodukte, sondern um Hörgeräte, doch sein Teint sieht so aus, als habe er den Frühjahrs-Abstecher nach Mallorca, zu dem die Profifußballer von Hannover 96 am Dienstag aufbrechen wollen, schon hinter sich. „Die Mannschaft, der Trainer, der Manager, die sollen feiern“, sagte Kind mit breitem Grinsen – und reklamierte für sich allein die bodenständige Beobachterrolle. „Ich trinke keinen Alkohol.“

Vielleicht ganz gut, wenn wenigstens einer im roten Rausch nüchtern bleibt. Was am Sonntag mit einer spontanen Jubelarie von 8500 mitgereisten Anhängern nach dem vorerst letzten Zweitligaspiel begann, stilecht in der Provinz am Rande der Schwetzinger Hardt im Rhein-Neckar-Kreis, mündete am Montag in eine große Sause in Niedersachsens Landeshauptstadt: Auf dem Trammplatz vor dem Neuen Rathaus hatte Hannover 96 selbst unbescheiden die „größte Party des Jahres“ angekündigt, zu der die Massen strömten und die neuen Helden sich ins Goldene Buch der Stadt eintrugen.

Abgesehen vom Präsidenten führt der Verein genügend Feierbiester unter den Funktionsträgern: Trainer André Breitenreiter („ein Jahr Zittern ist vorbei“) und Manager Horst Heldt („verspüre die pure Erleichterung“), beide erst seit wenigen Monaten im Amt, pafften im spontanen Freudentaumel so intensiv an ihren Zigarren, dass sie im Kabinentrakt des Hardtwaldstadions einen Feueralarm auslösten. Dort trugen beide übrigens auch jene T-Shirts, die mit einer feinen Spitze auf ihren Vorgesetzten versehen waren. „Der Aufstieg ... und die Feier ist alternativlos“ stand in Anspielung darauf, dass Kind den Aufstieg öffentlich als alternativlos tituliert hatte.

„Ziele muss man deutlich und konsequent formulieren“, rechtfertigte sich der Firmenboss mit dem Fußball-Faible. Auf Platz vier stehend in der Rückrunde erst Geschäftsführer Martin Bader, anschließend Cheftrainer Daniel Stendel zu entlassen, hatte nicht ungeteilten Beifall ausgelöst, gestand Kind, aber: „Die radikalen Wechsel waren notwendig.“

Auch solche Eingeständnisse gehörten aus seiner Sicht zu den brutalen Folgen eines Abstiegs. „Ich wünsche solche Erfahrungen keinem Entscheidungsträger. Es gibt genug Beispiele, dass Klubs es danach nicht mehr geschafft haben.“ Das Beispiel des nun wiederholt um die Zweitligazugehörigkeit bangenden TSV 1860 München nahm er selbst in den Mund, der 1. FC Nürnberg oder 1. FC Kaiserslautern wären im selben Atemzug zu nennen.

Hannover 96 orientiert sich hingegen von sofort an wieder an Klubs, die Eintracht Frankfurt, 1. FC Köln oder Werder Bremen heißen. Das Problem: Die Konkurrenten verwalten inzwischen einen dreistelligen Millionenumsatz. Der Aufsteiger wird sein Budget zwar auf 85 Millionen Euro erhöhen, und allein der Lizenzspieleretat wächst von 24 auf 40 Millionen, aber Kind und seinen Gesellschafterkollegen reicht das nicht – gerade wenn im nächsten Jahr die 50+1-Regel für diesen Standort fällt.

Auch vor diesem Hintergrund kam der Abstieg eigentlich zur Unzeit. „Den Rückstand nach einem Jahr zweite Liga aufzuholen, wird ein langer Prozess, der mindestens drei Jahre dauert. Im ersten Jahr wollen wir uns stabil aufstellen“, sagte Kind. Ob dann Platz elf oder 13 herausspringe, sei eigentlich egal, aber es brauche Geduld und Beharrlichkeit, „bis wir uns schrittweise wieder anders orientieren“. Der Klubchef spricht von „neuen Herausforderungen“, mit denen sich neben Heldt und Breitenreiter auch der im Aufsichtsrat tätige Martin Andermatt auseinandersetzen soll, auf den Kind große Stücke hält.

Zunächst geht es um die Tragfähigkeit des aktuellen Kaders, der auch intern nur als bedingt bundesligatauglich erachtet wird: Verstärkungen für alle Mannschaftsteile sollen kommen, wobei Michael Esser (Darmstadt) als Torhüter, Dennis Aogo (Schalke), Pirmin Schwegler (Hoffenheim) oder Christian Träsch (Wolfsburg) als Stabilisatoren bereits öffentlich als mögliche Neuzugänge kursieren.

Kind sagt: „Die derzeitige Leistungsstruktur gilt es ehrlich zu beurteilen. Der Wettbewerb der ersten Liga ist noch einmal schwieriger geworden.“ Deshalb will der kahlköpfige Macher übrigens auch noch nicht im Sommer seinen Chefposten aufgeben. Einen genauen Zeitplan für die Stabübergabe gibt es nicht, die allein dieser Prämisse folgt: „Ich möchte Hannover 96 stabil und zukunftsorientiert übergeben.“ Und solange der Boss so vital aussieht, muss ja auch noch nicht Schluss sein.

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