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Hamburger SV Frisch verliebt in den HSV

Der erstmalige Bundesligaabstieg hat in Hamburg eine schöne neue Fußballwelt eröffnet. Der HSV hat den jüngsten Kader der Bundesligen, der Saisonauftakt ist ausverkauft.

HSV
Nimmt einen neuen Anlauf: Pierre-Michel Lasogga und mit ihm der ganze HSV. Foto: dpa

Rückblende: Mitte März verliert der Hamburger SV 0:6 in München. Am nächsten Morgen stehen Grabkreuze am Trainingsplatz im Volkspark, ein Plakat hängt am Zaun: „Eure Zeit ist abgelaufen. Wir kriegen euch alle.“ Die Zeitungen kommentieren angewidert, in Hamburg würden „die letzten Grenzen des Anstands“ fallen. Vorstand Bruchhagen weg, Sportchef Todt weg, auch Trainer Hollerbach wird eilig rausgeworfen. Zum nächsten Heimspiel fahren Wasserwerfer auf. Die Polizei fürchtet, der kollektive Frust könnte ein Ventil in Gewalt finden. Dem HSV droht, der Laden um die Ohren zu fliegen. Aber das tut er nicht.

Fünf Monate und einen Abstieg später reißen sich die Fans um die Eintrittskarten für das erste Zweitligaheimspiel der Vereinshistorie gegen Holstein Kiel. Die Saisonauftaktpartie am heutigen Freitagabend (20.30 Uhr/Sky), die die Deutsche Fußball-Liga mit Brimborium feiern wird, ist seit Wochen ausverkauft. Es ist verrückt: Die immensen Kräfte der Gemeinsamkeit eines Traditionsvereins wirken stärker als die Fliehkräfte eines gefallenen Dinos. 7000 neue Mitglieder haben sich im Sommer angemeldet, mehr als 80.000 Menschen gehören jetzt dem HSV an, 25.000 sind stolze Besitzer einer Dauerkarte.

Bernd Hoffmann, der ebenso machtbewusste wie verbalfiligrane Präsident, findet seinen Verein derzeit im „Honeymoonmodus“ vor. Die Fans sind frisch verliebt in ihre Rothosen. Der neue, vom nächsten Gegner Kiel abgeworbene Sportvorstand Ralf Becker spürt „richtig guten Rückenwind“ durch die „Jetzt-erst-Recht-Mentalität“ im Umfeld. Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass der Abstieg gefühlt bereits in jenen düsteren Tagen im März geschah. Als es dann im Mai tatsächlich soweit war trotz eines 2:1-Sieges über Borussia Mönchengladbach, haben 50 Chaoten Feuer gemacht, und 50 000 haben die Absteiger gefeiert. So war das. Die Leute hatten schon im Frühjahr das Gefühl, Zeugen eines Neuanfangs zu sein. Jetzt freuen sie sich gemeinsam, nach Jahren des Darbens endlich mal wieder die Aussicht auf mehr Siege als Niederlagen zu bekommen.

Die Tapferkeitsmedaille in Gold gebührt dem Trainer, Christian Titz, einem 47-jährigen Mannheimer, den der mutige Nachwuchschef Bernhard Peters entdeckt, als Fußballlehrer für die zweite Mannschaft verpflichtet und schließlich zum Chefcoach befördert hat. Titz hat den untoten Dino vom Sterbebett gezogen und aufgepäppelt. Sein untypischer Werdegang außerhalb des Spitzenfußballs erlaubt ihm einen unverstellten Blick aufs Profidasein. Seinen Spielern lebt der gelernte Verwaltungsfachangestellte und Fußballfachbuchautor vor, dass sie ihr privilegiertes Leben den Leuten zu verdanken haben, die Eintrittsgelder zahlen, Trikots kaufen und TV-Abos beziehen. Diesen Menschen gilt es, nicht nur Leistung, sondern auch Zeit zurück zu schenken. Noch nie wurden so ausdauernd Autogramme geschrieben wie derzeit in Hamburg.

Konsequenter Ballbesitzfußball

Mit seiner Lehre des konsequenten Ballbesitzfußballs, ausgehend von Torhüter Julian Pollersbeck als elften Feldspieler, hat Titz zudem die Spielweise revolutioniert. Auch nach dem Scheitern des Ballbesitzspiels bei der WM will er seiner Linie treu bleiben. Titz verweist darauf, dass in drei europäischen Topligen Ballbesitzteams Meister wurden: die Bayern, Manchester City und der FC Barcelona. Tatsächlich ist seine Herangehensweise prädestiniert, in der zweiten Liga zu funktionieren. Zumal Sportchef Becker sowohl Fiete Arp, Lewis Holtby, Aaron Hunt, Gotoku Sakai, Douglas Santos, Gideon Jung und Kyriakos Papadopoulos halten konnte. Auch die abwanderungswilligen Filip Kostic und Albin Ekdal sind noch da, ebenso wie Großverdiener Pierre-Michel Lasogga.

So viel Erfahrung hat sonst niemand im Unterhaus, und dennoch kann Becker mit Fug und Recht darauf verweisen: „Wir haben den jüngsten Kader der ersten und zweiten Liga.“ Eine komplette Elf aus eigenen Nachwuchskräften könnte Förderer Titz aufs Feld schicken. Das ist, kein Zweifel, auch eine großartige Leistung des Nachwuchschefs Peters, der eigentlich Beckers Job haben wollte, stattdessen aber nun sogar unfreiwillig sein Büro in der Arena räumen und in den benachbarten Jugendcampus umziehen musste. Mit Peters, so Becker, seien „die Verantwortungsbereiche abgeklärt“. Man darf gespannt sein, wie sich das zurechtruckelt. Becker, vormals Chefscout beim VfB Stuttgart, sagt jedenfalls: „Die Jugend soll auch in Zukunft ein wichtiger Baustein sein.“ Da wäre es hilfreich, einen Topexperten wie Bernhard Peters im Führungsteam zu integrieren und nicht zu vertreiben.

Wie sehr die Jungen gebraucht werden, zeigt sich aktuell: Da Jung und Papadopoulos sich in der Vorbereitung aber jeweils Knorpelschäden in den Knien zuzogen und langfristig ausfallen, befinden sich die Hanseaten in akuter Innenverteidiger-Not. Rick van Drongelen und Stephan Ambrosius (beide 19) stehen bereit.

Der HSV ist einerseits reich – 28 Millionen Euro Personaletat sind mehr als das Doppelte des Zweitligaschnitts –, andererseits auch arm: Vergangene Saison waren es noch 55 Millionen Euro, also fast doppelt so viel. Sich trotz der Sparzwänge über die finanziellen Möglichkeiten zu beschweren, wäre im Zweitligavergleich „Jammern auf hohem Niveau“, sagt Becker und warnt: „Wenn wir denken, der HSV ist zu groß für die zweite Liga, dann machen wir schon den ersten großen Fehler.“

Die berühmte Stadionuhr läuft übrigens weiter. Sie wurde lediglich umgestellt und zählt nicht mehr die Stunden seit Bundesligabeginn 1963, sondern seit der Vereinsgründung 1887. Eine echte Steigerung.

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