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Andreas Rettig „Dann sollen die doch ihr Geld verbrennen“

St. Pauli-Manager Andreas Rettig sorgt sich um die Auswüchse im Profifußball und die Entwicklung im Pay-TV: „Schluss damit, dann kriegen wir halt ein paar Euro weniger“.

FC St .Pauli
Gilt als härtester Verteidiger der 50-plus-eins-Regel: Andreas Rettig. Foto: imago

Andreas Rettig hat Probleme mit der Lendenwirbelsäule. Der 54-Jährige sitzt deshalb nicht, sondern läuft beim Interview zwischen Bürostuhl, Flipchart und Schreibtisch hin und her. Der Geschäftsführer des Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli führt den Besucher zunächst zu einer Loge, die auf Initiative des Vereins mit Unterstützung eines Sponsors als Musikschule für sozial benachteiligte Jugendliche genutzt wird, dann schreitet man gemeinsam durch den Spielertunnel ins Stadion am Millerntor und blickt vom Spielfeld aus herauf zur Kindertagesstätte in einer Ecke der Arena. Schließlich zeigt Rettig einen anderthalbminütigen Spot, in dem der Verein sich weit über das Sportliche hinaus im besten Lichte darstellt. Dann kann es losgehen – und hört nach anderthalb Stunden erst auf, als ein Feueralarm ertönt. Falscher Alarm zum Glück.

Herr Rettig, Sie gelten als härtester Verteidiger der 50-plus-eins-Regel, die milliardenschweren Investoren den ungehinderten Weg in die Fußball-Bundesliga verschließt. Selbst Dogmatiker wie Ihr Kollege Heribert Bruchhagen sehen inzwischen ein, dass die Regel im Grunde in die Mottenkiste gehört. Warum akzeptieren Sie das nicht?
Schauen Sie hinaus in die Wirtschaftswelt, was dort gerade passiert: Die chinesische Unternehmensgruppe HNA kauft für mehr als 40 Milliarden Euro global Firmen und Beteiligungen auf, unter anderem bei der Deutschen Bank (Rettig hält einen Zeitungsartikel hoch). Das „Handelsblatt“ brauchte Monate, um zu sezieren, welche Investoren hinter der HNA stehen (Rettig wedelt mit dem Zeitungsartikel). Das sind Vorboten, was auch dem Fußball passieren kann.

Die bösen Chinesen und Scheichs zerstören den guten deutschen Fußball?
Wenn wir die Schranken für einen ungehemmten Kapitalzufluss in den deutschen Profifußball öffnen, kann es dazu führen, dass wir gar nicht wissen, woher das Kapital denn eigentlich kommt. Das wäre ein klarer Angriff auf die Integrität des Sports. Es muss bekannt sein, aus welchen Kanälen das Geld kommt. Wer soll das kontrollieren?

Sie waren bis September 2015 zweieinhalb Jahre Geschäftsführer bei der Deutschen Fußball-Liga und kennen sich aus. Es ist Ihnen ja in dieser Zeit noch nicht einmal gelungen, RB Leipzig nachzuweisen, dass der Brauseklub faktisch gegen die 50-plus-eins-Regel verstößt.
Ich hatte meine Unterschrift unter die Lizenz für RB Leipzig verweigert. Der Lizenzierungsausschuss hat dann anders entschieden. Ich habe das sogar in gewisser Weise nachvollziehen können.

Warum?
Es ging um eine Güterabwägung: auf der einen Seite das Verbandsrecht, das den Fall RB Leipzig als möglichen Umgehungstatbestand interpretieren konnte, um die 50-plus-eins-Regel auszuschalten, auf der anderen Seite die Gefahr, dass der Klub vor einem ordentlichen Gericht klagt. Hier hätte es dann zu einer für den Verband unter wirtschaftlichen, aber auch unter zeitlichen Gesichtspunkten zu einer nicht mit beherrschbaren Situation kommen können.

Der Lizenzierungsausschuss aus Vereinsfunktionären kassiert den Entscheid des Geschäftsführers. Das DFL-Konstrukt ist offenbar nicht frei von eigenen Interessen?
Naja, zu viel sollte man da nicht hineininterpretieren, aber ich würde mir hier schon eine unabhängigere Instanz im Lizenzierungsverfahren wünschen. Derzeit ist es so, dass die Entscheidungen von Klubvertretern getroffen werden, die mit anderen im Wettbewerb stehen. Ich finde das nicht richtig. Denn Mitglieder im Lizenzierungsausschuss haben einen Wettbewerbsvorteil. Wenn ich das auf einen anderen Wirtschaftsbereich übertrage, hieße das: Die Firma Bayer befindet darüber, ob die Firma Merck ein Präparat auf den Markt bringen darf.

Was schlagen Sie also vor?
Eine neutrale Instanz mit externen Experten, die über die Lizenzvergabe befindet. Ganz am Ende kann dann gerne noch ein Ligavorstand stehen.

Sportpolitische Entscheidungen, die dann aus Furcht vor juristischen Konsequenzen kleinmütig ausfallen? Ist das beim Financial Fairplay der Uefa nicht ähnlich gelagert?
Im Fall Paris Saint Germain steht die Uefa vor der Frage: Können wir als europäischer Verband mit dem ganz scharfen Schwert kommen und Paris aus der Champions League schmeißen ohne Angst zu haben, dass der Klub danach den Rechtsweg mit möglicherweise unvorhersehbaren Konsequenzen beschreitet?

Sie fordern deshalb mehr Unterstützung von der Politik. Was sollen Politiker für den Profifußball tun?
Wenn klar wäre für Paris Saint Germain, dass eine Verbandsentscheidung auch den politischen Willen der EU widerspiegelt, wäre die Gefahr geringer, dass das Financial Fairplay durch einzelne Klubs ad absurdum geführt wird. Ich wünsche mir von der Politik, dass sie den Fußball als besonderen Wirtschaftszweig anerkennt und somit die Verbandsautonomie, da wo sie schutzwürdig ist, stärkt. Der Fußball ist eben nicht eins zu eins vergleichbar mit anderen Wirtschaftsbereichen. Er ist immer noch Volkssport.

Die Topspieler in der Bundesliga kassieren mehr als zehn Millionen Euro im Jahr. Eine Familie muss in der Regel mehr als 100 Euro zahlen, wenn sie gemeinsam ins Stadion gehen will. Kann man noch von einem Volkssport sprechen, wenn künftig sogar die Champions League komplett ins Bezahlfernsehen verschwindet und die Bundesliga inzwischen auf zwei Pay-Plattformen ausgestrahlt wird?
Wir hätten überhaupt kein Problem damit, wenn diese Entwicklung gebremst würde. Zuletzt hat sich auch DFL-Geschäftsführer Christian Seifert in einer bemerkenswerten Rede dahingehend geäußert, in dem er genau die Frage gestellt hat, ob wir vielleicht auch bereit sind, einen Schritt zurück zu gehen?

Bislang sind die Pay-TV-Pakete rein auf Erlösmaximierung geschnürt worden.
Das stimmt. Deshalb fand ich es erstaunlich, dass Herr Seifert uns Vereinen den Spiegel vorgehalten hat. Wir können nicht nach immer mehr Geld vom Fernsehen schreien und uns hinterher beschweren, dass Erstligaspiele am Montagabend stattfinden. Ich hätte nichts dagegen zu sagen: Schluss damit, dann kriegen wir halt ein paar Euro weniger. Ich fände es gut, wenn mehr Klubs Sensibilität dahingehend entwickelten.

Dennoch, Herr Rettig, es ist schwerlich nachvollziehbar, dass ein hochgradig kommerzialisierter Unterhaltungsbetrieb wie der Profifußball eine besondere Schutzzone durch die Politik geschenkt bekommen soll.
Ich widerspreche Ihnen ausdrücklich. Nehmen Sie den Fall Heinz Müller.

Der ehemalige Torwart von Mainz 05, der am 16. Januar in dritter Instanz vor dem Bundesarbeitsgericht in Erfurt darauf klagt, dass er als Arbeitnehmer Anspruch auf einen unbefristeten Vertrag bis zur Rente hat?
Ich empfinde es als eine absurde Vorstellung, dass ein hochbezahlter Profi nach Ende seiner Vertragslaufzeit einfach weiter bis 65 angestellt bleiben müsste. Es gibt ein eigenes Arbeitsrecht bei den Kirchen, warum gibt es das nicht auch für den Profifußball? Auch hier ist die Politik gefragt, für Spielregeln zu sorgen, die so etwas von vorne herein verhindern.

Wie aber sollen deutsche Politiker den Bundesligabetrieb vor Investoren schützen vor dem Hintergrund, dass diese Investoren in allen anderen europäischen Topligen vorbehaltlos erlaubt sind?
Was gewinnen wir denn durch Investoren für das Gesamtwerk Fußball? Schauen Sie in die Annalen: Die großen Patriarchen Jean Löring mit Fortuna Köln, Klaus Steilmann mit Wattenscheid 09, Axel Dünnwald-Metzler mit den Stuttgarter Kickers, Harald Piepenbrock mit dem VfL Osnabrück – das war, was deren Investorentätigkeit angeht, nichts anderes damals als jetzt beim Hamburger SV das Modell Kühne. Und mit welcher Konsequenz? Fortuna Köln: abgestürzt, Wattenscheid: abgestürzt, Stuttgarter Kickers: abgestürzt, Osnabrück: abgestürzt.

Es gibt Gegenbeispiele: Roman Abramowitsch mit dem FC Chelsea, der ein mausgrauer Londoner Stadtteilverein war, ehe der Russe ihn zu einer Weltmarke entwickelt hat.
Ein besseres Beispiel ist für mich Dietmar Hopp in Hoffenheim. Was er dort geleistet hat, ist großartig.

Herr Hopp hat aus einem klitzekleinen Dorfverein, der eigentlich in die Kreisliga gehört, praktisch im Alleingang mit 350 Millionen Euro einen Bundesliga-Spitzenklub geformt. Warum ist das großartig?
Vor allem deshalb, weil es sich um einen verlässlichen Investor mit familiärer Verwurzelung und Herzblut am Standort handelt. Er hat in die Infrastruktur investiert und ein beträchtliches Engagement für soziale Projekte geleistet. Deshalb habe ich bei der Entscheidung, dass auch Herr Hopp nach 20 Jahren eine Ausnahmegenehmigung von der 50-plus-eins-Regel erhält, zugestimmt.

Soll soziale Kompetenz und Herzblut Bewertungsgrundlage für die Übernahme von deutschen Lizenzklubs werden?
In der Bundesliga geht es sehr wohl um Verlässlichkeit, deshalb muss ein Investor ja auch 20 Jahre bei der Stange bleiben, ehe er einen Verein wie Hopp übernehmen darf.

Die 50-plus-eins-Regel gilt in Deutschland für alle, außer für den VfL Wolfsburg, Bayer Leverkusen, 1899 Hoffenheim, RB Leipzig und bald wohl auch für Hannover 96. Stört Sie das überhaupt nicht?
Doch. Das sehe ich als ungleichen Wettbewerb. Wir vom FC St. Pauli haben deshalb vorgeschlagen, dass diejenigen Klubs, die einen Wettbewerbsvorteil haben, weil sie 100 Prozent ihrer Anteile verkaufen dürfen, bei der TV-Verteilung anders behandelt werden.

Schlechter?
Die Idee war, dass diese Klubs weniger aus den Fernsehtöpfen bekommen, um den Vorteil der Kapitalbeschaffung auszugleichen. Der Vorschlag lag auf dem Tisch. Daraus wurde gemacht: „Rettig kündigt Solidarität auf und will Werksvereine ausschließen.“

In der Bundesliga wird die Meisterschaft langweilig. In England hat sich, auch dank des freien Kapitalverkehrs, die finanzstärkste und spannendste Liga der Welt entwickelt. Dort gibt es über die Jahre keinen Klub wie den FC Bayern, der mit seiner haushohen Überlegenheit den öden Titelgewinn zur Endlosschleife macht.
Mir fehlt die Phantasie, mir vorzustellen, dass ein Investor derart viel investiert, dass die Bayern angegriffen werden könnten. Der Zug ist abgefahren. Bayern München wird nicht mehr zu putzen sein. Und was glauben Sie denn, was passieren würde, wenn auch bei uns das Kapital freien Zugang in die Bundesligen hätte? Wer würde, um geografisch bei Ihnen zu bleiben, mehr Geld einsammeln können? Eintracht Frankfurt oder Darmstadt 98?

Vermutlich die Eintracht.
Sehen Sie: Dass durch den Wegfall der 50-plus-eins-Regel der Wettbewerb gestärkt würde, ist blanker Unsinn. Denn die Vereine, die eine starke Marke darstellen, die also ohnehin einen Vorsprung haben, bekämen mehr Geld.

Der deutsche Fußball wird derzeit aber auch international abgehängt.
Glauben Sie allen Ernstes, dass Bayern München dank Investoren plötzlich Neymar für, sagen wir, 250 Millionen Euro verpflichten könnte? Wissen Sie, was dann passieren würde? Dann würde der Scheich von Katar halt 300 Millionen Euro auf den Tisch legen. Sie können diesen Wettstreit gegen Staatsfonds und Oligarchen nicht gewinnen.

Es bestünde aber die Möglichkeit, dass ein Klub wie Eintracht Frankfurt derart gestärkt würde, dass er bessere Chancen hätte, zu einem Spitzenverein zu gedeihen.
Wir müssen uns grundsätzlich fragen: Wollen wir die Wettbewerbsfähigkeit für fünf oder sechs Klubs verbessern oder wollen wir uns mehr um die gesellschaftliche Bedeutung des Fußballs kümmern? Wollen wir unbedingt, dass Bayern München die Champion League gewinnt oder wollen wir den Fußball hierzulande schützen?

Sie tun ja gerade so, als sei der Profifußball in Deutschland mit mehr als drei Milliarden Euro Umsatz ein hohes schützenswertes Kulturgut.
Der Fußball ist für mich gesellschaftlicher Kitt, der mehr und mehr bröckelt, ein Volkssport, der sich nicht noch weiter von den Menschen entfernen darf. Natürlich wollen auch wir Geld verdienen, damit wir mitspielen können. Wir wollen aber auch Botschaften transportieren und beschränken uns deshalb selbst. Beim Stadionnamen, bei der Werbung vor den Heimspielen, bei den Eintrittspreisen. Uns ist es wichtig, dass wir uns für gesellschaftliche Themen einsetzen. Das ist für uns Fußballkultur. Wir machen nicht jeden Blödsinn mit. Lassen Sie den Scheich doch 300 Millionen Euro zahlen. Dann sollen die doch ihr Geld verbrennen. Warum müssen wir in diesen Wettlauf einsteigen? Wir in Deutschland müssen unseren eigenen Weg gehen.

Aber die Fußballkultur gibt es doch gar nicht mehr wirklich!
Da widerspreche ich Ihnen. Wir haben hier noch Stehplätze zu bezahlbaren Preisen, die sich nahezu jeder leisten kann. Das sehe ich durchaus als Fußballkultur an. In England fangen sie in dieser Frage gerade an, die Zeit zurückzudrehen. Außerdem haben wir hier noch eine Vereinskultur: Die Mitglieder könnten zum Beispiel über eine Abwahl entscheiden, wenn unser Präsident Oke Göttlich Käse gemacht hätte.

De facto können in den meisten Klubs die Mitglieder doch nicht mehr beeinflussen, was im operativen Geschäft passiert.
Das sehe ich anders: Selbst bei Bayern München ist durchaus öfter mal bei einer Mitgliederversammlung Druck auf dem Kessel, auch wenn richtigerweise von den Mitgliedern keine operativen Entscheidungen getroffen werden können.

Können Sie nachvollziehen, dass es eine Gruppe von Amateurvertretern gibt, die die Distanz zur Bundesliga und zum Dachverband DFB als unerträglich empfinden?
Ich habe sehr wohl Verständnis, wenn man sich fragt: Momentchen mal, da werden wegen der WM-Affäre acht Millionen Euro für die Rechtsanwälte von Freshfields ausgegeben, da müssen zudem mehr zudem als 19 Millionen Euro Steuern nachgezahlt werden. Da reden wir über schlanke 27 Millionen. Dass das Fragen provoziert, verstehe ich. Aber ich muss den Amateuren in höheren Spielklassen auch zurufen: Jeder kann nur dort spielen, wo er es auch bezahlen kann. Auch wenn ich mit immer größerer Sorge das immer weiter wachsende wirtschaftliche Delta zwischen Zweiter Bundesliga und Dritter Liga registriere.

Die Drittligisten sehen das ganz ähnlich.
Ich warne deshalb auch davor, künftig in zwei Dritten Ligen zu spielen. Denn das würde den Abstand zur Zweiten Bundesliga noch einmal vergrößern. Das wären für mich die Vorboten zum Closed Shop. Diese Entwicklung kritisiere ich auch mit Blick auf den finanziellen Abstand zwischen erster und zweiter Liga. Dieser Abstand wäre ohne die 50-plus-eins-Regel im Übrigen noch viel größer, weil Investoren ihr Geld eher in die Topliga stecken. Und diese Investoren werden dann darauf drängen, dass ihre Klubs immer in der ersten Liga dabei sind. Dann wären wir nicht mehr weit davon entfernt, den Auf- und Abstieg abzuschaffen.

Würde sich der Fußball dann nicht selbst kaputt machen?
Der sportliche Wettstreit ist ja leider schon stark ins Ungleichgewicht geraten. Wenn jetzt auch das Drama und die Tränen bei Auf- und Abstieg abgeschafft würden, könnten wir den Laden gleich ganz zumachen.

Interview: Jan Christian Müller

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