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Videobeweis Was die WM die Bundesliga lehrt

Präziser, transparenter, langsamer: Der deutsche Fußball orientiert sich beim Videoassistenten an Erkenntnissen von der WM in Russland.

WM-Finale
Auch beim WM-Finale kam der Videobeweis zum Einsatz. Foto: rtr

In einschlägigen Internetportalen, die sich mit Erfahrungsberichten von Arztpatienten auseinandersetzen, wurde es bis Freitagmorgen noch ergebnisoffen diskutiert: dass Dr. Jochen Drees seine in dritter Generation geführte Arztpraxis im rheinland-pfälzischen Münster-Sarmsheim aufgibt. Aus dem Gerücht wird tatsächlich Wirklichkeit. „Am 1. Oktober wird die Praxis geschlossen. Ein schwerer Abschied“, räumte Drees auf einer Pressekonferenz in Frankfurt ein, weil sich der 48-Jährige einem „gehaltvollen Thema“ widmet, das das Wohlbefinden des deutschen Profifußballs steigern soll: der Verbesserung beim Einsatz des Videoassistenten (VAR). 

Der Ex-Bundesliga-Schiedsrichter steigt zum Projektleiter Videoassistenten auf und kann wegen der Komplexität des Themas beide Tätigkeiten nicht mehr in Einklang bringen. Die Zeit der Notoperationen ist zwar vorüber, aber der Reformbedarf nach Verbesserungen nicht beendet. Die Rückrunde ist für Schiedsrichterchef Lutz-Michael Fröhlich „eigentlich gut“ verlaufen. Im Gegensatz zur Hinrunde, als Interventionen aus dem Kölner Kontrollraum elf Fehlentscheidungen zu verantworten hatten.

Ausgerechnet die WM hat der Bundesliga beim VAR-Einsatz den Spiegel vorgehalten, dass es doch besser gegangen wäre, so dass der deutsche Profifußball sich den Erfahrungen in Russland unmöglich verschließen kann. Laut DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann sei nach objektiven Zahlen die Bundesliga-Rückrunde ähnlich verlaufen wie die WM-Endrunde. Hier 0,29 Eingriffe im Schnitt pro Spiel, dort 0,31. Hier 99,25 Prozent richtige Entscheidungen, dort 99,34. Dass der gemeine Betrachter von Ligaalltag und WM-Turnier subjektiv einen anderen Eindruck hat, könnte damit zusammenhängen, so Zimmermann, „dass die große Öffentlichkeit erwartet hatte, die WM würde im Chaos münden.“ Entgegen aller Befürchtungen funktionierte das Zusammenspiel fast durchgängig, zumal der von der Fifa eingesetzte Aufpasser Pierluigi Collina Richtigkeit über Schnelligkeit stellte. So dauerte es bei der WM im Schnitt 80 Sekunden beim Überprüfen einer Szene, in der Bundesliga waren es 57. 

Hinweise auf Videowänden

Damit konnten Stadionbesucher zwischen Kaliningrad und Jekaterinburg zumeist prima leben, weil der Entscheidungsprozess transparent erklärt wurde. Mit Einblendungen auf den Videowänden, die in betroffenen Fällen sogar die Szenen wiederholten. Letzteres kann die Bundesliga allein aus technischen und strukturellen Gründen nicht kopieren. „Wir haben nicht die zentrale Hoheit über die Stadionregie“, erkläre DFL-Direktor Ansgar Schwenken, „zudem ist die Qualität der Videowände zu unterschiedlich.“ Gleichwohl sollen im Stadion in Textform Hinweise auftauchen, um welche Situation (z.B. Strafstoß), welche Überprüfung (z.B. Abseits im Vorfeld) und welche Entscheidung (z.B. kein Strafstoß) es sich handelt.

Dafür muss der Assistent des Videoassistenten künftig zeitnah eine Applikation bedienen, die aber laut Drees einfach zu handhaben ist. Gleichwohl werde jetzt noch bei den Freundschaftsspielen getestet, damit zum Start in zwei Wochen die Zusatzarbeit einwandfrei erledigt werden kann, erläuterte der 48-Jährige, der selbst nicht mehr seinen Job als Videoassistent erledigt. Insgesamt gebe es rund 100 Varianten, die an die Stadionbetreiber übermittelt werden – und bestenfalls schleunigst auf den Videowänden auftauchen. Schwenken deutete an, dass anfangs noch Störungen zu erwarten seien. 

Immerhin: Auch im Fernsehbild soll eingeblendet werden, warum das Spiel unterbrochen wurde. Das Fernsehsignal soll ähnlich wie bei der WM in drei Bilder gesplittet werden. Erstaunlich, dass die Fifa auf einmal in Sachen Transparenz für den DFB zum Vorbild mutiert. Und auch in Sachen der kalibrierten Abseitslinien wird sich die Liga beim Fifa-Anbieter Hawk Eye bedienen. Mit diesem Hilfsmittel lassen sich auch kniffligste Abseitsentscheidungen auflösen, weil eine 3D-Variante erlaubt, ein Lot zu fällen – der Videoassistent muss nur schauen, mit welchem Körperteil der im Abseits stehende Spieler ein Tor erzielt. Diese Messmethode scheint dringend nötig, zählte Fröhlich doch in der zweiten Halbserie allein 40 solch haariger Abseitsstellungen, „viel, viel mehr als bei der WM“.

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