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Videobeweis „Der Video-Assistent ist ein gutes Projekt“

DFB-Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich spricht im Interview über die Probleme beim Projekt Video-Assistent, die Degradierung des Kollegen Hellmut Krug und die maue Stimmung unter den Referees.

Schiedsrichter Tobias Stieler, Caglar Söyüncü und Julian Schuster
Tobias Stieler (l.) zeigt dem Freiburger Caglar Söyüncü nach Videobeweis Rot. Julian Schuster versteht zu Recht die Welt nicht mehr. Foto: imago

Herr Fröhlich, Sie klangen vor Einführung des Videobeweises sehr optimistisch, dass das Projekt eine Erfolgsgeschichte wird. Was ist in den letzten schlaflosen Nächten von dem Optimismus noch geblieben?
Ich bin grundsätzlich ein positiver Mensch. Nicht nur deshalb bin ich weiter überzeugt, dass der Video-Assistent ein gutes Projekt ist, das den Fußball in der Bundesliga gerechter macht. Aber Perfektion von Beginn an kann und darf bei einem solchen Großprojekt nicht der Anspruch sein.

Momentan wirkt manches eher wie Willkür. Können Sie verstehen, dass niemand mehr den Videobeweis versteht?
Das Hauptproblem ist, dass das Thema Video-Assistent zuletzt derart in den Mittelpunkt gerückt ist, dass man fast meinen könnte, der Fußball auf dem Rasen wäre nur noch Nebensache. Wir müssen mit allen Beteiligten wieder dafür sorgen, dass der Fußball wieder die Hauptsache und der Video-Assistent zur Nebensache wird, dass er sich nur dann zu Wort meldet, wenn er dem Fußball helfen kann. 

Was hat gut funktioniert und was ist schiefgelaufen bisher?
Die Vorbereitung des Projektes war sehr gut, da wurde akribisch gearbeitet und intensiv geschult. Und dann kam der Tag, an dem das System live ging.

Und dann war es vorbei mit dem guten Weg?
Nein, das nicht. An den bisherigen elf Spieltagen konnten im Durchschnitt drei klare Fehlentscheidungen pro Spieltag korrigiert werden. Das ist wirklich mehr als positiv. Was jedoch noch nicht gelungen ist, ist eine transparente und für alle verständliche Abgrenzung: Was ist eine klare Fehlentscheidung? Zudem sind die Abläufe offensichtlich noch nicht transparent genug. Auch daran muss gearbeitet werden.

Was heißt das konkret?
Es ist zum Beispiel wichtig, die Klubs noch stärker einzubinden. Gerade wenn es darum geht, wann der Video-Assistent eingreifen soll und wann nicht. Das Feedback der Vereine muss mit in die Entscheidungsfindung einfließen. 

Die meisten Bundesliga-Manager reagieren genervt, wenn Sie auf das leidige Thema angesprochen werden!
Deshalb werden wir fortan noch stärker auf Dialog setzen und genau hinhören, was wir in die Weiterentwicklung einbringen können. Schon zeitnah wollen wir uns deshalb mit allen Vereinen treffen. Aber ich warne davor, wieder zu schnell Schlüsse für grundsätzliche Anpassungen zu ziehen. Dann besteht die Gefahr, wie wir gesehen haben, dass es unübersichtlich wird.

Wie ist das zu verstehen?
Es müssen alle mitgenommen werden, die von diesem Projekt betroffen sind. Bei jedem Schritt. Es muss für alle jederzeit verständlich bleiben. Das ist auch die große Herausforderung des Projektes. Grundlage muss immer das weltweit gültige Protokoll des Ifab (International Football Association Board der Fifa, das die Regeln aufstellt, die Red.) sein. Auf dieser Basis muss der Video-Assistent weiter zur Anwendung kommen. Momentan wird ja vor allem kritisiert, dass die Video-Assistenten in einigen Spielen zu viel intervenieren, in anderen Spielen wiederum zu wenig. 

Die Video-Assistenten haben also keine klare Linie?
So kommt es in der Öffentlichkeit zumindest rüber. Das liegt aber auch daran, weil oft aus negativer Betroffenheit über den Video-Assistenten gesprochen wird. Das ist dann nicht positiv für das Projekt. Dabei verdient die Arbeit der Schiedsrichter auf dem Rasen unter diesen neuen und schwierigen Bedingungen durchaus Anerkennung. 

Deshalb haben Sie die Angelegenheit auch zur Chefsache gemacht?
Das hatte bekanntlich auch andere Gründe und war das Ergebnis intensiver Überlegungen und Abstimmungen. 

Fröhlich ist vom Videobeweis überzeugt

Sie mussten es zur Chefsache machen, nachdem der bisherige Projektleiter Hellmut Krug in einer Krisensitzung unter Mitwirkung von DFB-Präsident Reinhard Grindel abgesetzt wurde?
In den vergangenen Wochen wurde leider immer wieder Dinge in den Medien lanciert, die für den bisherigen Projektleiter Hellmut Krug sehr belastend waren. Deshalb mussten wir diese Entscheidung treffen: Zum Schutz des Schiedsrichterwesens, für eine positive Fortführung des Gesamtprojekts Video-Assistent und nicht zuletzt zum Schutz der Person Hellmut Krug. 

Der Freiburger Präsident Fritz Keller hat vorgeschlagen, das Projekt umgehend zu Grabe zu tragen. Ginge das überhaupt oder steht der DFB vertraglich bei der Fifa im Wort?
Ob das ginge, weiß ich nicht, aber das ist für uns ohnehin keine Option. Wie gesagt, wir sind nach wie vor überzeugt, dass sich der Videobeweis durchsetzen wird. Warum also Ausstieg? Wir werden weiter versuchen, das Projekt voranzubringen. Und 33 korrigierte Fehlentscheidungen motivieren uns zusätzlich. 

Würden Sie im Rückblick sagen, dass der Video-Assistent besser nicht in der emotional und medial so unerbittlich ausgeleuchteten Ersten Bundesliga getestet worden wäre, sondern besser in der Dritten Liga?
Das wäre aufgrund des technischen und finanziellen Aufwands gar nicht möglich gewesen. 

Würden Sie der Fifa, Stand jetzt, empfehlen, den Video-Assistenten bei der WM 2018 nicht einzusetzen?
Diese Entscheidung wird die Fifa auf der Basis ihrer Einschätzung und weltweit gesammelten Erkenntnisse eigenständig treffen. Da bedarf es keiner Empfehlung unsererseits. Und noch einmal: Ich bin vom Video-Assistenten überzeugt, warum sollte ich also der Fifa sagen: Macht das nicht!

Könnten Sie sich vorstellen, dass man alles komplett auf Null stellt, den Trainern jeder Mannschaft einen oder zwei Challenges pro Begegnung gewährt und denen damit die Entscheidung überträgt, wann eingegriffen werden soll und wann nicht?
Das ist im Moment durch die protokollarischen Vorgaben der Fifa nicht möglich. Aber wir denken in der Testphase über vieles nach. 

Warum werden durch den Videobeweis revidierte Entscheidungen nicht auf den Videoleinwänden gezeigt, damit die Fans im Stadion sie nachvollziehen können?
Das wurde vor der Saison intensiv diskutiert, aber die Vereine haben sich dann zunächst einmal dagegen ausgesprochen. 

Eigentlich sollte mit Unterstützung des Video-Assistenten Druck von den Schiedsrichtern auf dem Feld genommen werden. Derzeit gewinnt man eher den Eindruck, der Druck habe sich nur noch erhöht? 
Das stimmt. Vor allem, weil das Instrument Video-Assistent und damit auch das Thema Schiedsrichter zu sehr im Mittelpunkt steht. Das nervt den Fußballfan, der will Fußball und den Ball rollen sehen. 

Spieler monieren, dass sie über ein Tor gar nicht mehr ausgelassen jubeln können, weil jeweils noch gecheckt wird, ob es regelgerecht gefallen ist. Dieses Problem wird ihnen der Video-Assistent wohl kaum abnehmen können?
Ja, aber wenn man den Video-Assistent einsetzen will, damit nur regelkonforme Treffer gelten, dann muss man diese Entwicklung akzeptieren. Grundsätzlich sollen sich alle im Spiel weiterhin so verhalten, als gäbe es den Video-Assistenten nicht. Die Schiedsrichter sollen die Entscheidungen so treffen, wie sie es für richtig halten. Die Spieler sollten Ihre Spielzüge zu Ende durchführen und sich über Torerfolge freuen. Und der Video-Assistent soll eben nur eingreifen, wenn aus Schiedsrichtersicht etwas klar falsch gelaufen ist. 

Damit wieder zur Frage: Was ist klar falsch? 
Nehmen wir als Beispiel eine Entscheidung bei der WM 1986: Das Handspiel von Diego Maradona gegen England hat fast jeder im Stadion und im Fernsehen gesehen. Der Arm war weit oberhalb des Kopfes, und mit der Hand wurde der Ball ins Tor bugsiert. Ein entscheidendes Tor. Solche Szenen schaden dem Fußball. Wenn solche Tore gelten, hat dafür niemand Verständnis. Das muss erstmal die Basislinie für die Definition „klarer Fehler“ sein, von der aus man sich dann Schritt für Schritt in die Detaillierung begibt.

Konkret gefragt in die Gegenwart: In Mönchengladbach macht der Mainzer Öztunali ein Tor, kurz zuvor hat sein Teamkollege Serdar den Gladbacher Ginter gefoult, was kaum jemand mitbekommen hat. Das Tor wird nach Intervention des Video-Assistenten aberkannt. Solche Treffer sollten künftig wieder zählen?
Nein, sollten sie nicht. Die TV-Bilder sind auch hier eindeutig.

Das Video-Assist-Center in Köln wird von vielen Fans als Darkroom wahrgenommen! Was tut der Supervisor hinter den Video-Assistenten im Studio eigentlich?
Bisher war der Supervisor als fachlicher Berater vor Ort, den die Video-Assistenten in Zweifelsfällen fachlich kontaktieren und um Rat fragen konnten. In dieser Form brauchen wir ihn in Zukunft aber nicht mehr. Mittlerweile hat der Video-Assistent einen Zweitliga-Schiedsrichter als Berater an der Seite. Fortan soll der Supervisor, oder wie er dann auch heißen mag, eine reine Beobachterrolle einnehmen, während des Spiels nicht mehr mit den Video-Assistenten sprechen und die Partien nach Abpfiff mit ihnen analysieren.

Hat denn Hellmut Krug nach Ihren internen Ermittlungen in seiner Funktion als Supervisor beim Spiel Schalke gegen Wolfsburg über das erlaubte Maß hinaus eingegriffen?
Der Video-Assistent Marco Fritz hat fachlichen Rat von Supervisor gefordert, aber dabei keine Entscheidungsvorgabe von ihm erhalten. Er hat seine Entscheidung eigenständig getroffen und dem Schiedsrichter mitgeteilt. An der Entscheidungsfindung gibt es nichts zu beanstanden. 

Wird Krug als Supervisor weiterarbeiten dürfen?
Wie gesagt, den Supervisor wird es in dieser Form nicht mehr geben.

Es war sogar die Rede von Manipulation, weil der Gelsenkirchener Krug den FC Schalke bevorzugt habe. Können Sie das ausschließen?
Nach Rücksprache mit dem Video-Assistenten und nach Kontrolle der visuellen und akustischen Dokumentation aus dem Review Center kann ich nichts erkennen, was auf eine Manipulation hindeuten würde. 

Intern rumort es aber doch gewaltig. Die DFB-Ethikkommission regt an, dass eine moderne, transparente und gerechte Struktur entwickelt wird. Sehen Sie diese Forderung als gerechtfertigt an? Sie wurde ja vor der Saison auch in einem Interview von Schiedsrichter Manuel Gräfe erhoben.
Weiterentwicklung ist immer ein Thema und diesen Weg sind wir in den vergangenen Jahren auch konsequent gegangen. Wir haben bereits eine Menge im Schiedsrichterwesen modernisiert. Aber das ist ein andauernder Prozess. 

Dennoch ist von Vetternwirtschaft und Seilschaften mit der Bevorzugung einzelner Referees die Rede. Die DFL fordert deshalb sogar die Gründung einer eigenen Schiedsrichter GmbH. 
Ich denke, dazu ist schon alles gesagt. Viele der zuletzt geäußerten Vorwürfe stammen aus der Zeit vor der eingeleiteten Modernisierung. Wir sind auf einem guten Weg. In den vergangenen Jahren wurde sehr viel verbessert und professionalisiert. Die Rahmenbedingungen für die Schiedsrichter sind deutlich besser geworden, sowohl, was Transparenz, Honorierung als auch Einsatzplanung angeht. 

„Die Stimmung war sehr gut“

Und sogar noch mehr? 
Richtig. Es gibt ein umfangreiches Athletikcoaching, wir haben sportpsychologisches Coaching eingeführt, das alles wird sehr gut angenommen. Wir haben das Beobachtungwesen drastisch reformiert und die Noten abgeschafft zugunsten einer stärker inhaltlichen Bewertung. Ein Schiedsrichter kann jetzt sehr detailliert an Defiziten arbeiten und Stärken weiter formen. Auch eine Spielleitung mit kleineren Fehlern kann am Ende durchaus eine gute Leistung gewesen sein. Die Talentförderung ist auf einem guten Weg. Die Kommunikation mit den Schiedsrichtern ist intensiv und zielführend. 

Klingt sehr rosarot.
Tatsächlich war die Stimmung unter den Eliteschiedsrichtern bis zum Saisonstart sehr gut. Alle haben sich auf die neue Saison gefreut. Aber nach dem Interview und dem missglückten Start des Video-Assistenten kamen schwere Wochen, in denen viel Porzellan zu Bruch gegangen ist. Doch wir sind inhaltlich an den Themen dran und schauen jetzt nach vorne. Alle Schiedsrichter wollen sich nach der Länderspielpause wieder in Ruhe auf Ihre Aufgaben konzentrieren und gute Leistungen bringen. 

Die DFB-Ethikkommission hat den Einfluss von Herbert Fandel und Hellmut Krug erheblich beschnitten. Wie stehen Sie dazu?
Das habe ich zur Kenntnis genommen, werde mich dazu aber nicht weiter äußern. 

Manuel Gräfe wurde zuletzt in der Dritten Liga beim Spiel Magdeburg gegen Wehen-Wiesbaden eingesetzt. War das eine Strafversetzung? 
Nein. Unsere Elite-Schiedsrichter werden immer wieder auch in der Zweiten Bundesliga oder der Dritten Liga angesetzt. 

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