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TSG Hoffenheim Reichlich Fett angefressen

Die TSG Hoffenheim fühlt sich bestens präpariert für den strapaziösen Tanz auf drei Hochzeiten. Teil 3 der FR-Tipptabelle.

Trainer Julian Nagelsmann
Sogar Ballhochhalten kann er ganz allein: Julian Nagelsmann. Foto: imago

Zehn Jahre nach dem Erstligaaufstieg hat sich die TSG Hoffenheim erstmals für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert. Ein Dorf mit knapp 3300 Einwohnern, mit 350 Millionen Euro aus der Privatschatulle von Milliardär Dietmar Hopp weich und klug gepampert, ist zur Fußballmacht geworden. Wohl dem Dorf, das so einen Gönner hat und damit derart berühmt wird.

Wie ist die Stimmung?
Sie könnte wohl kaum besser sein. Die Vorfreude auf Pokal, Bundesliga und vor allem die erste Teilnahme an der Champions League-Gruppenphase ist riesig. Im gesamten Klub. Überall wird gewerkelt, gemacht und getan. Journalisten aus aller Welt sind auf Einladung des Klubs zu Gast, um die unglaubliche Geschichte des Klubs und seines großen Förderers kennenzulernen, die Uefa geht ein und aus. Der große Fußball ist angekommen. Der Saisonstart hat es indes in sich: Erst die pikante Aufgabe beim Drittligisten 1. FC Kaiserslautern im Pokalderby, wo die TSG alles andere als beliebt ist und sich vor ein paar Jahren gerade noch vorm Abstieg rettete, und sechs Tage später die Saisoneröffnung bei Bayern München. Und bei aller guter Laune: Es liegt auch ein Hauch von Wehmut über der neuen Saison: Der junge Vater des Erfolgs, Julian „Superman“ Nagelsmann, ist im kommenden Sommer weg, entfleucht gen Leipzig, auf Nimmerwiedersehen.

Wie stark ist der Kader?
Die TSG hat mit der extrem anspruchsvollen internationalen Aufgabe eine komplizierte Saison vor sich. In Hoffenheim glauben sie, dass die Balance stimmt und die Neuen bestens zu denen passen, die schon in der Vergangenheit neben spielerischer Intelligenz und körperlicher Präsenz auch Charakter gezeigt haben. Aber gerade Leute wie Rückkehrer Grifo aus Mönchengladbach, Belfodil aus Bremen und Bittencourt aus Köln müssen erst noch zeigen, dass sie für so hohe Aufgaben die Qualität mitbringen. Toptransfer ist der ghanaische Innenverteidiger Kasim Adams, der die ohnehin stabile Dreierkette noch mehr verdichten soll. Und natürlich sind Abgänge wie Serge Gnabry undMark Uth, der ja nicht nur Tore erzielt, sondern durch seine sehr speziellen Laufwege auch viele vorbereitet hat, nicht einfach zu kompensieren.

Worauf steht der Trainer?
Momentan auf Knoppers Nussriegel und Vespa-Roller. Fußballerisch auf Flexibilität und Variabilität, didaktisch auf eine riesige Videoleinwand am Trainingsplatz und stete technische Innovationen. Seine Training ist komplex und fordert eine hohe Beteiligung aller Sinne bei seinen Spielern. Ohnehin dürfte es keinen noch so leisen Zweifel geben: Der 31-Jährige ist vermutlich das Beste, was das deutsche Trainertalentreservoir jemals hergegeben hat. Kein Wunder, dass sogar Real Madrid ihn wollte. Aber momentan steht er lieber noch auf Hoffenheim. Guter Mann!

Wo hapert’s noch?
Nach dem imposanten 8:2 vom Samstag gegen den niederländischen Erstligisten Heerenveen im Grunde nirgends. Im zweiten Trainingslager, das seit Sonntag in Windischgarsten stattfindet, wollte Nagelsmann eigentlich an Offensivsystemen feilen. Ist gar nicht mehr so arg nötig. Hinten gab´s noch einige Abstimmungsprobleme. Ansonsten: Die beiden Langzeitverletzten Lukas Rupp (Kreuzbandriss) und Dennis Geiger (schwere Sehnen-Verletzung im rechten Oberschenkel) sind auf einem guten Weg, werden aber die Anfangsphase der Saison verpassen.

Wer sticht heraus?
Der Trainer natürlich. Ansonsten fällt schwer, einen Einzelnen herauszunehmen. Kerem Demirbay? Benjamin Hübner? Kevin Vogt? Nico Schulz? Viele Spieler haben sich hervorragend entwickelt. Variabel, schnell, mutig, offensiv – das sind Attribute des Spiels der TSG, die alle verinnerlicht haben. Typisch für Hoffenheim: Es spielen sich Jahr für Jahr Akteure in den Fokus, die zunächst einmal nicht jeder auf der Rechnung hatte. Beste Beispiele: Nico Schulz oder Florian Grillitsch in der Rückrunde, auch Dennis Geiger in seiner Debütsaison bis zu seiner Verletzung.

Wie geht’s dem Schatzmeister?
In Hoffenheim hört der Schatzmeister auf den Namen Frank Briel. Der Finanzchef ist ein Schatzmeister, der tatsächlich auch einen Schatz verwalten darf. Die Bilanz des abgelaufenen Geschäftsjahres wird zwar erst im Herbst veröffentlicht, sie wird aber eher sommerliche Gefühle auslösen. Die Transferüberschüsse, gepaart mit den Einnahmen aus der erstmaligen Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb in der vergangenen Saison, sorgen dafür, dass die TSG seit Jahren das von Mäzen Hopp vorgegebene Ziel erfüllt, sich selbst tragen zu können. Da macht es fast gar nichts, dass der schwer gescheiterte Hopp-Transfer Hansi Flick so schnell wieder weg war und einige Milliönchen Abfindung gekostet hat. Die TSG präsentiert eine Rekordbilanz mit weit über 100 Millionen Euro Umsatz (zuletzt 111 Millionen bei einer Million Gewinn), die nicht nur Polster schafft, sondern auch die Förderung von Nachwuchsspielern begünstigt. Hopps fettes Invest beginnt sich zu tragen, weil in Hoffenheim Geschäftsführer Peter Görlich und Sportchef Alexander Rosen über den Tag hinausdenken.

Was ist drin?
Nagelsmann sagt: „Wir haben eine spannende und herausfordernde Saison vor uns, gehen selbstbewusst die drei Wettbewerbe an und wollen in der Bundesliga wieder eine gute Rolle spielen.“ Die Aussage hört sich an, als sei sie aus der Asservatenkammer der Trainer-Sprechblasen geholt. Gähn. Der pfiffige Nagelsmann kann das besser. Selbst wenn der Tanz auf drei Hochzeiten strapaziös sein wird.. Vergangene Saison versagte Hoffenheim in der Europa League auf ganzer Linie, krabbelte in der Bundesliga aber aus dem Tal heraus und wurde am Ende gefeierter Dritter. Dortmund, Leverkusen und Leipzig dürften im kommenden Spieljahr einen ähnlichen Husarenritt der Kraichgauer zu verhindern wissen. Aber dieser Nagelsmann ist halt ein Zauberer.

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