Lade Inhalte...

TSG Hoffenheim Der Faktor Nagelsmann

Wenn einer dem FC Bayern zur Saisoneröffnung die Stirn bietet, dann der besonders listige Trainer der TSG Hoffenheim.

Julian Nagelsmann
Hat mit der TSG Hoffenheim in dieser Saison wieder Großes vor: Trainer Julian Nagelsmann. Foto: dpa

Julian Nagelsmann hat in der Sommerpause seine Ernährung „ein bisschen“ umgestellt, wie er sagt. Seit ein paar Wochen nimmt der Trainer der TSG Hoffenheim weniger zuckerhaltige Nahrung zu sich. Das heißt aber nicht, dass der erst jüngst 31 Jahre jung gewordene Oberbayer nicht ab und zu kulinarisch sündigt. Als er neulich Pokalgegner Kaiserslautern beim Drittligakick beobachtete, teilte er sich mit seinem Freund und Videoanalysten Benjamin Glück eine Currywurst. Die Generalprobe vor der ersten Bundesligapartie gewann die TSG dann auf dem Betzenberg eindrucksvoll mit 6:1. Nagelsmann kommentierte in seiner typisch launigen Art: „Ich gehe davon aus, dass die Bayern ein bisschen besser spielen als der FCK.“ Angst macht das diesem Trainer aber nicht vor dem Anpfiff der ersten Partie der Saison 2018/19 seiner TSG an diesem Freitag (20.30 Uhr/ZDF) in München.

Nagelsmann agiert fast immer maximal mutig, im Zweifel handelt er nach dem Motto: Risiko vor Sicherheit. Das macht diesen im Denken extrem offenen Trainer so spannend. Seine Risikobereitschaft hat aber nichts mit jugendlichem Überschwang zu tun. Nagelsmann hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren gelernt, „dass meine Art der Herangehensweise nicht so schlecht ist“. Aus schier auswegloser Situation rettete der damalige Juniorentrainer die Profis der TSG zunächst vor dem Abstieg, dann führte er sie auf den vierten Platz in der Liga und in der vergangenen Runde sogar auf Rang drei. Nun will Nagelsmann diesen sagenhaften Erfolg noch einmal toppen, er sagt: „Ich strebe immer nach dem Maximalen, und das Maximale ist die Meisterschaft.“

Dass ihm solche Aussagen von den Tageshysterikern im Scheitern einmal vorgehalten werden könnten, findet Nagelsmann zwar nicht gut, nimmt er aber in Kauf. Er sagt: „Was soll ich der Mannschaft denn nach dem dritten Platz sagen? Dass wir Sechster werden wollen?“ Hey, und warum sollte ein Sportler nicht immer nach dem Höchsten streben? Mehr Mut à la Nagelsmann kann dieser Liga nur guttun, erneut droht ja ein gewaltig langweiliger Alleingang der Bayern zum Titel.

Nagelsmann ist das Gegenteil eines Angsthasen. Aber er ist auch detailbesessen in der Trainingsarbeit und überlässt nichts dem Zufall. Kein Spieler kann sich erinnern, zweimal dieselbe Übung im Training gemacht zu haben. Der dynamische Entwickler fordert seine Spieler ständig zum Mitdenken und Mitreden auf. Wie ihr Trainer denkt, so spielt diese Mannschaft: flexibel, wach im Kopf, reaktionsschnell und immer für eine Überraschung gut. Eine Überraschung war auch, als Nagelsmann während der WM seinen Wechsel nach der Runde zu RB Leipzig öffentlich machte. Dass er auf der Kandidatenliste von Real Madrid stand, ist keine Erfindung.

Aber auch wegen der fehlenden Sprachkenntnisse fühlte sich dieser begabte Rhetoriker noch nicht bereit für einen Branchenriesen im Ausland. Aber er weiß auch, dass ihm die ganz großen Klubs nicht weglaufen werden. Mit dem Wechsel nach Leipzig sieht er für sich den nächsten logischen Schritt in seiner Karriere, dort könnte er regelmäßig um Titel spielen. In Hoffenheim hinterlässt er durch die Champions-League-Teilnahme ein gewaltiges Erbe und hat die Grenzen des Klubs nach oben geschoben. Das will er auch in Leipzig schaffen: ein Erbe schaffen, die Grenzen nach oben schieben. Die Hoffenheimer Verantwortlichen sind überzeugt, dass die frühe Wechselankündigung Nagelsmann nicht zur „Lame Duck“ macht, sondern den ehrgeizigen Trainer und die Mannschaft nur noch mehr zusammenschweißt. Nagelsmann betont: „Das ist nicht meine Abschiedstournee, ich brenne für diesen Job in Hoffenheim.“

Nagelsmann weist ohne Koketterie darauf hin, dass er seinen Spielern sehr viel zu verdanken habe. Aber das ist natürlich umgekehrt in noch größerem Maße der Fall. Nagelsmann schafft, wovon viele Trainer nur reden: Er macht Mannschaften und einzelne Spieler notorisch besser. Joelinton, ein brasilianischer Mittelstürmer, der zuletzt zwei Jahre leihweise bei Rapid Wien kickte, könnte der Nächste sein in einer langen Reihe von Profis, die unter diesem Trainer vom vermeintlichen Durchschnitts- zum Spitzenspieler mutierten. Kevin Vogt, Nico Schulz, Andrej Kramaric, Kerem Demirbay oder Pavel Kaderabek sind nur die prominentesten Beispiele. Und Nagelsmann jammert nie, zumindest nicht öffentlich.

Das war so, als ihm der FC Bayern in der vergangenen Saison mit den Nationalspielern Süle, Rudy und Wagner eine ganze Achse wegholte. Und auch jetzt nicht, nachdem die Stürmer Serge Gnabry (Bayern) und Mark Uth (Schalke) im Sommer Hoffenheim verließen. Durch Zugänge wie Vincenzo Grifo (Gladbach) oder Leonardo Bittencourt (Köln) sieht der Trainer den Kader „leistungsstabiler in der Breite“ aufgestellt und mit mehr Torgefahr aus dem Mittelfeld ausgestattet.

Er sei jetzt ein richtiger Trainer, sagte der Mountainbike-Liebhaber Nagelsmann, nachdem er nach dem enttäuschend frühen Aus in der Europa League viel Kritik einstecken musste. Die erste kleine Krise seiner Laufbahn verwandelte er am Ende in einen Triumph mit Platz drei. Zweimal denselben Fehler machte dieser selbstbewusste Gaspedaltreter nie. Julian Nagelsmann sagt: „Erfahrung kann man nicht kaufen, man muss das Leben erleben.“ Die Erfahrung mit dieser listigen Ausnahmefigur zeigt: Man sollte ihm weiterhin das maximal Mögliche zutrauen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen