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SC Freiburg Seelenpflege am Melksimulator

Der SC Freiburg rechnet nach der starken Vorsaison wieder mit einem harten Abstiegskampf.

SC Freiburg
Nicht alle leeren Plätze konnten in Freiburg bislang aufgefüllt werden. Foto: dpa

Es dauerte nicht lange, bis die Freiburger wieder bei sich waren, drei Tage nur. Es war Sonntag und das Wetter prächtig, und auf dem Parkplatz des alten Dreisamstadions, das jetzt Schwarzwaldstadion heißt, hatte man zur familiengerechten Belustigung tausender Fans einige Attraktionen aufgebaut: Alles dabei, von der klassischen Hüpfburg bis hin zum authentischen Kuhmelksimulator, spendiert vom aufs Kühemelken spezialisierte Hauptsponsor. Auch in den Mannschaftsbus durfte man zur Feier des Tages reinlaufen, und dort also, wo sich am vorangegangenen Donnerstag in Ljubljana noch die deprimierten SC-Profis in ihre Sitze fläzten, funkelten nun Kinderaugen um die Wette.

Gut, das Fußballspiel zur offiziellen Saisoneröffnung hat der Sport-Club dann verloren, 1:2 gegen den FC Turin, aber alles in allem verfehlten auch diese 90 Minuten ihre identitätsstiftende Wirkung nicht. Die junge Ersatzelf des SC spielte teilweise begeisternd auf gegen die erfahrenen Italiener, Klein nervt Groß, es ist das klassische Freiburger Fußballthema – dessen Kehrseite man kurz zuvor in Slowenien kennengelernt hatte. Erst das Aus in der dritten Runde der Europa-League-Qualifikation, gegen den Fußballzwerg NK Domzale, hatte die Seelenpflege unter der Sonne Südbadens ja so wertvoll gemacht.

„Wenigstens“, sagte SC-Trainer Christian Streich nach dem 0:2 in Slowenien, „haben wir jetzt Zeit zum Arbeiten.“ Das klang nach Zynismus, war aber nichts als die Wahrheit. Schön, diese regelmäßigen Ausflüge zur Wochenmitte, aber wer ständig im europäischen Ausland herumreist, kann sich nicht gleichzeitig aufs nächste Bundesliga-Wochenende vorbereiten. Streich graut es ja ein bisschen, wenn er an die Qualen der Saison 2013/14 denkt, als der Sport-Club bis zum Winter in der Europa League mitmachte, mit einer im Kern neuaufgestellten Mannschaft, und erst dank eines gewaltigen Kraftaktes in der Rückrunde in der Liga blieb. Noch mehr graut es Streich, wenn er an den Abstieg im Jahr drauf denkt.

Im Sommer 2013 hatte die halbe Stammelf die Stadt verlassen, es ist dieses Mal nicht ganz so schlimm, und dennoch: Zwei der Besten sind wieder weg. Vincenzo Grifo, Standardspezialist und Dribbelmeister, wurde für sechs Millionen Euro zu Borussia Mönchengladbach geklauselt, für Maximilian Philipp gab es von Borussia Dortmund sogar 20 Millionen. Viel Geld, damit lässt sich was bewegen, aber eher ungünstig ist für den SCF, dass er gerade auf einem äußerst unappetitlichen Transfermarkt nach Ersatz für Philipp und Grifo fahnden muss.

Neulich, auf der Pressekonferenz vor dem Hinspiel gegen Domzale, hat Streich öffentlich sein Mitleid mit den beiden Sportdirektoren Jochen Saier und Klemens Hartenbach kundgetan. „Die arbeiten rund um die Uhr, bereiten alles perfekt vor. Und müssen dann so viele Enttäuschungen verarbeiten.“ Streich bezeichnet das Geschäftsgebahren der Vereine als immer autoritärer und reaktionärer, der Wille der Spieler würde bisweilen einfach übergangen, des Geldes wegen. Es gilt als verbrieft, dass das 19-jährige Offensivtalent Cengiz Ünder von Basaksehir am liebsten zum SC Freiburg gekommen wäre, dorthin, wo er sich in Ruhe entwickeln kann, wie schon sein Freund Caglar Söyüncü, der Innenverteidiger. Der Sport-Club ging finanziell an die Schmerzgrenze, die Rede ist von neun Millionen Euro, aber plötzlich saß Ünder in einem Auto und wurde an einen Ort gebracht, wo er dann einen Vertrag beim AS Rom unterschrieb. Bei den Römern, hört man, sei er nun bereits nach wenigen Wochen ziemlich unglücklich.

Den zahlreichen Absagen stehen bislang erst zwei externe Neuzugänge gegenüber, der österreichische Innenverteidiger Philipp Lienhart, 21, kam von Real Madrid B an die Dreisam, der Pole Bartosz Kapustka, 20, von Leicester City. Während sich Lienhart in der Saisonvorbereitung bereits für die Startelf empfahl, muss der hochtalentierte Kapustka noch ein bisschen aufgepäppelt werden, nicht nur körperlich. Bei der Europameisterschaft 2016 spielte er an der Seite von Robert Lewandowski, in England dann: Kein Ligaeinsatz, wenig Wertschätzung. Beim SC steckten sie ihn gleich im Trainingslager in Schruns mit Julian Schuster auf ein Zimmer, Kapitän und Seele dieser Mannschaft. Schuster, 32, kann einem signalisieren: Hier zählst du.

„Wir stehen vor einer sehr, sehr anspruchsvollen Saison“, hat Christian Streich  in Ljubljana gesagt. Der siebte Platz der Vorsaison ist illusorisch, der Sport-Club gehört zu den natürlichen Abstiegskandidaten, noch mehr als sonst angesichts der Absteiger (Darmstadt, Ingolstadt) und Aufsteiger (Stuttgart, Hannover). Der Kader ist noch nicht fertig, Saier und Hartenbach fahren weiter rastlos von Termin zu Termin, aber gleichzeitig deuten sich in der Heimat ein paar schöne Entwicklungen an. Florian Kath zum Beispiel, 22, zuletzt ein Jahr an den FC Magdeburg ausgeliehen. Beim Spiel gegen Turin gehörten seine Dribblings zur größten Attraktion. Woran auch der Kuhmelksimulator auf dem Parkplatz nichts änderte.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Bundesliga-Vorschau

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