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SC Freiburg Pilzbefall an der Dreisam

Der Sport-Club geht nach einem gelungenen Transfersommer guten Mutes in die Saison - muss aber erst einmal mit einem Schädling fertig werden.

Nils Petersen
Bereit für die neue Saison: SC-Stürmer Nils Petersen. Foto: dpa

Sie schwelgen in diesem Sommer ein wenig in der Erinnerung, die Freiburger. 25 Jahre ist es her, dass der SCF erstmals in die Bundesliga aufstieg. Zum Auftakt damals, im August 1993, spielten die Breisgauer gleich mal beim FC Bayern, weshalb sich diese Bayern kürzlich zu Jubiläumszwecken für ein Nostalgiespiel der Traditionsmannschaften im alten Dreisamstadion einfanden. Damals unterlagen die Freiburger mit 1:3, diesmal gewannen sie, historisch detailgetreu vom guten alten Volker Finke betreut, mit dem gleichen Ergebnis. Weshalb sich der SC nun beruhigt und beseelt wieder der Gegenwart zuwenden kann.

Wie ist die Stimmung?
Pilzbefall durch Hitzestress lautete neulich die Diagnose im Schwarzwaldstadion. Gut, dass man so einen Rasen flugs ersetzen kann heutzutage. Nicht einmal der Umstand, dass die Dreisam vor den Toren des Sport-Clubs durch den trockenen Sommer zu einem Rinnsal verkommen ist (nur böse Großstädter behaupten übrigens, ein Rinnsal sei die Dreisam auch im Normalzustand) und stellenweise gar komplett verschwand, bringt in Freiburg niemanden aus der Fassung. Eine überaus mühsame Saison liegt hinter dem Verein, unablässig gab es Ärger mit dem Videoschiedsrichter, mit Verletzungen und ganz grundsätzlich mit dem komplizierten Spiel Fußball, sodass auch beim Trainer Christian Streich stressbedingter Pilzbefall zu befürchten war. Die Erleichterung, mit einem bedingt bundesligatauglichen Kader irgendwie doch den Klassenerhalt gewuppt zu haben, war groß in Südbaden. Die Hoffnung, dass es diesmal besser läuft, ist es ebenfalls.

Wie stark ist der Kader?
Stärker und ausgeglichener als zuletzt jedenfalls. Die Freiburger Verantwortlichen haben nicht lange rumgemacht nach der vermurksten Spielzeit 2017/18. Kaum war die letzte Partie abgepfiffen, wurden die Verpflichtungen von Innenverteidiger Dominique Heintz (25, kam per Ausstiegsklausel für drei Millionen Euro vom Absteiger 1. FC Köln) und Offensivmann Luca Waldschmidt (22, vom Hamburger SV für fünf Millionen) bekanntgegeben. Richtig, auch in Freiburg zahlt man inzwischen Beträge dieser Größenordnung. Der einst bei Eintracht Frankfurt ausgebildete Waldschmidt soll helfen, die Mängel auf den offensiven Flügeln zu beheben, nach einer guten Vorbereitung gilt er als gesetzt links vorne. „Der Luca kann halt kicken“, sagte Streich unlängst, was unbedingt als Lob zu verstehen ist.

Auch von Yoric Ravet erwarten sich die Breisgauer Offensivakzente, in der vergangenen Saison fiel der Techniker aus der Schweiz meistens verletzt aus. Er darf als interner Neuzugang gelten – genau wie Angreifer Florian Niederlechner, der nach einem Kniescheibenbruch ewig fehlte und im Sturm neben Nils Petersen erstmal gesetzt ist. Das Mittelfeld ist derweil mit einem Alleskönner ergänzt worden, der ehemalige Darmstädter Jerome Gondorf kam aus Bremen. Der Verlust des Innenverteidigers Caglar Söyüncü, der nach England zu Leicester City ging, lässt sich verschmerzen. Zumal im Gegenzug für das türkische Talent ein großer Geldsack nach Freiburg wanderte. Mehr als 20 Millionen Euro sollen drin gewesen sein.

Worauf steht der Trainer?
Eigentlich ja, der Freiburger Tradition gemäß, auf schönen, gepflegten Offensivfußball. Wovon in der vergangenen Saison allerdings wenig bis gar nichts zu sehen war, der Ästhet Streich ist im Zweifel halt auch ein Pragmatiker. Nach den schwerwiegenden Abgängen Maximilian Philipps und Vincenzo Grifos 2017, die nicht ansatzweise kompensiert werden konnten, und großen Verletzungsproblemen behalf sich der Sport-Club häufig mit untypischem, schwer zu ertragenden Defensivfußball. Das soll nach Möglichkeit wieder anders werden, sehr wahrscheinlich in einer 4-4-2-Grundformation. Die fleißigen SC-Trainer haben ihrem Team aber auch die Dreierkette eingebimst.

Wo hapert’s noch?
Ein Tempodribbler für die Außenbahn könnte nicht schaden, aber welchem Klub geht das nicht so. Zwar kam der Australier Brandon Borrello vom 1. FC Kaiserslautern, er hat sowohl Tempo als auch Dribbling und verfügt darüberhinaus über ein beeindruckenden Rauschebart; allerdings laboriert der 23-Jährige noch an den Folgen eines Kreuzbandrisses und dürfte frühestens in der Rückrunde eine Option sein. Ebenfalls noch gesucht: Ein Backup für die Linksverteidigerposition. Für den Fall, dass der unverwüstliche Schwarzwälder Christian Günter doch mal ein Spiel verpasst, was eigentlich ausgeschlossen ist. Außer vielleicht, die Sache mit dem Pilzbefall gerät völlig aus den Fungen, äh, Fugen.

Wer sticht heraus?
Nils Petersen ist bereits so tief in die Freiburger Vereinsseele eingesunken, dass es Leute gibt, die sich zu erinnern glauben, er sei schon im August 1993 im Münchner Olympiastadion dabei gewesen. Da verwechseln sie ihn mit René Linderer, der war früher auch blond. Petersen, 29, arbeitet seit Anfang 2015 an der Schwarzwaldstraße, er ist dort abgestiegen und wieder aufgestiegen, zum besten Joker der Bundesligageschichte avanciert, zum Olympiateilnehmer mit Deutschland und zum Fast-WM-Fahrer. Sein Arbeitsethos, seine Bescheidenheit und seine Reflektionsgabe auf dem Platz und daneben haben Petersen zu einer Kultfigur im Breisgau werden lassen. Außerdem schießt er halt verdammt viele Tore.

Wie geht’s dem Schatzmeister?
Bald wird ein neues Stadion gebaut, 76 Millionen Euro teuer, Eröffnung spätestens zu Beginn der Saison 2020/21. Der Sport-Club zahlt selbst – mit jährlichen Pachtzahlungen an eine städtische Objektträgergesellschaft. Die Freiburger sind ein gesunder Verein, dank umsichtigen Wirtschaftens und stetig steigenden TV-Einnahmen in der Bundesliga. Die verbesserte Vermarktungssituation durch das neue Stadion soll den Klub weiter stabilisieren, und vielleicht ist der Sport-Club irgendwann nicht mehr gezwungen, seine besten Spieler zu verkaufen. Alleine die Verkäufe Grifos, Philipps und Söyüncüs brachten zusammengenommen fast 50 Millionen Euro.

Was ist drin?
Freiburg verfügt über einen organisch gewachsenen Kader, der sinnvoll ergänzt wurde im Sommer. Ein heißer Abstiegskandidat ist die Streich-Elf natürlich trotzdem, alleine aus Gründen der Konkurrenz, die sich nicht jedes Jahr so dämlich anstellt wie Köln und Hamburg zuletzt. Dennoch: Am Ende wird’s der Klassenerhalt.

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