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RB Leipzig Ohne Abkürzung und Umweg

Die Vizemeisterschaft ist für Leipzig eher Ansporn als Verpflichtung, den Fortschritt noch zu beschleunigen.

Ralf Rangnick
Sportdirektor Ralf Rangnick will nur eine „sorgenfreie Saison“. Foto: dpa

Ein größerer Kontrast geht kaum. Aber dafür ist der DFB-Pokal doch da, dass eben auch die Sportfreunde Dorfmerkingen mal den Traum erleben, gegen die ganz Großen zu spielen. Eine verträumte Gemeinde irgendwo in der Schwäbischen Ostalb, dort, wo sich Fuchs und Hase noch Gute Nacht sagen. Es heißt, es gebe hier drei lokale Attraktionen. Die Dampflok der Härtsfeldbahn. Das Neresheimer Benediktinerkloster. Und die Fußballer. Die sind auf der Popularitätstreppe spätestens ganz oben, seit ihnen im DFB-Pokal das neueste Schwergewicht des deutschen Fußballs zugelost wurde. Rasenball Leipzig. 

Für das Gastspiel der Roten Bullen kann der Dorfsportplatz an der Felsenstraße des neuerdings in der Verbandsliga spielenden Favoritenschrecks – bereits der Gewinn des WFV-Pokals gegen die Stuttgarter Kickers war eine Sensation – nicht genutzt werden. Es geht nun in ein richtiges Stadion im benachbarten Aalen, und mehr als das ganze Dorf wird dabei sein. RB-Trainer Ralph Hasenhüttl dürfte seine Stars artig warnen, die vom Kollegen Helmut Dietterle, ehemals Profi des VfB Stuttgart, trainierten Amateure nicht zu unterschätzen, doch was Besseres hätte Leipzig kaum passieren können: Das Erstrundenduell am Sonntag (15.30 Uhr) bei einem Sechstligisten birgt kein Hass- und Randalepotenzial wie im Vorjahr das Sachsenderby bei Dynamo Dresden. 

Nur zur Erinnerung: In der aufgeladenen Atmosphäre landete irgendwann ein blutiger Bullenkopf im Innenraum der Dresdener Arena. Leipzigs Profis mit dem Bullenlogo auf der Brust ließen sich davon so sehr beeindrucken, dass im Pokal ganz früh Endstadion war. Die Geschichte wird sich kaum wiederholen. Dorfmerkingen hat ganz gewiss nicht Leipziger Kragenweite.

Die Gegner werden schon in einem Monat Real Madrid, FC Chelsea oder Paris St. Germain heißen. Das erste Pflichtspiel ist nur das putzige Vorprogramm zu einer Saison, die mit der Champions League eine neue Herausforderung, aber auch vorläufige Krönung des rasanten Aufstiegs darstellt. 

Die Lektion aus dem Pokal hatte Leipzig vor einem Jahr nämlich so rasch gelernt, dass Hasenhüttl seine Rasselbande schnurstracks zur Vizemeisterschaft coachte. In weiten Teilen vertraute der lässige Österreicher übrigens einem Kader, dessen Grundgerüst genau so eine Liga tiefer schon zusammengespielt hatte, was bei oberflächlicher Betrachtung gerne mal unterschlagen wird.

Der forsche Vorwärtsstil, laufintensiv, rasant, oft spektakulär, erwies sich auch außerhalb der neuen Bundesländer als Bereicherung. Vom elften bis 13. Spieltag standen die Überflieger aus dem Osten sogar auf Platz eins.

Mit der endgültigen Zulassung zur Königsklasse, die nach einer Uefa-Überprüfung wegen möglicher Interessenskollisionen mit Red Bull Salzburg völlig zu Recht auf der Kippe stand, herrschte früh genug Klarheit, dass der Kader mehr Tiefe braucht.

Die Einkäufe Jean-Kevin Augustin (20 Jahre/ 13 Millionen Euro Ablöse), Bruma (22 / 12,5), Konrad Laimer (20/ fünf), Yvon Mgogo (23/ fünf) oder Ibrahima Konaté (18/ ablösefrei) sind allesamt keine gestandenen Stars, sondern Bundesliga-Neulinge. Dass keiner von ihnen die interne Gehaltsobergrenze von 4,5 Millionen Euro reißt, versteht sich von selbst.

„Wir versuchen, gesund und nachhaltig zu wachsen“, beteuert Hasenhüttl. Der 49-Jährige will nichts überstürzen, macht keine ganz konkrete Zielvorgabe. Auch Ralf Rangnick, das ehrgeizige Mastermind im Hintergrund, hält den Ball flach. Der 59-Jährige will nur eine „sorgenfreie Saison“ spielen, was viel Understatement für den Brauseklub darstellt, der auf dem Rasen bereits über so viel Dynamik und abseits des Platzes über so eine geballte (Finanz-)Kraft verfügt. 

Kaum ein anderer Konkurrent – Bayern München und vielleicht Borussia Dortmund ausgenommen – hätte die Gesetzmäßigkeiten des Marktes derart konsequent negieren können: bei Angeboten für Korsettstangen also kategorisch Nein zu sagen, die mittlerweile auf dem überteuerten Markt nicht so einfach zu ersetzen gewesen wären. Naby Keita und Emil Forsberg erhielten ein Wechselverbot. Die beiden herausragenden Mittelfeldspieler sind Schlüsselfiguren im Red-Bull-Konstrukt und vertraglich eigentlich bis 2020 (Keita) bzw. sogar 2022 (Forsberg) gebunden. 

Dennoch standen die Interessenten bei deren Beratern Schlange. „Es ist ein Riesenkompliment für uns, dass wir solche Begehrlichkeiten geweckt haben, aber es nicht Sinn und Zweck unseres Weges, unsere Spieler bei den erstbesten Angeboten ziehen zu lassen“, stellte Hasenhüttl an. Weil er die beiden braucht, um die ehrgeizigen Ziele umzusetzen. Zwar ohne Abkürzung. Aber auch ohne Umweg. Der am Sonntag über die Sportfreunde Dorfmerkingen reicht schon.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Bundesliga-Vorschau

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