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Leipzig - Bremen Stille Kampfansage

RB Leipzig enttarnt Uli Hoeneß’ Vorhersagen als reichlich verwegen.

RB Leipzig - Werder Bremen
Ralph Hasenhüttl beglückwünscht Bernardo nach dem Erfolg. Foto: dpa

Es ist Sitte bei RB Leipzig, dass Pressekonferenzen von Cheftrainer Ralph Hasenhüttl nach einem Spiel nicht nur von Medienvertretern besucht werden. Oft genug hört im Hintergrund ein wachsames Dreigestirn zu, das die strategischen Weichen im durchgestylten Red-Bull-Gebilde stellt. Ralf Rangnick (Sportdirektor), Ulrich Wolter (Spielbetrieb und Organisation) und Florian Scholz (Leiter Medien, Kommunikation und Marketing) lauschten diesmal besonders gespannt, wie ihr Fußballlehrer wohl diesen hart erkämpften 2:0 (1:0)-Erfolg gegen Werder Bremen erklären würde.

„Wir mussten auf alles zurückgreifen, was im Tank ist“, sagte Hasenhüttl, der dann mit dem Arbeitssieg einen Tag vor der gemeinsamen Weihnachtsfeier genau jene Weiterentwicklung belobigte, die speziell die Konkurrenten im Westen – von Borussia Dortmund, FC Schalke 04, Borussia Mönchengladbach bis hin zu Bayer Leverkusen – hellhörig werden lassen sollte. Zwar schienen deutlich verbesserte Bremer mit ihrer mutigen Spielanlage zeitweise an der Punkteteilung zu schnuppern, aber der völlig heisere Hasenhüttl-Kollege Florian Kohfeldt begann nicht umsonst sein Statement mit einem „Riesenrespekt“ vor den Sachsen, wie diese so rasch den Spagat zwischen Bundesliga und Europapokal bewältigen würden.

Im nationalen Alltag nach internationalen Festspielen nicht nachzulassen, gilt als hohe Kunst, die in der Bundesliga auf Strecke eigentlich ja nur der FC Bayern beherrscht. Aber die Roten Bullen kommen ihnen auch in dieser Hinsicht immer näher. Sie enttarnten an einem verregneten November-Nachmittag die früheren Ferndiagnosen von Bayern-Oberhaupt Uli Hoeneß („Es ist nicht nur mit jungen Leuten schaffen, wenn man dreimal die Woche spielt“) als falsche Vorhersagen. Populistisches Geschwätz war es ohnehin, den Leipziger Siegeszug aus der Vorsaison damit zu erklären, die RB-Rasselbande sei nur deshalb so gut, weil sie unter der Woche immer die Beine hochlegen würde.

Lob für Keita

Vier Siege und ein Unentschieden nach den bisherigen Champions-League-Partien beweisen gerade das Gegenteil und bringen den Brauseklub nebenbei erneut in Schlagdistanz zum Tabellenführer. „Sich mit Bayern zu vergleichen ist schwierig“, sagte Nationalspieler Diego Demme. „Wir erledigen unsere Aufgaben, dann schauen wir, wo wir am Ende landen.“
Sein Trainer weiß, dass seine Spieler im Nachklapp zur Königsklasse nur selten noch Spektakel anbieten. „Die Spiele waren alle zäh und wurden am Ende über den Willen gewonnen“, räumte Hasenhüttl ein. Der gebürtige Grazer wirkte gleichwohl so zufrieden wie ein Familienvater, der noch vor dem ersten Advent alle Geschenke für die Verwandtschaft zusammen hat, um ganz entspannt Weihnachten und Jahreswechsel feiern zu können.

Die Punkte 24 bis 26 sind vorerst der Nachweis, dass der RB-Qualitätskader nicht nur viel in den Beinen, sondern auch in den Köpfen hat. „Sich alle drei, vier Tage hochzufahren, ist nicht einfach. Es geht in diesen Partien nur über die Mentalität“, sagte Mannschaftskapitän Willi Orban. Die Hausherren bohrten so beharrlich am erstaunlich flexiblen Bremer Brett, bis Naby Keita (34.) und Bernardo (87.) aus der Distanz den starken Werder-Torwart Jiri Pavlenka bezwungen hatten.

Hasenhüttl war seinen ureigenen Instinkten und finalen Trainingseindrücken gefolgt, indem der 49-Jährige selbst denjenigen Kandidaten, denen er nach der furiosen 4:1-Machtdemonstration beim AS Monaco zunächst eine Pause hätte verordnen wollte, in der Anfangself ließ, so dass die Anfangself bis auf den wegen einer ausgekugelten Schulter nicht einsatzbereiten Marcel Sabitzer am Leipziger Sportforum also dieselbe war wie vier Tage zuvor im Fürstentum.

Und gerade einem wie Dampfmacher Keita, wegen seinem fixierten Wechsel zum FC Liverpool, dreier Roter Karten und einer skurrilen Führerscheinaffäre fast andauernd in den Schlagzeilen, half neben gutem Zureden von Sportchef Rangnick auch der herbstliche Dauerbetrieb, um wieder in die Spur zu kommen. „Naby hat wieder Zugang zu seinem Spiel gefunden und ist auf dem Platz wesentlich fokussierter“, erklärte Hasenhüttl, „und wenn er alles reinpackt, ist er für uns unersetzlich.“ Das wachsame Dreigestirn in der hinteren Reihe schien mit imaginären Kopfnicken beizupflichten. Als stille Kampfansage.

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