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„Leadership Festival“ Bundesliga schließt die Lücke

Die Bundesliga hat ihre Lehren aus der Misere schneller gezogen als die Nationalmannschaft. Nun treffen sich die Führungskräfte in der Frankfurter DFB-Zentrale.

RB Leipzig - Borussia Mönchengladbach
Eins von vielen sehenswerten Duellen am vergangenen Sonntag: der Leipziger Spieler Bruma (l.) im Duell gegen seinen Gladbacher Kontrahenten Tobias Strobl. Foto: dpa

Noch sind die Umrisse der neuen Akademie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auf dem Gelände der ehemaligen Galopprennbahn in Frankfurt-Niederrad nicht einmal in Ansätzen zu erraten, da pflegt der Verband schon deren zukünftige Inhalte. Beim zweitägigen „Leadership Festival“ kommen in der DFB-Zentrale von heute an rund 100 Führungskräfte zusammen, die mit dem Profifußball zu tun haben. Manager, Sportdirektoren oder Leiter von Nachwuchsleistungszentren tauschen sich unter anderem mit Wirtschaftsbossen aus. „Wir arbeiten mit unseren Mannschaften in einem zunehmend komplexen Umfeld, das einem permanenten Wandel unterliegt“, erklärt Oliver Bierhoff. Wer wüsste besser als der für die Nationalmannschaften und die Akademie zuständige Direktor, dass der Zug der Zeit rasend schnell am deutschen Fußball vorbeifahren kann.

Das Aushängeschild A-Nationalmannschaft hat im vergangenen WM-Sommer in Russland erlebt, was passiert, wenn Trainer und Spieler mit einer Laissez-faire-Haltung glauben, die erworbenen Meriten würden ausreichen, um erfolgreich zu sein. Bundestrainer Joachim Löw hat die erforderlichen Schlüsse bei den Länderspielterminen im zweiten Halbjahr auch erst mit einer irritierenden Verzögerung eingeleitet. Die Bundesliga war da deutlich schneller. Im Ausland wird durchaus mit Anerkennung registriert, dass die deutschen Vereine sich wieder besser aufgestellt haben. Die (nationale) Schaffenskrise des FC Bayern München – wo die Nationalmannschaftssymptome am besten zu besichtigen sind – verstellt ein bisschen den Blick auf die Fortentwicklung. Tabellenführer Borussia Dortmund erinnert beinahe an das Ensemble, dem 2013 mit dem Einzug ins Champions-League-Finale von Wembley ein international beachteter Prestigeerfolg gelang.

Der Fußballlehrer Lucien Favre ist ein Baustein für die Erneuerung. Grundlage aber bildete die Bereitschaft – im Gegensatz zu den Bayern –, sich im Sommer auf allen Ebenen neu aufzustellen. Sebastian Kehl als Leiter der Lizenzspielerabteilung und Matthias Sammer als Berater zu installieren bedeutete auch, dass Sportchef Michael Zorc und Vorstandschef Hans-Joachim Watzke zusätzliche Expertise erhielten: Spitzenvereine benötigen Selbstreflexion, die bisweilen auch Topmanagern aus Dax-Unternehmen fehlt. Deshalb soll das Führungskräftetreffen in Frankfurt auch „unterschiedliche Bereiche und Disziplinen zusammenbringen und einen übergreifenden Austausch ermöglichen“ (Bierhoff).

In Mönchengladbach und Leipzig zeigen die Trainer Dieter Hecking und Ralf Rangnick, dass sich Erfahrung dann auszahlt, wenn der Blick nur häufig genug über den Tellerrand gerichtet wird. Hecking hat sich am Niederrhein an ein neues Spielsystem (4-3-3) gewagt und nutzt die kluge Kaderpolitik seines Sportvorstands Max Eberl. Rangnick dreht bei den Sachsen ständig an neuen Stellschrauben und profitiert von den Möglichkeiten eines zu Investitionen bereiten Brausekonzerns. Neuerdings wird der RB-Nachwuchs im sogenannten „Soccer Bot“ in Handlungsschnelligkeit geschult, bald soll dieses Hilfsmittel ermöglichen, mit Profis einzelne Spielszenen in Praxisform aufzuarbeiten. Am vergangenen Sonntag bezeugte das intensive, temporeiche und auch spielerisch ansprechende Spitzenspiel zwischen diesen Klubs, dass die Tabellenplätze zwei (Gladbach) und drei (Leipzig) kein Zufall sind.

Deutschland fast so gut wie im gesamten Vorjahr

Und dann gibt es noch Vereine wie Eintracht Frankfurt, die dafür Sorge tragen, dass die maue Vorsaison im Europapokal schon Geschichte ist. „Was mir in den vergangenen Jahren gar nicht gefallen hat, war die Einstellung der deutschen Vereine zur Europa League. Erst kämpft man eine ganze Saison darum sich zu qualifizieren. Und dann bestreitet man diese Spiele lustlos. Bei der Eintracht ist es das komplette Gegenteil“, hat der ehemalige norwegische Bundesliga-Torjäger Jan-Aage Fjörthoft festgestellt. Der auch im Ausland geschätzte Experte sieht die Hessen sogar als Leuchtturm der Europa League. „Für die Marke und die Wahrnehmung sind diese Vereine extrem wichtig, die für den Wettbewerb Feuer und Flamme sind.“

In der Uefa-Fünfjahreswertung haben die sieben Bundesliga-Vertreter im Schnitt 9,5 Punkte geholt – und damit nach fünf Spieltagen in Champions League und Europa League fast den Vorjahreswert (9,857) erreicht. In dieser Spielzeit war nur der spanische Ertrag höher. Selbst wenn womöglich für die TSG Hoffenheim und RB Leipzig nach der Vorrunde Schluss ist, stimmt die generelle Ausrichtung wieder. Torquote und Zuschauerzahlen sind unter Europas Topligen spitze. Dass sich das gesamte Niveau angehoben hat, ist auch am FSV Mainz 05 als Prototyp aus dem gesunden Mittelbau festzumachen.

„Ich will nicht über die Qualität der Bundesliga reden, denn ich bin erst 16 Monate hier“, sagte kürzlich Trainer Sandro Schwarz. „Aber wir geben ein ganz anderes Bild ab als letztes Jahr. Bei uns ist viel Talent und Potenzial sichtbar.“ Die Rheinhessen setzen vor allem auf entwicklungsfähige Profis aus Frankreich, treiben aber auch die Professionalisierung im gesamten sportlichen Bereich voran.

Gerade verkündete der Klub, eine eigene Direktion Sportwissenschaft und medizinische Entwicklung zu errichten, um in den Bereichen Athletik, Reha, Physiotherapie und Medizin besser zu werden. Dafür holen sich die Mainzer den Sportwissenschaftler und ehemaligen Basketball-Nationaltrainer Thomas Dröll ins Haus, der die Prozesse neu ordnen soll.

Sportvorstand Rouven Schröder erklärt das mit der Notwendigkeit „für unseren nächsten strukturellen und inhaltlichen Entwicklungsschritt“. Nicht jeder braucht am „Leadership Festival“ teilzunehmen, um Innovation einzuleiten.

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