Lade Inhalte...

Kommentar HSV Einsamer Mob

Der Hamburger SV hat sich in den letzten acht Wochen unter Trainer Christian Titz mit einer gewissen Würde erstmals aus der Ersten Bundesliga verabschiedet. Ein Kommentar.

Bundesliga - Hamburger SV v Borussia Moenchengladbach
Die Uhr ist abgelaufen. Foto: rtr

Aus Hamburg sind am Wochenende wunderschöne Bilder vom größten Hafenfest der Welt ins Land gegangen. Die trägen Passagierdampfer auf der Elbe dürften allerdings nur flüchtige Eindrücke hinterlassen. Die Botschaft dagegen, die mehr als 56 000 Menschen aus dem nahe gelegenen Volksparkstadion verbreiteten, sollte haften bleiben. Nicht viel mehr als hundert vermummte junge Männer aus dem schwarzen Block, die den historischen Abstieg zu einer plumpen Selbstinszenierung nutzten, in dem sie ihn mit Kanonenschlägen und Pyrotechnik begleiteten und so das Spiel mehr als eine Viertelstunde lang lahmlegten, wurden vieltausendfach lautstark als „Feiglinge“ identifiziert. So deutlich hat sich die gewohntermaßen stumme Masse in einem deutschen Fußballstadion noch nie gegen eine Minderheit von Leuten gewandt, die sich stärker fühlt, als sie tatsächlich ist. Dass die besonnene Hundertschaft an Polizei- und Ordnungskräften mit Beifall bedacht wurde und die Krawallmacher mit Pfiffen aus der Arena getrieben wurden, sollten letztere als Demütigung wahrnehmen. 

Der Hamburger SV hat sich, dank des aktiven verbalen Widerstands der großen Mehrheit seiner Fans und dank seiner sportlichen Widerstandskraft in den letzten acht Wochen unter Trainer Christian Titz, mit einer gewissen Würde erstmals aus der Ersten Bundesliga verabschiedet. Er hat im Frühling 2018 sein Glück schlicht aufgebraucht. Immerhin gibt es ein paar sachdienlichen Hinweise darauf, dass er aus den vielen hanebüchenen Fehlern der Vergangenheit konstruktive Schlüsse gezogen haben könnte. Der seit Februar amtierende Präsident und Aufsichtsratsvorsitzende Bernd Hoffmann, als ehemaliger Vorstandschef mitverantwortlich für die Entwicklung, steht jetzt in der Bringschuld. 

Seine anfängliche Skepsis gegenüber dem Trainer Titz hat er rechtzeitig aufgegeben, er sollte seine weitreichenden Möglichkeiten nun dafür verwenden, diesen guten Mann mit größerer Überzeugung zu stützen, als das zuvor der Fall war. Er sollte zudem dafür sorgen, dass ein leidiger Machtkampf mit Nachwuchschef Bernhard Peters nicht eskaliert. Peters gehört auf seiner Position zu den Topleuten hierzulande. Wie schlimm muss es aber um die Kommunikation im Klub stehen, wenn er seinen persönlichen Anspruch auf den Vorstandposten öffentlich fordernd formuliert? Er tut dies wohl auch deshalb, weil er als größter Förderer von Trainer Titz nicht den Eindruck hat, der Präsident würde die anstehenden Personalien im gebotenen Vertrauensverhältnis mit den leitenden Mitarbeitern lösen. 

Kundiger Klubchef muss her

Hoffmann hört sich so an, als habe er verstanden. Der gerechte Abstieg nur vier Jahre nach der allseits als zukunftsweisend gefeierten Ausgliederung der Profiabteilung aus dem Verein und der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft zeigt ja gerade, dass einem Fußballklub ständig nachgepumptes frisches Kapital keinesfalls hilfreich ist, wenn seine Verantwortungsträger sich nicht annähernd in Teamarbeit ohne Eitelkeiten auf einen gemeinsamen Weg verständigen können. Zuletzt fanden die Vorstände Heribert Bruchhagen und Frank Wettstein noch nicht einmal ein notwendiges Minimum an gegenseitiger konstruktiver Verständigung. Bruchhagen ist bereits Vergangenheit, der bislang nicht durch Sparsamkeit aufgefallene Finanzexperte Wettstein kann nicht der Frontmann der Zukunft sein. 

Ihm muss – neben einem bestens vernetzten Sportvorstand – dringend und zeitnah ein kundiger Klubchef an die Seite gestellt werden, für den Bescheidenheit kein Fremdwort ist. Wer Bernd Hoffmann ein bisschen kennt, der weiß, wem Bernd Hoffmann diesen Job am ehesten zutraut: Bernd Hoffmann. Was immer passieren wird: Am Beispiel von Trainer Titz hat er jetzt zur Orientierung ein Vorbild dafür, wie es funktionieren kann, einen schwer erziehbaren Klub, überbezahlte Spieler und ein notorisch unruhiges Umfeld zu einen. Ohne die charakterliche Stärke und sportliche Kompetenz von Titz hätte sich der wütende Mob in der Nordkurve am Ende nicht so einsam fühlen müssen. Ein kleiner Sieg in der großen Niederlage.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen