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Interview Martin Kind „Die Bundesliga ist satt“

Martin Kind, der Präsident von Hannover 96, übt im FR-Interview Fundamentalkritik: „Die meisten Klubs haben keinen Mut.“

Martin Kind
Scheut klare Worte nicht: Martin Kind, Präsident des Fußball-Bundesligisten Hannover 96. Foto: dpa

Am Montag kommt es zum Showdown. Dann gibt die Deutsche Fußball-Liga bekannt, ob Präsident Martin Kind mit Hannover 96 eine Ausnahmegenehmigung von der 1998 in der Fußball-Bundesliga zum Schutz vor feindlichen Übernahmen durchs Großkapital eingeführten 50-plus-eins-Regel bekommt. Diese Ausnahmegenehmigung wird laut Satzung nur erteilt, wenn ein Investor einen Verein mindestens 20 Jahre umfassend unterstützt und so seine Zuverlässigkeit bewiesen hat. Erst dann darf er mehr als 50 Prozent der Stimmanteile an einem Bundesligaklub auf sich versammeln. Das gilt bereits für den Bayer-Konzern als Mutter von Fußballtochter Leverkusen, Volkswagen mit dem VfL Wolfsburg und Dietmar Hopp mit der TSG Hoffenheim sowie de facto auch für das Imperium von Dietrich Mateschitz mit seiner Firma Red Bull mit RB Leipzig. 

Herr Kind, viele Fußballfans sind in Sorge, dass sich Investoren Bundesligaklubs einverleiben und dabei nichts Gutes herauskommt. Teilen Sie diese Furcht?
Nein. Investoren sorgen in der Regel für ein professionelles Management in den Klubs. Denn ihr Ziel ist es doch, die Vereine zu entwickeln. Ich habe noch kein Unternehmen erlebt, das bewusst 100 Millionen Euro vernichtet. Die Erfahrung vor allem in England zeigt: Da kommen Profis, die keineswegs schon beim Kauf eines Klubs ihr Ausstiegsszenario planen.

Haben möglicherweise die aktuellen Klubvorstände in der Bundesliga auch Angst davor, Investoren hineinzulassen, weil sie um ihre eigenen Jobs fürchten?
Das schließe ich nicht aus. Wenn einem der Spiegel der Schwächen vorgehalten wird, muss man damit umgehen können.

Ligachef Christian Seifert hat unlängst beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball-Liga Fundamentalkritik an der Bundesliga geübt. Das klang doch verdächtig nach einer Ruckrede.
Ich war nicht selber dabei, habe aber natürlich davon gehört. Es deckt sich mit meiner Einschätzung: Die Bundesliga ist satt. Satt auf mittlerem Niveau. Und Sattheit bedeutet für mich Stagnation und damit Rückschritt.

Warum ist das so?
Der neue Fernsehvertrag hat für spürbare zusätzliche Erlöse gesorgt. Damit ist eine Grundzufriedenheit entstanden, die im Wettbewerb kein guter Ratgeber ist.

Der englische Fußball-Investmentexperte Keith Harris mahnt, die Bundesliga müsse dringend bereit zu einem grundsätzlichen Wandel und einer Öffnung für Großkapital sein, wollte sie international nicht abgehängt werden. Und zwar jetzt. Stimmen Sie zu?
Diese Diskussion ist überfällig. Ich fürchte, dass wir uns andernfalls ins Mittelmaß verabschieden. Aber die Debatte muss bei uns überhaupt erst einmal geführt werden. Aus meinem Verständnis heraus ist das eine Aufgabe für die DFL. Denn dass jemand aus den Vereinen den Hut aufsetzt, kann niemand erwarten. Ich sehe Verbände nicht als Ordnungshüter, sondern als Dienstleister und Visionär.

Haben Sie aktuell das Gefühl, dass es in anderen Klubs Leute gibt, die Sie und Ihren Kurs aktiv unterstützen?
Nein. Ich sage es mal ganz deutlich: Die meisten haben keinen Mut.

Wovor haben die Angst?
Vor der Öffentlichkeit. Im privaten Gespräch geben Sie mir Recht und finden auch, dass die Vereine selbst bestimmen sollten, welchen Weg sie gehen wollen. Aber sie trauen sich nicht, dass dann auch laut zu sagen. 

 

 

Sie persönlich haben den Unmut Ihrer Fans ja zu spüren bekommen. Würden Sie von DFL-Chef Seifert erwarten, dass er öffentlich nicht nur durch die Blume fordert, die 50-plus-eins-Regel zu kippen?
Ich würde es hoffen, aber nicht erwarten.

Was geschieht, wenn 50 plus eins komplett fiele?
Gar nicht so viel. Ich rechne mit einer sehr reduzierten Nachfrage. Ich weiß von vielen Bundesligisten, dass sie sich fast schon krampfhaft auf der Suche nach Investoren befinden.

Aber die Klubs sind ja oft auch nur bereit, einen Minderheitsgesellschafter mit weniger als 25 Prozent der Stimmanteile zuzulassen.
Das stimmt. Und das wird das Problem der Kapitalbeschaffung nicht lösen. 

In England sind 17 von 20 Profiklubs von ausländischen Investoren übernommen worden. Ist das auch ein Szenario für Hannover 96?
Nein. Da werden Grimm’sche Märchen erzählt. Bei 96 gibt es eine völlig andere Kultur. Bei uns waren vier Bürger aus Hannover bereit, in schweren Zeiten Risikokapital in den Klub zu stecken, weil sie helfen wollten und weil sie sich mit dem Verein und der Stadt identifizieren.

Was würde passieren, wenn Hannover 96 wie verlangt von der 50-plus-eins-Regel befreit würde?
Dann wären wir bereit, Kapitalerhöhungen durchzuführen und so die Wettbewerbsfähigkeit zu entwickeln. Dann könnten auch neue, uns bekannte Gesellschafter hinzukommen. Wir denken bei 96 nachhaltig und langfristig, dazu brauchen wir keine Regeln der DFL.

96-Fans müssen also nicht befürchten, dass eine Heuschrecke angeflogen kommt und den Verein kassiert?
Hannover 96 ist für Investoren, die kurz- oder mittelfristig renditeorientiert und wertsteigerungsorientiert denken, nicht interessant. Unter normalen Bedingungen sind ganz grundsätzlich in der Bundesliga keine großartigen Wertsteigerungen möglich. Im normalen Ligawettbewerb gibt es kaum Renditepotenzial. Die Bundesliga denkt im Moment in kleinen Dimensionen, mit Ausnahme von Bayern München und RB Leipzig – und bedingt auch Borussia Dortmund.

Sie selber denken ja offenkundig auch in eher kleinen Dimensionen!
Ja, das gebe ich uneingeschränkt zu. Aber wir haben bewiesen, dass wir mit den begrenzten Mitteln, die wir zur Verfügung haben, einiges erreichen konnten. Wir haben ein tolles Stadion, ein neues Nachwuchsleistungszentrum, bauen ein neues, modernes Vereinssportzentrum – und wir haben einen Abstieg verkraftet.

Über Ihren Antrag auf Befreiung von der 50-plus-eins-Regel soll am kommenden Montag abschließend entschieden werden. Was erwarten Sie für eine Entscheidung?
Dass der Antrag bestätigt wird. Für den Erhalt der 50-plus-eins-Regel wäre das ja sogar gut. Denn das hieße: Sie bliebe in der aktuellen Form bestehen.

Was bedeuten würde: Nur Investoren, die sich, wie etwa Ihr milliardenschwerer Kollege Dietmar Hopp in Hoffenheim, seit mindestens 20 Jahren ununterbrochen und erheblich in einem Verein engagiert haben, können eine Ausnahmeregelung beanspruchen. Die Deutsche Fußball-Liga scheint skeptisch, ob Sie bei Hannover 96 finanziell erheblich genug dabei waren.
Wir haben in Hannover keinen Milliardär. Man kann das nicht vergleichen. Die eigentliche Leistung war doch, dass wir bei 96 mit relativ geringem finanziellen Einsatz sehr viel erreicht haben. 1997 stand 96 vor der Insolvenz und spielte in der Dritten Liga. Das Engagement kann doch nicht ernsthaft daran gemessen werden, ob man beispielsweise 50 Millionen gegeben hat, die dann schnell wieder ausgegeben wurden. So ticken wir nicht. Und das ist auch gut so. 

Interview: Jan Christian Müller

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