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HSV Kollektive Lähmung

Beim Hamburger SV sind die Steuermänner Bruchhagen und Todt unter dem neuen Kapitän Hoffmann kaum handlungsfähig. Die Situation vor dem Derby in Bremen mit „prekär“ zu beschreiben, dürfte freundlich formuliert sein.

HSV-Fan
Gut bemützter Fan eines Vereins, der seinen Anhängern keine Wärme schenkt. Foto: dpa

Die Situation des Hamburger SV vor dem Derby in Bremen mit „prekär“ zu beschreiben, dürfte überaus freundlich formuliert sein. Es hat ja schon diverse Male nicht gut um den ungelenken Dino gestanden, aber momentan ist die Lage besonders aussichtslos. Denn dass Bernd Hoffmann mit 25 Stimmen Vorsprung vor dem Ex-Präsidenten Jens Meier zum neuen Boss des Vereins bestimmt wurde, dürfte zwar perspektivisch zu neuer Dynamik führen, bedeutet aber aktuell ein allgegenwärtiges Gefühl der Lähmung: Vorstandschef Heribert Bruchhagen und der von ihm erst vor etwas mehr als einem Jahr verpflichtete Sportchef Jens Todt arbeiten nun unter einem Mehrheitsgesellschafter, der kein Vertrauen in sie hat. 

Der entscheidungsfreudige Kapitän Hoffmann hat schon vor seiner Wahl am vergangenen Sonntag wenig Zweifel daran gelassen, dass er sich unter seiner Führung andere Steuermänner an den bedeutenden Schaltstellen vorstellt. Langjährige Beobachter des HSV gehen davon aus, dass Bruchhagen und Todt unmittelbar nach Saisonende trotz noch laufender Kontrakte Vergangenheit beim Tabellenvorletzten sein werden. 

Hollerbach mit Betontaktik

Die Situation ist für alle Beteiligten im Grunde unerträglich, zumal auch Bruchhagen und Todt, wie Hoffmann selbst und Trainer Bernd Hollerbach, eine HSV-Vergangenheit haben und ihren Job somit auch als Herzensangelegenheit interpretieren. Beide müssen jetzt sehr tapfer sein. Todt kennt das, schon vor fast neun Jahren musste er den HSV verlassen. Der damalige Nachwuchschef Todt und der damalige Vorstandsboss Hoffmann waren fundamental uneins über die Nachwuchsarbeit. 

Das „Hamburger Abendblatt“ hat, sozusagen apokalyptisch, schon mal ausgerechnet, dass Todt bereits der fünfte HSV-Sportdirektor in Folge werden dürfte, der seiner offenbar hochkomplizierten Aufgabe weniger als zwei Jahre nachgehen darf: Die Vorgänger Peter Knäbel (23 Monate), Oliver Kreuzer (13 Monate), Frank Arnesen (23 Monate) und Bastian Reinhardt (13 Monate) waren danach allesamt beruflich beschädigt. Ähnliches droht nun auch dem kantigen Todt, der in jedem „normalen“ Verein eigentlich genau jetzt gemeinsam mit Bruchhagen der entscheidende Mann sein müsste, um dringend notwendige Vertragsgespräche zu führen.

 

Wie dem auch sei: Die wegweisende Entscheidung für die Kommandobrücke haben die Mitglieder des HSV in Person des 55-jährigen Sanierers Hoffmann bereits getroffen, die Vorentscheidung auf dem Sportplatz fällt an diesem Samstagabend gegen die beiden Tabellennachbarn, den 15. Werder Bremen und am Samstag darauf gegen den 16. Mainz 05. Zwei Sechs-Punkte-Spiele, nach denen schon alles so gut wie vorbei sein kann für die Rothosen. 
Der, mal wieder in der Not verpflichtete, neue Trainer ist keineswegs zu beneiden. Bernd Hollerbach hat zwar einen Vertrag, der auch für die zweite Liga gilt, aber seit Hoffmann da ist, gibt es wenig Zweifel, dass die Laufzeit im Abstiegsfall Makulatur sein dürfte. Einfacher macht auch das die Arbeit des ehemaligen HSV-Verteidigers sicher nicht. 

Hollerbach, der ursprünglich mal vorhatte, nach seiner aktiven Karriere die elterliche Metzgerei in Würzburg zu übernehmen, ehe er beim VfL 93 in der Hamburger Verbandsliga Freude am Trainerdasein entwickelte, ist ein Mann der einfachen Grundsätze. So hat der einer brachialen Spielweise durchaus zugeneigte Defensivmann es schon auf dem Fußballplatz gehalten, als er postulierte, dass an ihm entweder der Gegner oder der Ball vorbeikomme, aber niemals beide zusammen, weshalb er fleißig gelbe Verwarnungskarten sammelte. Und genau so arbeitet er auch als lizenzierter Fußballlehrer. Harte Arbeit ist dem 48-Jährigen, dessen 14-jähriger Sohn Ben bei Sparta Prag in der Jugend kickt, nicht unbekannt. Aber derzeit dünkt ihm düster, dass es beim HSV mit harter Arbeit allein nicht getan sein könnte. 

Im Gegensatz zum Bremer Kollegen Kohfeldt, der Werder nach dem Rauswurf von Vorgänger Alexander Nouri umgehend eine aktivere Spielweise verpasste, pflegt Hollerbach eine Art Betontaktik. Angesichts der offenkundigen Tempodefizite der zentralen Verteidiger Megim Mavray und Kyriakos Papadopoulos ist das zwar ein nachvollziehbarer Ansatz, der allerdings in nur drei eigene Treffern in vier Spielen unter seiner Anleitung mündete. Viel zu wenig, um die Klasse zu halten. Immerhin gibt es keine konkreten Verdachtsmomente, dass dem chronisch unterfinanzierten Traditionsklub im Unterhaus die Lizenz verweigert werden könnte. Eine bedeutende Nachricht in düsteren Stunden. 

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