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Holstein Kiel Von wegen Außenseiter

Der Höhenflug von Holstein Kiel hatte sich lange angekündigt – zumindest für einen Datendienstleister. Im Bundesliga-Relegationsspiel beim VfL Wolfsburg ist alles offen.

Holstein Kiel
Wollen sich auch am Ende der Relegation feiern lassen: die Profis von Holstein Kiel. Foto: dpa

Armin Veh stand am vergangenen Samstag ziemlich lässig im dritten Stock der Arena vom VfL Wolfsburg. Die Hände in den Hosentaschen, das Haar akkurat gescheitelt. Es ist knapp zehn Jahre her, dass dieser Mann mal am Mittellandkanal das meisterliche Erbe eines Felix Magath verwalten sollte, was kolossal schiefging. Zum einen hatte Zuchtmeister Magath die Spieler ausgequetscht wie eine Zitrone, zum anderen war Veh der Doppelrolle als Trainer und Manager nicht gewachsen. Weshalb sich der 57-Jährige inzwischen – nach einer ordentlichen Auszeit – ganz auf die Aufgabe als Sportdirektor beim 1. FC Köln beschränkt. In dieser Funktion hat er kürzlich für das Projekt Wiederaufstieg einen neuen Trainer verpflichtet, der Markus Anfang heißt. Aktuell arbeitet der gebürtige Kölner noch bei Holstein Kiel. Und wie es der irgendwie überall miteinander verwobene Profifußball nun einmal will, tritt sein Team am Donnerstag (20.30 Uhr, nur beim Pay-TV-Sender Eurosport 2) zum Relegationshinspiel in der Autostadt an. 

Veh kann auf Knopfdruck die Kieler Stärken aufsagen. „Starkes Offensivspiel, einstudierte Laufwege, eingeschliffene Automatismen.“ Sprich: tolle Trainerarbeit. Da wirkt einer fast froh, dass man nicht selbst gegen die Überflieger aus dem hohen Norden antreten muss, was der Effzeh dann ja auch mit dem Direktabstieg verhindert hat. Aber tatsächlich hat Veh ja Recht: Der Höhenflug der Kieler, die wie vor drei Jahren Darmstadt 98 aus der Drittklassigkeit in die Bundesliga schießen können, beruht keineswegs auf Zufall. Wer an 34 Zweitligaspieltagen nur sechsmal verliert und 71 Tore schießt – gerade erst wieder mit einer halben Reserveelf ein halbes Dutzend gegen den Wolfsburger Vorjahres-Relegationsgegner Eintracht Braunschweig – der klopft nicht zufällig oben an. 

„Wir werden mit Spaß, Mut und Überzeugung in die Spiele gehen“, verspricht Anfang, seit 2016 in Kiel. Negativen Druck verspürt der ehemalige Bundesligaspieler nullkommanull. „Wir wollen Ergebnisse erzielen, damit wir etwas Historisches schaffen. Das primäre Ziel ist es, dass wir uns gut verkaufen.“ Für den 43-Jährigen ist die Relegation ein schönes Zubrot, die ihn womöglich nur in einen emotionalen Zwiespalt bringt: Sollten die „Störche“ in der ersten Liga landen, fehlt ihnen nicht nur ein von der DFL zugelassenes Stadion, sondern Anfang würde dann freiwillig unten bleiben. Völlig unmöglich scheint das Szenario nicht. 

Zumal der Werksverein Berufsfußballer angestellt hat, die wie der vom FC Liverpool ausgeliehene Mittelstürmer Divock Origi bis zum vergangenen Wochenende tatsächlich gar nicht wussten, wer Holstein Kiel überhaupt ist. Eine neue Biermarke? Derlei Unkenntnis gehört eigentlich bestraft, aber nicht deshalb ist das Duell zwischen dem Erstligadrittletzten und Zweitligadritten vielleicht gar nicht so ungleich wie in den vergangenen Jahren. 

Riesiger Etat-Unterschied

Wobei Kiels Manager Ralf Becker vorsorglich auf die wirtschaftlichen Unterschiede verweist: „Unser Etat ist das Gehalt von zwei VfL-Stars“, sagte der 47-Jährige der „Sportbild“ und positionierte seinen Klub als „das kleine gallische Dorf im großen Fußballzirkus“. Und als Beweis dafür, „dass man auch ohne großes Geld erfolgreich sein kann“. Torjäger Marvin Ducksch, vom Ligagefährten FC St. Pauli nur ausgeliehen, soll mit 750.000 Euro Jahresgehalt der Topverdiener sein. Das bekommt beim VfL Wolfsburg tatsächlich so manch Tribünenhocker als Fixum in einer Halbserie. 

Ungeachtet des gewaltigen Etatunterschieds, der sich auf rund 60, 70 Millionen Euro – allein bei den Personalkosten wohlgemerkt – belaufen dürfte, zeigen sich bei den Gästen klar erkennbare Stilmerkmale, die nicht erst in der zweiten Liga aufgefallen sind. Das Erstaunliche ist nämlich, dass sich der 2004 vom Hamburger Unternehmer Jörg Seidel gegründete Datendienstleister Goalimpact bereits im Sommer 2017, damals war der neue Stolz aus Schleswig-Holstein gerade im deutschen Profifußball angekommen, als Kandidat für einen Durchmarsch in die Bundesliga identifizierte. 

Das hatte jedenfalls Seidels mathematisches Modell ergeben, das den Wert einzelner Spieler für ihre Mannschaft nach einer komplizierten, aber offenbar weitgehend zutreffenden Formel bemisst. Details finden sich im Buch „Matchplan“ von Christoph Biermann, der dafür auch den Holstein-Coach befragte. Anfang habe auf die Goalimpact-Voraussage übrigens erstaunlich reagiert: „Na, dann braucht es mich als Trainer ja nicht mehr, wenn die Spieler so gut sind.“ Zumindest Armin Veh wird da ganz anderer Meinung sein.

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