Hollerbach-Rauswurf Die letzten Joker des Hamburger SV

Bernd Hollerbach traute man die Wende nicht mehr zu. Der neue HSV-Chefcoach Christian Titz wird von Ex-Profi Thomas von Heesen unterstützt und soll den Abstieg noch irgendwie verhindern.

Christian Titz und Bernd Hollerbach
Der neue und der Ex-Trainer: Christian Titz (links)) neben Bernd Hollerbach. Fotograf: Imago

In den Tagen vor der Abreibung in München hat der Hamburger SV seinen Cheftrainer Bernd Hollerbach sozusagen ignoriert. Ihm wurde am vergangenen Donnerstag nur in dürren Worten mitgeteilt, dass seine ersten Ansprechpartner Heribert Bruchhagen und Jens Todt gehen mussten. Dann ließ man ihn praktisch allein. Schon unmittelbar nach dem 0:6 bei den Bayern sah Hollerbach, erst Ende Januar verpflichtet und seitdem sieglos, so aus wie ein Trainer auf Abruf. Der erfolgte am Montagnachmittag erwartungsgemäß und sogar nach einem persönlichen Gespräch mit dem Ex. Dann teilte der HSV mit, dass der unglückliche Mann „mit sofortiger Wirkung“ aus seinem bis 2019 laufenden Vertrag freigestellt wird.

Hollerbach hatte es als Chance und Pflicht angesehen, seinem Herzensverein aus der Patsche zu helfen. Er hat sich dabei völlig übernommen. Das Kämpferische, das der einstige Abwehrmann als Aktiver stets ausgestrahlt hatte, war längst verflogen. Der HSV frisst seine Kinder. Beiersdorfer, Labbadia, Todt, Bruchhagen, Hollerbach, alles Männer mit Stallgeruch. Zudem gestern noch zwei weitere Ex-Profis aus dem eigenen, inzwischen barackenähnlichen Haus: Co-Trainer Rodolfo Cardoso und Torwart-Trainer Stefan Wächter. Alle rausgeworfen.

Minusstatistik von 0,43 Punkte pro Spiel

Im Fall Hollerbach gab es tatsächlich keinen erkennbaren Grund, dem 48-Jährigen noch zuzutrauen, die Wende zu schaffen. Eine Minusstatistik von 0,43 Punkte pro Spiel, und zum Ende hin aus nachvollziehbaren Gründen die Ausstrahlung eines geprügelten Hundes. Der einzig verbliebene Vorstand Frank Wettstein sagte nach intensiver Rücksprache mit Nachwuchschef Bernhard Peters und dem Aufsichtsratsvorsitzenden Bernd Hoffmann: „Am Ende sind wir zur Überzeugung gelangt, dass wir im Hinblick auf unsere Chancen im Kampf gegen den Abstieg handeln mussten.“ Denn mit sieben Punkten Rückstand auf Mainz und Wolfsburg bei noch acht ausstehenden Partien vor dem Heimspiel gegen Hertha BSC ist die Chance auf den Klassenerhalt mehr als bloß eine theoretische. „Momentan gilt das Projekt Klassenerhalt, nicht das Projekt Wiederaufstieg“, sagte Wettstein bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz.

Weiterhin teilte der Finanzfachmann mit, zumindest bis zum Saisonende werde der bisherige U21-Erfolgscoach Christian Titz die erschreckend abgewirtschaftete Bundesligatruppe übernehmen. Als letzten Joker, den sie in Hamburg noch im Ärmel stecken hatten. Da traf es sich bestens, dass die Partie des Tabellenführers der Regionalliga Nord am Montagabend beim VfB Lübeck wegen Unbespielbarkeit des Platzes abgesagt wurde. Der einflussreiche Nachwuchschef Peters schätzt Titz sehr. Beim 46-jährigen Betriebswirt und Diplom-Sportmanager soll es sich um einen akribischen Fußballlehrer handeln. Titz ist erfahren in der Nachwuchsarbeit, besitzt Auslandserfahrung in den USA und coachte unter anderem den von seinen Vorgängern auf die Tribüne verbannten Großverdiener Lewis Holtby als Individualtrainer.

Bernd Hollerbach
Hamburger SV HSV beurlaubt Bernd Hollerbach

Bernd Hollerbach muss nach nur sieben Spielen mit drei Punkten als Cheftrainer des HSV seinen Posten räumen.

Damit Titz nicht ähnlich einsam dasteht wie zuletzt Hollerbach, stellt ihm der Klub Thomas von Heesen als sportlichen Berater des Vorstandes zur Seite. Der ehemalige HSV-Profi werde die Aufgaben des geschassten Todt übernehmen „und die operative Sportkompetenz gewährleisten“, hieß es. „Er hat sich sofort bereiterklärt, dem HSV zu helfen“, sagte Wettstein, der, immerhin, ein Lob für Hollerbach übrig hatte: „Er hat nie gejammert und sich tadellos verhalten.“

Ebenso tadellos verließ auch Heribert Bruchhagen den schwer erziehbaren Tabellen-17. Der 69-Jährige verabschiedete sich bei allen Spielern und Medienvertretern persönlich und verzichtete laut „Sportbild“ darauf, vertragsgemäß über den Sommer hinaus bezahlt zu werden. Im Hessischen Rundfunk wirkte der vormalige Vorstand von Eintracht Frankfurt erleichtert, ganz so, als sei durch die Freistellung in Hamburg eine schwere Last von ihm gefallen. Er werde die Bundesliga künftig als Privatier verfolgen und dazu regelmäßig seine Eintracht-Ehrenkarte nutzen.