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Hertha BSC Berliner Charmeoffensive

Mit Jugend und attraktivem Fußball möchte Hertha BSC Begeisterung entfachen - mal wieder. Der FR-Bundesligatipp.

Hertha BSC
Seit 2015 als Trainer bei Hertha BSC verantwortlich: Pal Dardai. Foto: dpa

Platz zehn in der Vorsaison war für die Hertha ein solides Ergebnis – nicht mehr und nicht weniger. Große Begeisterung entfachten die Auftritte der Mannschaft dabei allerdings selten. Das soll sich ändern: Berlin möchte zur neuen Saison an Attraktivität gewinnen. Dabei baut der Verein vor allem auf junge Spieler. 

Wie ist die Stimmung? 
Ausbaufähig. 2016 erhielt die Werbeagentur Jung von Matt den Auftrag, den Hauptstadtklub zu entstauben und ihm ein modernes und angesagtes Profil zu verleihen. Imagekampagnen und Claims wie „Hertha BSC – Berlins ältestes Start-up“ und „We try. We fail. We win“ sollten den Verein als hippe Marke etablieren. Allerdings kamen die Vermarktungsstrategien nicht überall in der Fanszene gut an. Hinzu gesellte sich ein Zuschauerschwund von 47 000 auf annähernd 43 000 in der abgelaufenen Saison. Trendig ist die Hertha gegenwärtig nicht wirklich. Die Verantwortlichen haben die Zeichen offenbar verstanden und wollen zur neuen Saison mit einer Charmeoffensive kontern. Zum einen erhalten Kinder bis 14 Jahre freien Eintritt zu den Heimspielen, zusätzlich identifizierte man die eher schmucklose Art des dargebotenen Fußballs als ein Übel: Spektakel gab es zuletzt selten bei der Hertha. Damit soll nun Schluss sein, verspricht Manager Michael Preetz: „In den Heimspielen wollen wir uns steigern und offensiver und attraktiver spielen.“ Das soll die Kulisse und Stimmung heben. Und lässt sich nebenbei auch besser vermarkten. 

Wie stark ist der Kader? 
Die Philosophie lautet: Talente fördern und Stammspieler fordern. Entsprechend schafften unter anderem in Muhammed Kiprit und Dennis Jastrzembski zwei Talente aus dem hochgelobten Hertha-Nachwuchs den Sprung zu den Profis. Auch extern investierte Berlin in Perspektivspieler: Lukas Klünter (22) kam aus Köln, Pascal Köpke (22), Torjäger aus der zweiten Liga, aus Aue und das niederländisches Talent Javairo Dilrosun (20) von Manchester City. Dagegen verlor Trainer Pal Dardai mit Mitchell Weiser bislang nur eine Stammkraft, um Marvin Plattenhardt ranken sich noch Wechselgerüchte. Das Gerüst der Mannschaft bleibt somit um die arrivierten Kräfte wie Kapitän Vedad Ibisevic, Salomon Kalou, Per Skjelbred und Keeper Rune Jarstein bestehen. Dahinter führen Arne Maier, Niklas Stark, Maximilian Mittelstädt, Valentino Lazaro sowie Davie Selke eine Reihe von vielversprechenden und bereits etablierten Jungstars an, die erhebliches Entwicklungspotenzial versprechen. 

Worauf steht der Trainer? 
Auf die Hertha. Kein aktueller Bundesliga-Trainer, abgesehen von Freiburgs Christian Streich, weist eine vergleichbare Bindung zu seinem Arbeitgeber auf. „Hertha ist mein Leben“, sagt Dardai gerne. Es ist ihm zu glauben. Zwischen 1997 und 2011 avancierte er als Aktiver zum Rekordspieler, betreute im Anschluss diverse Jugendmannschaften und ist seit Februar 2015 für die Profis verantwortlich. Der 42-jährige Ungar gilt als geradlinig, der gleichsam diszipliniert wie herzlich seine Mannschaft führt. Frei von Skepsis ist sein Wirken inzwischen jedoch nicht mehr. Sein pragmatischer und defensiver Fußball stößt bei einigen Fans auf wenig Gegenliebe. Außerdem sieht er sich mit dem Vorwurf konfrontiert, die Mannschaft nicht mehr weiterzuentwickeln. Den Gegenbeweis muss er nun antreten. 

Wo hapert’s noch? 
Die Hertha probiert sich an einem neuen System. Im aktuellen Trainingslager im österreichischen Schladming arbeitete die Mannschaft intensiv an einer 3-5-2-Formation – zuvor bevorzugte Dardai zumeist ein 4-2-3-1. Doch aus Gründen der angestrebten Attraktivitätssteigerung musste der Trainer sein Repertoire erweitern. Der erste Test gegen den österreichischen Zweitligisten FC Liefering (4:1) verlief vom Ergebnis erfolgreich, „aber in der Abstimmung müssen wir noch besser werden“, meinte Dardai. Für ihn geht es im neuen System in erster Linie „um schnelle Konter und Umschaltsituationen nach Balleroberung.“ Zwei Schlüsselfiguren fehlen ihm dabei: Mittelfeldakteur Vladimir Darida leidet an einem Knochenmarksödem, Stürmer Selke fehlt nach einem unglücklichen Trainingszusammenstoß mit Kalou wegen eines Pneumothorax. Er wird voraussichtlich bis November ausfallen. 
 
Wer sticht heraus? 
Einige Bundesligisten dürften derzeit neidisch nach Berlin blicken. Die Nachwuchsarbeit trägt Früchte, viele Talente entwickeln sich langsam zu Leistungsträgern. Arne Maier steht dabei besonders im Fokus. In diesem Sommer würdigte ihn der DFB mit der Fritz-Walter-Medaille in Silber, die Nachwuchsauszeichnung in Gold ging an Kai Havertz (Bayer Leverkusen). Für Dardai ist er ein „Juwel“, für Preetz das „Vorzeige-Eigengewächs“. Maier gilt zudem als geerdet und bemerkenswert reif für sein Alter. Als defensiver Mittelfeldspieler mit Offensivdrang, Selbstbewusstsein und Stärken im Spielaufbau gehörte er bereits in der abgelaufenen Rückrunde zum Stammpersonal. „Ich bekomme viel Spielzeit, das ist meine Stadt und mein Verein – viel besser geht es mit 19 nicht“, sagt Maier. Er taugt als zukünftiges Gesicht der Hertha, falls er den zunehmenden Lockrufen aus dem In- und Ausland in den kommenden Jahren widersteht. 
 
Wie geht’s dem Schatzmeister? 
Die neue Saison bestreitet Berlin mit einem Rekordetat von 131,4 Millionen Euro, damit liegt der Verein im Mittelfeld der Liga. Allerdings rechnen die Beteiligten für die neue Saison auch mit Ausgaben von 131 Millionen Euro. Im Sponsoring überweist der neue Hauptsponsor TEDi mit 7,5 Millionen rund 1,5 Millionen mehr als Vorgänger bet-at-home. Auf dem Transfermarkt hielt sich die Hertha indes zurück: Köpke und Klünter kamen für je zwei Millionen Euro Ablöse. 

Was ist drin? 
Zu gut besetzt für den Abstiegskampf, aber anderseits qualitativ auch nicht ausreichend für eine internationale Platzierung aufgestellt – macht in Summe ein Dasein im tristen Mittelfeld der Liga. Ob es den Beteiligten am Ende in dieser Tabellenregion gefällt, hängt zum großen Teil von der Entwicklung und den Auftritten der Mannschaft ab. Die Hertha wirbt mit unterhaltsamen Fußball, daran muss sich auch Dardai messen lassen. Gelingt ihm das und hebt er die vielen Jungspieler auf ein neues Niveau, kann es für die Hertha auch höher in der Tabelle gehen.

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