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FC Bayern München Erfolgshungrig aus purem Trotz

Das ernüchternde Saisonfinale treibt die Bayern an - und spielt Neu-Trainer Kovac in die Karten.

Niko Kovac
Alles hört auf sein Kommando: Trainer Niko Kovac. Foto: dpa

Am späten Abend des 1. Mai 2018 erklärten die Bayern-Profis die vergangene Saison quasi für beendet – unfreiwillig, unterbewusst, aber doch folgenschwer. Nach dem 2:2 im Fußballtempel von Madrid, das den Münchnern den Einzug ins Finale der Champions League kostete, gab es eine Niederlage in der Liga, eine nicht für möglich gehaltene im DFB-Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt, und für die Nationalspieler – mit Ausnahme des Ersatzmanns und neuen französischen Weltmeisters Corentin Tolisso – auch noch zwei bei der frustrierenden WM. Ab Freitag, 24. August, da eröffnet der Deutsche Meister die Bundesligasaison gegen die TSG 1899 Hoffenheim, wollen die Bayern unter ihrem neuen Trainer Niko Kovac wieder ganz die Alten werden – so erfolgshungrig wie vor dem 1. Mai 2018.

Wie ist die Stimmung?
Einen zentralen Platz wird der Supercup-Pokal in der prall gefüllten Vitrine der Münchner nicht bekommen. Vermutlich wird er sogar ziemlich am äußeren Rand platziert werden, dort, wo der geneigte Betrachter bei Durchschreiten der Ruhmeshalle längst vom Glanz der errungenen Meisterschalen und Henkelpötte geblendet ist. Doch so unbedeutend der Supercup für die Münchner Titelsammlung auch sein mag, so wichtig war das 5:0 am vergangenen Sonntag gegen die Eintracht für die Herren auf dem Platz. Eine echte Befreiung nach vielen Rückschlägen. In den Worten des Präsidenten hört sich das so an: „Was die anderen uns dieses Jahr weggenommen haben, holen wir uns nächstes Jahr wieder“, sagte Uli Hoeneß. Gute Stimmung aus purem Trotz.

Wie stark ist der Kader?
Für die Bundesligakonkurrenz höchstwahrscheinlich zu stark, aber für Europa? Da muss die Mannschaft schon in einen Flow kommen, um am Ende das ganz große Ziel vom Champions-League-Titel zu erreichen. Betrachtet man nur das Personal hat sich die Mannschaft im Vergleich zu Vorsaison kaum verbessert. Die beiden Neuen Leon Goretzka und Serge Gnabry sind vielversprechende Kicker, gehobenes internationales Niveau haben sie aber noch nicht nachgewiesen. Auch die beiden Altmeister Franck Ribery und Arjen Robben werden nicht jünger, schneller, weniger anfällig für Verletzungen. Viel wird künftig davon abhängen, ob Neu-Coach Kovac es hinbekommt, einen oder mehrere seiner Jungstars (Gnabry, Goretzka, Kingsley Coman, Renato Sanches) zu Leistungsträgern zu formen.

Worauf steht der Trainer?
Niko Kovac ist detailversessen, eloquent und „ein Gewinnertyp“, wie Frank Ribery schon nach wenigen Wochen feststellte. Der Ex-Frankfurter nervt seine Spieler, scheut sich nicht vor unpopulären Entscheidungen (Handyverbot). Er ist einer, der viel von den Spielern, aber auch von sich selbst verlangt. Kovac ist nie zufrieden, er arbeitet, arbeitet und arbeitet. Manchmal auch zu viel. Die schwierigste Aufgabe für den Kroaten: Er muss sein Verständnis vom Fußball, das bisher im Wesentlichen auf aggressivem Verteidigen, schnellem Umschalten, ekliger Zweikampfführung basierte, verändern. Denn das will in München niemand sehen. Stattdessen: Ballbesitz im Überfluss, hohes Verteidigen, technische Finessen. Es ist dem klugen Kopf durchaus zuzutrauen, den Bayern-Fußball schnell zu seinem zu machen.

Wo hapert’s noch?
Schwerwiegende Probleme haben die Bayern nicht, höchstens ein paar offene Fragen. Wie verdauen die deutschen Nationalspieler das WM-Desaster? Bringt Trainer Kovac die Stars hinter sich? Hat Robert Lewandowski trotz Wechselgedanken Lust? Schaffen es Ribery und Robben noch auf allerhöchstes Niveau? Bleibt Jerome Boateng tatsächlich und findet zu alter Form? Nicht alle, aber die meisten Fragen werden wohl mit Ja zu beantworten sein.

Wer sticht heraus?
Kandidaten gibt es viele, an Torjäger Lewandowski kommt aber niemand heran. Zum einen weil er ein herausragender Stürmer ist, zum anderen weil der Pole in den vergangenen Monaten nicht gerade in der Rolle des Sympathieträgers aufgegangen ist. Erst spielte er in den entscheidenden Partien der Champions League dürftig, dann setzte er diese Form bei der WM nahtlos fort und zog anschließend auch noch über ach so schlechten Kollegen her. Fragwürdiger Stil. In der Sommerpause wollte der fast 30-Jährige gerne den Klub wechseln, doch hatte er sich das durch den schwachen Endspurt ein bisschen selbst verbaut. Nun bleibt er also doch in München, wird wohl wieder bester Bayern- und Liga-Torschütze. Und muss sich vor allem darin beweisen, seine Extraklasse auch in den wichtigen Momenten abrufen zu können.

Wie geht’s dem Schatzmeister?
Die Münchner werden wieder einmal einen stattlichen Gewinn erwirtschaften. Knapp 40 Millionen Euro waren es bei 640 Millionen Umsatz nach Abzug der Steuern im Geschäftsjahr 2016/17, nun dürfte dieser sogar noch höher sein, wurden Douglas Costa (Juventus Turin) und Arturo Vidal (FC Barcelona) doch für knapp 52 Millionen verkauft und im Gegenzug lediglich für das Nachwuchstalent Alphonso Davies (Vancouver Whitecaps) zehn Millionen bezahlt. Aber: „Du spielst nicht nur gegen Vereine, sondern ganze Staaten: Katar, Abu Dhabi, ein russischer Oligarch und amerikanische Hedgefonds“, sagte Präsident Hoeneß schon vor einem knappen Jahr. Ein Wettbewerbsnachteil, dem Karl-Heinz Rummenigge mit der Abschaffung der nur in Deutschland verwendeten 50+1-Regel Herr werden will. „Wir müssen ein bisschen aufhören, in unserer Republik diesen Populismus voranzutreiben“, sagte der Münchner Vorstandschef.

Was ist drin?
Na was wohl? Natürlich die Meisterschaft. 17 von 18 Bundesligatrainern (nur der Leverkusener Heiko Herrlich nicht) erwarten die Münchner als Titelträger – da schließt sich freilich auch die FR-Redaktion an. Und im DFB-Pokal, das versteht sich fast von selbst, sind die Bayern natürlich auch der Favorit – trotz oder gerade wegen der Lustlospleite gegen die Eintracht. Doch reicht das Niveau der Mannschaft auch für den großen Wurf in der Königsklasse? Auszuschließen ist nichts, gefühlt ist der Abstand ohne namhaften Toptransfer zu den Branchengrößen aus Barcelona, Madrid, Manchester, Paris oder Turin aber eher noch ein Stückchen größer geworden.

FR-Bundesliga-Tipptabelle:  Die FR-Redaktion sieht den FC Bayern München in der Saison 2018/2019 auf Rang 1.

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