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Die Qualitätsfrage

Nach der Nationalmannschaft soll nicht auch die Bundesliga den Anschluss verpassen. Selten stand für den deutschen Fußball so viel auf dem Spiel.

Bayern München
Selfie mit der Schale und einem der letzten Superstars der Bundesliga: Franck Ribéry bei der Meisterfeier des FC Bayern 2018. Foto: rtr

Martin Kind muss weg. So hätten es die Ultras von Hannover 96 gerne, die mit diesem Sprechgesang die Heimspiele untermalten und für ihre lauthals vorgebrachte Forderung – den langjährigen Präsidenten und Förderer abzulösen – ein gellendes Pfeifkonzert vom Rest des Publikums ernteten. Kein Standort wirkte in der vergangenen Saison zerrissener als die niedersächsische Landeshauptstadt, wo sich Vereinsführung und Anhängerschaft auf einen Burgfrieden verständigt haben. Kind, der Hörgeräteunternehmer aus Großburgwedel, ist immer noch da und findet Gehör. So hat der 74-Jährige zum Start der 56. Bundesliga-Saison Klartext gesprochen. „Der immer schneller rasende Fußball-Zug rauscht an Deutschland vorbei. Die großen Pokale werden woanders in den Himmel gereckt. Die letzte Trumpfkarte ist Bayern.“

Doch die Münchner Dominanz ist erdrückend. Dass die Bayern seit 2013 spätestens im Frühjahr die Schale sicher haben, ist nicht nur für die Liga schädlich, sondern auch für sie selbst. So gelang es auch in diesem Jahr nicht, im Champions-League-Halbfinale auf Knopfdruck auf Höchstniveau zu kommen. Für die nationale Hoheit langt oft der Schongang oder der zweite Anzug.

Unikum Ansgar Brinkmann, der weiße Brasilianer, der in erster und zweiter Liga fast 400 Spiele machte, hat die Situation so zusammengefasst: „Kinder, die in diesem Sommer eingeschult werden, kennen nur den FC Bayern München als Meister. Da ist die Kindheit schon am Arsch.“ Ein flotter Spruch, na klar, aber

nun auch mal ein Fakt: Wer als fußballbegeisterter Knirps eine Stecktabelle pflegt, der kann ganz oben das FCB-Emblem lassen.

Der Rest hechelt inzwischen auch in den Europapokalwettbewerben hinterher. Die österreichischen Klubs sammelten im Schnitt fast genauso viele Punkte wie die deutschen. Lange haben die Verantwortlichen den Abwärtstrend schöngeredet, denn es ließ sich ja immer noch mit dem Ruf der Weltmeisterliga prahlen. Zur Erinnerung: 2014 holte die deutsche Nationalmannschaft, die sich in erster Linie aus leistungsbereiten Bundesliga-Akteuren rekrutierte, unter Anleitung des instinktsicheren Bundestrainers Joachim Löw den Weltmeistertitel. Und nebenbei war seine Mannschaft ein Sinnbild für gelungene Integration. All das ist mit der WM 2018 zusammengestürzt wie ein Kartenhaus.

Deshalb war die Aufarbeitung mit den hochrangigsten Vereinsvertretern vor drei Tagen in der Zentrale der Deutschen Fußball Liga (DFL) so wichtig, um nicht nur der Nationalmannschaft – in der Weltrangliste auf Platz 15 abgerauscht – wieder auf die Sprünge zu helfen. Oder wie es die DFL nach dem Treffen ausdrückte: „Um die Entwicklung des deutschen Fußballs wieder auf Weltniveau zu bringen.“ Zuvorderst DFL-Chef Christian Seifert bangt darum, dass das amateurhafte Tun der DFB-Vertreter auf die in der Vermarktung hochprofessionell aufgestellte Liga abstrahlt.

England und Spanien sind einen Schritt voraus

Dabei bietet die Bundesliga laut Seifert so viel: nämlich den Menschen die perfekte Ablenkung von den Alltagssorgen. Und einen hohen Grad an Emotionen. Das stimmt fraglos. Und doch sieht ein Stadionerlebnis oft so aus: tolle Stimmung, bunter Rahmen, einigermaßen Spannung, ordentlicher Einsatz – aber spielerische Armut. Motto: hinten gut stehen, vorne hilft der liebe Gott – oder ein Standard. So kamen ja auch bei der WM die meisten Teams weiter. Wer taktische Feinheiten gepaart mit virtuoser Technik bei einem offenen Schlagabtausch sucht, schaute oft ins Leere.

Inzwischen wird in England intensiver und schneller, in Spanien technisch und taktisch besser gespielt als in Deutschland. Und gerade ist das Weltmeisterland Frankreich im Kommen, dessen Talente schon jetzt weitaus besser ausgebildet sind. Eine gefährliche Entwicklung. Verliert die Bundesliga ihre vier Fixstarter in der Champions League, hätte das fatale Folgen, zumal die Erlöse aus der Königsklasse den Status quo in Europa in den nächsten Jahren verfestigen, vielleicht sogar zementieren werden.

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