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Bundesliga Die Angst vor der großen Dürre

Dem deutschen Fußball mangelt es an Ideen und Innovationen - auch weil Bundesligaklubs lieber nach Talenten im Ausland fahnden.

Fußball
Drei Talente: Jadon Sancho (Borussia Dortmund, links), Kai Havertz (Bayer Leverkusen, Mitte), Jean-Philippe Mateta (Mainz 05). Foto: Imago

Urs Siegenthaler mochte sich zuletzt nicht öffentlich äußern. „Guter Mann“, sagte der stets freundliche Schweizer Chefscout der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auf die entsprechende Nachfrage, drückte seine Hand auf die Schulter des Fragestellers und schüttelte den Kopf, „bitte haben Sie Verständnis.“ Das war nicht immer so. Vor einem Jahr, nach dem Sieg beim Confederations Cup in Russland brach es auf dem Rückflug von Sankt Petersburg nach Frankfurt aus ihm heraus: „Wir müssen scharf aufpassen, wir haben keine 50 Spieler von Weltformat.“

Ein Jahr und ein ruhmloses Ausscheiden in der WM-Vorrunde später darf der 70-Jährige sich in seiner imaginären Warnweste bestätigt fühlen. Gerade hat in Finnland die Europameisterschaft der U19 begonnen. Neben dem Gastgeber mit dabei: die Türkei, England, Italien, Portugal, Frankreich, die Ukraine, Norwegen. Nicht dabei: Deutschland. Ausgeschieden in der Qualifikation.

Kimmich, Werner, Goretzka - danach sieht es düster aus

Es läuft etwas fundamental falsch im Land des größten Einzelsportverbandes der Welt mit mehr als sieben Millionen Mitgliedern in fast 25.000 Vereinen mit 88.000 Juniorenteams. Joachim Löw hat es mit einer goldenen Generation geschafft, sowohl Weltmeister zu werden als auch brachial zu scheitern. Die nächsten vier Jahre bis zu seinem vorläufigen Vertragsende im Dezember 2022 kann sich der 58-Jährige noch aus einem recht reichhaltigen Füllhorn laben – der Generation der 22- und 23-Jährigen Joshua Kimmich, Timo Werner, Julian Brandt, Niklas Süle, Leon Goretzka, Leroy Sané, Serge Gnabry sei Dank. Danach aber sieht es fürwahr düster aus.

Experten wie der kundige Agent Stefan Backs finden im spärlichen Talentreservoir aktuell nur einen potenziellen deutschen Weltklassemann: Kai Havertz, seit einem Monat 19, offensiver Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen. Backs hat eine „Überfürsorge“ seitens der Klubs und Berateragenturen diagnostiziert, auch „aus Angst, dass sonst ein junger Spieler abspringt“, vielen Talenten fehle ein gutes Stück „Erfolgshunger“ und eine Mentalität, „Widerstände zu überwinden“. Der Geschäftsführer der Agentur Siebert & Backs erklärt: „Insoweit ist der Fußball nur ein Abbild der Gesellschaft. Es geht uns einfach zu gut.“

Frank Kramer, der Trainer der deutschen U 20, spricht Tacheles: „Wir tun gut daran, nichts schönzufärben. Wir müssen uns strecken, um Qualität nachzuliefern. Das wird nicht einfach.“ In seinem Kader gibt es keinen Spieler, der regelmäßig im Stamm eines Bundesligisten zum Einsatz kommt. Darunter sieht es nicht besser aus. Hanno Balitsch, der Co-Trainer der deutschen U19, führt aus: „In den kommenden Jahrgängen 2000 und jünger fehlen ,Unterschiedsspieler‘.“ Und er kritisiert: „Anstatt solche auszubilden, bedienen sich deutsche Topteams früher im Ausland.“

Ein Teufelskreis, der durchbrochen werden sollte, will der deutsche Fußball auch langfristig wieder stabil über eine WM-Vorrunde hinauskommen. Leicht gesagt, schwer getan. Rouven Schröder, der Sportchef von Mainz 05, erklärt: „Grundsätzlich gucken wir zunächst auf dem deutschen Markt. Aber dann merken wir schnell, dass die Umsetzung dort um einiges schwieriger ist und wir als Mainz 05 kaum noch an deutsche Spieler herankommen. Wir müssen uns also auf anderen Märkten umschauen.“

Die Mainzer haben Frankreich für sich entdeckt. „Die Franzosen“, so Schröder, „haben eine sehr, sehr, sehr gute Ausbildung, und vom Budget her sind die Spieler auf einem Level, auf dem sie gern bei uns den nächsten Schritt gehen.“ Mit Jean-Philippe Gbamin und Abdou Diallo – für fünf Millionen aus Monaco geholt, für 28 Millionen an Dortmund verkauft – haben die Mainzer beste Erfahrungen gesammelt. In diesem Sommer investierten die Nullfünfer zehn Millionen Euro in den gerade erst 21-jährigen Stürmer Jean-Philippe Mateta von Olympique Lyon und überwiesen acht Millionen Euro für den Abwehrhünen Moussa Niakhate (22) an den FC Metz. Eintracht Frankfurt zahlte für Evan N’Dicka, 18 Jahre, sechs Millionen Euro an AJ Auxerre. Die jungen Franzosen gelten als körperlich robuster und willensstärker als gleichaltrige deutsche Talente.

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