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Borussia Dortmund Verlorene Gefühlswelt

Borussia Dortmund wankt vor dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt bedenklich.

Dortmund - Salzburg
Desillusioniert: Marco Reus. Foto: rtr

Ganz heimlich waren die Dortmunder Spieler am Donnerstagabend vielleicht sogar froh über die leeren Flächen in vielen Tribünenbereichen ihrer legendären Spielstätte. Dort, wo noch Leute waren, wurde nämlich wütend gepfiffen, in einem richtig vollen Westfalenstadion, wie der BVB es am Sonntag (18 Uhr) gegen Eintracht Frankfurt erwartet, hätte der Zorn ganz sicher eine viel größere Wucht entwickelt nach dem bitteren 1:2 gegen RB Salzburg im Hinspiel des Europa-League-Achtelfinals. Doch viele Dortmunder hatten offenbar geahnt, dass dieser Fußballabend ihnen nicht viel Freude bereiten würde. Sie waren lieber daheim geblieben. „Dass wir so etwas zu Hause zulassen, ist ein No-Go“, ärgerte sich Kapitän Marcel Schmelzer über die leblose Leistung seiner Mannschaft.

Die Gäste aus Österreich waren besser organisiert, sie hatten den klügeren Plan und vor allem: Sie waren engagierter. Und da dieser Befund immer öfter am Ende der BVB-Spiele steht, ist langsam der Markenkern des Revierklubs bedroht. Seit den frühen Tagen der großen Ära des Jürgen Klopp sind die Menschen hier an große Gefühle, an viel Leidenschaft, an Dramen und Abenteuer gewöhnt. Selbst in der weniger guten Endphase mit Klopp wurde das Team oft für seine Hingabe gefeiert, und die konfliktreiche Zeit mit Thomas Tuchel mag zwar schwierig gewesen sein, an Intensität und Aufregung mangelte es aber nie. Das ist jetzt anders.

BVB ist nicht mehr sexy

Als vor knapp zwei Wochen nur 54.300 Zuschauer zum Montagsspiel gegen den FC Augsburg gekommen waren – so wenige, wie seit 25 Jahren nicht mehr zu einer Bundesligapartie –, konnte das vor allem als Protest gegen den Termin betrachtet werden. Gegen RB Salzburg, waren nur 53.700 Leute da, zum Vergleich: Vor zweieinhalb Jahren hatten noch 65.190 Menschen das viel weniger attraktive Europa-League-Qualifikationsspiel gegen den österreichischen Klub Wolfsberger AC besucht, obwohl der sportliche Reiz nach einem 1:0-Auswärtserfolg im Hinspiel überschaubar war.

Die Dortmunder dieses Winters sind einfach nicht mehr „sexy“, wie es eine Werbeagentur ausdrücken würde. „Vom Aufwand her, von der Bewegung – vor allem im offensiven Bereich – war das sehr dürftig“, sagte Trainer Peter Stöger. Es gibt zwar Ausnahmen, wie die Partie in Leipzig am vorigen Wochenende, doch jenseits solcher besseren Tage spiele das Team viel zu häufig „wie Beamte“, hatte Sportdirektor Michael Zorc neulich gesagt. Diese Aussicht lockt die Menschen offenbar nicht mehr ins Stadion, und natürlich führt die Diskussion an dieser Stelle ganz schnell zu Trainer Peter Stöger.

Der Österreicher hat in Köln einen sehr erfolgreichen Fußball spielen lassen, dessen Schwerpunkt allerdings auf der Defensive lag. Er hat 0:0-Rekordserien aufgestellt, was die Menschen am Rhein stolz machte, weil sie aus der zweiten Liga kamen und von tiefer Demut erfüllt waren. In Dortmund haben die Leute hingegen die Bilder des spektakulären Dribbelhelden Ousmane Dembélé im Kopf, noch vor wenige Wochen feierten sie Pierre-Emerick Aubameyang für seine Tore, auch die Erinnerungen an brillante Ballbesitzfußballer wie Henrikh Mkhitaryan oder Ilkay Gündogan sind noch frisch. Der Alltag des Jahresanfangs 2018 kann daher leicht als Kulturschock empfunden werden.

Allerdings zeigt schon der Blick auf die Namen von einst, dass eine Ursachensuche beim Trainer nur die halbe Wahrheit ans Licht fördern kann. Als Christian Pulisic nach der Abpfiff gefragt wurde, ob es ein Problem mit der Attitüde gebe, erwiderte der angeblich von Real Madrid umworbene Flügelspieler: „Das ist etwas, woran wir arbeiten müssen.“ Die übergeordnete Frage, die auf viele aktuellen Themen der Klubführung abstrahlt, lautet: Wie lässt sich der energiegeladene BVB der großen Gefühle wiederbeleben, der nach den wilden ersten Wochen unter dem entlassenen Trainer Peter Bosz irgendwie verloren gegangen ist?

Auch vor diesem Hintergrund ist das Spiel am Sonntag gegen Eintracht Frankfurt gefährlich. Zum einen geht es gegen einen ähnlich guten Konkurrenten um wichtige Punkte im Rennen um die Champions-League-Qualifikation, und die ist für die nähere Zukunft des Revierklubs von immenser Bedeutung. Vor allem aber muss das Team die Herzen der Menschen zurückgewinnen, jener, die im Stadion pfeifen, und jener, die derzeit lieber andere Dinge tun, als die fußballerische Dürre zu betrachten, die Borussia Dortmund oft bietet. Denn dass diese wankende Mannschaft ohne die Energie des eigenen Publikums ihre Ziele erreicht, ist im Moment nur schwer vorstellbar.

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