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Borussia Dortmund Masse mit Klasse beim BVB

Borussia Dortmunds Trainer Lucien Favre und der schwierige Umgang mit einer überfüllten Offensivabteilung. Ex-Eintracht-Profi Marius Wolf wird aufgrund seiner unauffälligen Auftritte wohl zunächst zuschauen müssen.

Marius Wolf
Droht die Bank: Marius Wolf. Foto: afp

Die Annahme, dass Fußballprofis gegen ihre vormaligen Arbeitgeber mitunter spezielle Kräfte entwickeln, gehört zu den ewigen Weisheiten des Spiels. Wissenschaftlich hat das zwar noch niemand untersucht, aber vermutlich wird diese Idee mitspielen, wenn Lucien Favre seinen Kader und seine Startelf für die Partie gegen Eintracht Frankfurt am heutigen Freitag benennt. Eine tragende Säule des Frankfurter Vorjahreserfolgs spielt ja inzwischen für den BVB, Marius Wolf, und dennoch besteht die Gefahr, dass der 23-Jährige nicht einmal im Kader auftaucht. Denn Wolf ist in eine hoch komplizierte Situation hineingeraten. „Wir sind zu viele“, verkündete Favre am Mittwoch mit verblüffender Offenheit und meinte damit vor allem ein beeindruckendes Überangebot an Kandidaten für die vorderste Reihe in seinem 4-3-3-System.

Im Pokalspiel in Fürth und in der zweiten Bundesligapartie in Hannover spielte Wolf zwar jeweils von Beginn an, gegen Leipzig wurde er eingewechselt; eigentlich klingt das nach einer guten Bilanz für einen Neuzugang bei einem Champions-League-Klub. Allerdings blieb er derart unauffällig, dass zumindest die meisten Fans und Beobachter nun andere Spieler sehen wollen. Jacob Bruun Larsen beispielsweise, dessen bloße Namensnennung diese Woche ein strahlendes Lachen in Favres Gesicht zauberte. „Wir sind sehr froh, dass er wieder da ist“, sagte der Fußballlehrer, nachdem der Teenager in den ersten Saisonwochen wegen einer Fußverletzung ausgefallen war.

Es mag erstaunlich wirken, dass Favre sich so sehr über einen Teenager freut, der auf der Bundesligabühne bislang wenig Aufsehen erregt hat. Schließlich spielen beim BVB Marco Reus, Maximilian Philipp, Christian Pulisic, Wolf, Jadon Sancho, Edeltransfer Paco Alcacer, Mario Götze und Shinji Kagawa – etliche viel renommiertere Offensivspieler also. Der Mann der Stunde ist aber Bruun Larsen. Der Däne hat eine großartige Vorbereitung gespielt, „frisch, lebendig und selbstbewusst“ sei der Flügelspieler, sagte Sportdirektor Michael Zorc im August, und in dieser Woche hat der Hochbegabte vier Tore zu einem 6:0-Testspielsieg beim VfL Osnabrück beigesteuert. Auf die Frage, ob Bruun Larsen gegen Frankfurt spielen werde, erwiderte Favre geheimnisvoll: „Man wird sehen.“

Komplexe Puzzlearbeit im Angriff

Die Genesung und die erstaunliche Entwicklung des kaum bekannten Talents erschweren allerdings die komplexe Puzzlearbeit, die der Trainer bei der Zusammensetzung des Angriffes zu bewältigen hat. Der aus Barcelona verpflichtete Stürmer Alcacer, von dem die Verantwortlichen sich neben vielen Toren prägende fußballerische Impulse erhoffen, ist womöglich ebenfalls reif für die Startelf, Reus ist ohnehin gesetzt. Doch spielt der Kapitän wieder im Zentrum? Oder doch links? Das richtige Händchen für das Angriffstrio könnte zu einem entscheidenden Faktor im Dortmunder Saisonverlauf werden.

Denn der Umgang mit dem personellen Überangebot erfordert grundsätzlich ein feines Gespür für fußballerische Details, aber auch für individuelle Befindlichkeiten. Die „Ruhr Nachrichten“ bezeichneten Reus in dieser Woche als „Torjäger, der kein Stürmer sein will“, der Nationalspieler hat zwar in 325 Ligaspielen 100 Treffer erzielt und 64 Vorlagen gegeben, aber im Sturmzentrum, wo Favre ihn in zwei der drei bisherigen Pflichtspiele aufstelle, fühlt er sich nicht wirklich wohl. „Ich weiß, dass Marco lieber auf der linken Seite spielt“, hat auch der Trainer neulich erklärt, Beobachter erwarten daher, dass Reus nach links rückt, Alcácer in die Mitte, während Bruun Larsen den rechten Flügel besetzen könnte. Philipp, Sancho, Pulisic (der angeschlagen ist), und auch Wolf säßen dann wohl auf der Bank oder bekämen gar keinen Platz im 18er Kader, in den auch die Offensivkräfte Götze und Kagawa hineindrängen. Der Umgang mit der Fülle ambitionierter Offensivleute könnte zu einem entscheidende Faktor in der Entwicklung des Gruppenklimas werden, zumal Angreifer oft besonders sensibel reagieren, wenn ihnen das Vertrauen fehlt.

Favres glückliches Händchen

Neben Götze sind auch Wolf und Kagawa arg gefährdet, in den kommenden Wochen zwischen Bank und Tribüne hin- und herpendeln zu müssen, wobei Favre eine Art Stürmerspezialist ist. Der 60-Jährige entwickelte immer wieder spezielle Verbindungen zu seinen Angreifern und ihren Eigenheiten. In seiner besten Saison bei Hertha BSC spielte er mit seinem Angriffsduo Marko Pantelic/Andrej Voronin bis kurz vor Saisonende um den Meistertitel mit. In Mönchengladbach missglückten zwar alle Versuche, klassische Zentrumsspieler wie Luuk de Jong, Branimir Hrgota oder Peniel Mlapa zu integrieren, dafür schuf Favre kongeniale Angreiferpaare wie Reus/Raffael oder Max Kruse/Raffael, die in der ganzen Liga bewundert und gefürchtet wurden. Und bei OGC Nizza wurde die Zusammenarbeit mit dem komplizierten Italiener Mario Balotelli zum elementaren Erfolgsfaktor.

Nun steht Favre vor der Frage, welche Konstellation beim BVB am besten funktioniert, und wie er die vielen Aussortierten davor schützt, die guten Laune und das Selbstvertrauen zu verlieren.

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