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50+1-Regel „Die Gier nach Erfolg frisst den Verstand“

Der ehemalige Bundesliga-Finanzchef Christian Müller fürchtet ohne die 50+1-Regel Heuschrecken und Scheichs.

50+1-Regel
Die Debatte nimmt an Fahrt auf - und nicht alle Fans sind gegen die 50+1-Regel. Foto: dpa

Herr Müller, Sie stellen sich seit Jahren gegen all jene Kräfte, die die 50+1-Regel abschaffen und die Bundesliga endgültig für Investoren öffnen wollen. Ist der gescheiterte Übernahmeversuch von Hannover 96 kein Erfolg für Sie?
Von der Opposition in diesem Klub werden die Ereignisse der vergangenen Tage und Wochen zu Recht als Erfolg gewertet. Denn Martin Kind führt zwar schon lange den Verein und die Gesellschaften drumherum, hat diese aber nicht „erheblich gefördert“, wie es für eine Ausnahme von der der 50+1-Regel erforderlich wäre. Das Statut wirkt, das ist erfreulich. Die Ansage der DFL, das Reglement nun grundlegend auf den Prüfstand zu stellen, birgt aber auch ein Risiko.

Welches?
Es gibt offensichtlich einflussreiche Kräfte im Deutschen Fußball, die die Gelegenheit nutzen wollen, die Regel komplett abzuschaffen und die Liga für Investoren zu öffnen. Die Neujahrsansprache von DFL-Geschäftsführer Christian Seifert und die Vorgänge um Hannover 96 werden jedenfalls so interpretiert. Es wird der Eindruck erweckt, dass die alte Regel Martin Kinds Einstieg zwar verhinderte, dass sich eine Veränderung aber abzeichnet. Das ist erstaunlich, denn meiner Einschätzung nach sitzen im DFL-Präsidium viele Klubvertreter, die eine andere Position vertreten: In diesem von Reinhard Rauball angeführten Gremium vermute ich eine Mehrheit, die 50+1-Regel im Kern zu erhalten.

Wie kommt es zu dieser Diskrepanz?
Die Arbeit der DFL und deren Geschäftsführung wird von den entscheidenden Protagonisten praktisch ausschließlich daran gemessen, wie die Liga ihre Umsätze, insbesondere Fernseheinnahmen, steigert. Für die Attraktivität der Bundesliga ebenso wichtige Aspekte wie Tradition, Fankultur, echte Nachhaltigkeit oder ein leichter Zugang großer Bevölkerungsteile zum Fußball finden traditionell weniger Berücksichtigung. Und für einige Medien ist es natürlich interessanter, über exotische Investoren und ihre Eskapaden zu berichten als über Mitgliederversammlungen, die sich über ein Rauchverbot im Stadion streiten. Man sollte Christian Seifert und seine tüchtigen Mitarbeiter dringend davon befreien, dass ihr Erfolg nur mit der Höhe der Einnahmen in Zusammenhang steht.

Die Befürworter deuten an, dass es eine sanfte Öffnung für Investoren geben könnte, mit einer zuverlässigen Prüfung der Kandidaten, die Mehrheiten übernehmen wollen. Wäre das kein guter Weg, um den finanziellen Rückstand aufzuholen, der auf England entstanden ist?
Schauen Sie sich Hamburg an, da tritt ein seriöser, lokal verwurzelter Geschäftsmann als Investor in Erscheinung, der kein Scheich und keine Heuschrecke ist, sondern ein Mann mit emotionaler Verbindung zum Klub. Und trotzdem klappt nichts.

Das ist doch ein Einzelfall. Mit frischem Geld ließen sich ja nicht nur gute Spieler finanzieren, die Klubs könnten auch die Verteuerung der TV-Abos und der Eintrittspreise stoppen. Und wenn plötzlich die ganze große Bundesliga käuflich wäre, spielen vielleicht wirklich der nächste Messi und der nächste Neymar in München und Dortmund.
Dass Investoren für Preisnachlässe zugunsten der Fans eintreten, wäre ein Novum. Und in der Käuflichkeit besteht die große Gefahr. Denn die ersten Klubs, die sich auf Investoren einlassen würden, wären diejenigen, die momentan Probleme haben. Die Gier nach Erfolg und der Frust über Misserfolg fressen den Verstand, womöglich auch der bisher von 50+1 überzeugten Vereinsmitglieder. Die Folge wäre ein Rattenrennen. Man kann diesen Effekt an den Zwängen erkennen, denen der 1. FC Köln in den 70er Jahren ausgesetzt war.

Inwiefern?
Als die ersten Bundesligisten sich Werbung aufs Trikot druckten, sagte der dortige Präsident Peter Weiand: Unser schönes Trikot bleibt weiß. Er hat das nur ganz kurz durchgehalten, niemand konnte dauerhaft auf diese Geldquelle verzichten. Alle Klubs, die in den kommenden Monaten keinen Widerstand gegen die Aufweichung der 50+1 Regel leisten, müssen wissen: Sie werden entweder von weniger prinzipientreuen Konkurrenten überflügelt werden oder sie müssen mitmachen. Es wird ein Wettbewerb um die zahlungsbereitesten Investoren beginnen, manche werden Glück haben, andere werden von ihren Geldgebern abgewirtschaftet werden.

Aber genau das haben wir doch schon jetzt, es gibt gute Klubführungen und schlechte.
Man kann das so sehen, es wird schöne Schlagzeilen geben, für die Show ist das gut. Aber Erfolgsgeschichten wie die nachhaltig seriöse Arbeit von Klubs wie dem SC Freiburg oder Borussia Mönchengladbach wären praktisch nicht mehr möglich. Stattdessen käme es auf die Launen, die Großzügigkeit und den wirtschaftlichen Erfolg der neuen Klubbesitzer an.

Was schlagen Sie vor?
Betrachtet man die Relevanz dieses Themas für viele Fußballanhänger, so wünsche ich mir im Regelwerk ein Mitbestimmungsrecht der Mitglieder der Stammvereine darüber. Dem Präsidenten Kind wurde von den angerufenen Gerichten eine Vorstandsdiktatur im Verein zugebilligt. Das ist unfassbar, bedenkt man, wer über all die Jahre die Popularität des Fußballs geschaffen und welchen gesellschaftspolitischen Wert die Vereinsdemokratie hat.

Viele Experten sagen dennoch, die 50+1-Regel wird zeitnah von den Gerichten gestürzt. Wäre es da nicht besser, direkt nach Investoren zu suchen, um ganz vorne in der Entwicklung dabei zu sein, statt die Energie mit Debatten zu verschwenden?
Die Argumente der Befürworter der Regel sind juristisch viel stichhaltiger als behauptet wird. Wenn die Liga zu der Haltung kommt, die Regel im Kern halten zu wollen, hat sie sehr gute Chancen. Viel risikoreicher in Bezug auf die Rechtssicherheit wäre es, eine Regel zu formulieren, die Oligarchen, Heuschrecken und Scheichs von vermeintlich guten Investoren wie Audi oder Evonik unterscheidet.

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