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Kommentar 1. FC Kaiserslautern Schrumpf dich groß

Kann man sich eigentlich innerlich großschrumpfen? Am Samstag hatte es in Kaiserslautern den Anschein. Ein Kommentar.

1. FC Kaiserslautern - TSV 1860 München
1. FC Kaiserslautern - TSV 1860 München: Volle Hütte in Liga 3. Foto: dpa

Offenbar ist es so, dass man bestimmte Vereine aus der Bundesliga rauskriegt, aber die Bundesliga nicht aus den Vereinen. Von einer Menschenmasse wurde berichtet, die sich am Samstagmittag den Betzenberg in Kaiserslautern hinaufwälzte, 41 325 Menschen sollen es gewesen sein. Als sie oben war auf dem Betzenberg, die Menschenmasse, vorbeigewalzt an Wurstbuden und Schalständen, hat sie sich ins Stadion begeben, Dritte Liga: Der Absteiger Kaiserslautern gegen den Aufsteiger TSV 1860 München, Endstand 1:0. 

Was treibt diese Menschen an, was treibt sie einen Berg rauf in brüllender Hitze, um sich ein Drittligaspiel zu geben an einem Ort mit solch mächtiger Erstligatradition? Kurz nachgeschaut beim alten Philosophen Aristoteles, Stichwort Katharsis: Die seelische Reinigung als Effekt eines tragischen Theaterstücks. Jeder Abstieg ist eine Tragödie, mal größer, mal kleiner, und vor allem bei einem bedeutenden Fußballklub wie dem 1. FC Kaiserslautern, dessen Wirkung tief in die Region reinreicht, und vor allem beim Sturz von der ja schon nicht mehr ganz so großen Zweitligabühne auf die, nüchtern betrachtet, unbedeutenden Drittligabretter. 

Sehnsucht nach Übersicht

Den befreienden Eindruck wurde man nicht los beim Blick in die Pfalz am Samstag, so war das ja auch bei den Sechzgern, als sie, eine Etage gleich auslassend, aus Liga zwei in Liga vier stürzten, es lag am Geld und am störrischen Investor aus Jordanien. Sie durften endlich raus aus der verhassten Allianz-Arena, die nicht umsonst Arroganz-Arena genannt wird, was am FC Bayern liegt, sie durften zurück ins geliebte Sechzgerstadion in München Untergiesing, wo man keinen Oberrang zudecken muss, um dem Stadion irgendwie die Leere zunehmen, denn im Sechzgerstadion gibt es keinen Oberrang, und sowieso ist es so gut wie immer ausverkauft, selbst in der Regionalliga. Kann man sich eigentlich großschrumpfen, innerlich? 

Mal abgesehen von der nie zu unterschätzenden Leidensfähigkeit der Fußballfans: Jeder, der ein Herz in Brust hat, das irgendwie pocht, merkt, dass gerade was mächtig schiefläuft im Sport und im Fußball im Speziellen, der den Zeitgeist immer schon recht verlässlich wiedergegeben hat. Die Globalisierung stärkt automatisch ihr Gegenteil, die Glokalisierung. Wo alles größer, schneller, lauter wird, sehnt sich der Mensch nach den kleinen, langsamen, leisen. Nach Übersichtlichkeit. Wie in Kaiserslautern, wo der Betzenberg steht und obendrauf ein Stadion. Auch in Liga drei.

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