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Frauenfußball „Völlig andere Vorzeichen“

Ralf Kellermann, Trainer des VfL Wolfsburg, über das Wiedersehen mit Lyon im Champions-League-Finale.

24.05.2016 13:46
Finale 2013: Nadine Kessler (vorne) stoppt Amandine Henry. Foto: imago sportfotodienst

Ralf Kellermann hat die Erfolgsgeschichte des Frauenfußballs beim VfL Wolfsburg in den vergangenen Jahren entscheidend geprägt. Der 47-Jährige wurde vor elf Jahren zunächst vom damaligen Manager Thomas Strunz für die Scouting-Abteilung verpflichtet. Drei Jahre später wurde er Trainer der Frauen-Abteilung, für die er seit 2010 auch als Sportlicher Leiter tätig ist. Nun steht er mit dem VfL zum dritten Mal seit 2013 im Finale der Women’s Champions League. Gegner ist am Donnerstag (18 Uhr/Eurosport) wie vor drei Jahren das französische Topteam Olympique Lyon.

Welche Erinnerungen bestehen noch an das Champions-League-Finale 2013 in London? Damals, an der ruhmreichen Stamford Bridge, gelang es dem VfL Wolfsburg, dem hohen Favoriten Olympique Lyon ein Schnippchen zu schlagen.
Diese Erinnerungen sind jetzt natürlich noch mal präsenter, zumal wir damals das Triple gewonnen haben, doch jetzt ist es ein Spiel unter völlig anderen Vorzeichen. Wir sind damals als krasser Außenseiter angereist und Lyon hat uns in der Spielvorbereitung nicht so ernst genommen. Für sie war es dann völlig ungewohnt, dass es zur Pause noch 0:0 stand – die hatten nicht mit dieser Gegenwehr gerechnet und das haben wir dann durch Martina Müllers Siegtor ausgenutzt. Es ist jetzt wieder ähnlich, dass unser Gegner sowohl in der Liga als auch in der Champions League sehr dominant war. Wenn wir es also lange ausgeglichen halten, könnten sie nervös werden. Nur eines wird nicht passieren: dass sie uns wieder unterschätzen. Sie haben uns auch im Pokalfinale in Köln beobachtet – das hatten sie damals nicht für nötig gehalten.

Im rein französischen Halbfinale gab es ein 7:0 gegen den eigenen Rivalen Paris St. Germain, der eigentlich auch ein Starensemble beschäftigt. Ist Olympique Lyon derzeit das Nonplusultra im Frauenfußball?
Ja. Die Mannschaft verkörpert auf allen Positionen absolute Weltklasse und spielt mit wenigen Veränderungen länger zusammen. Sie zeigen, was mit dem richtigen Konzept und einer guten Kaderplanung erreicht werden kann, dazu kommen andere Dimensionen als bei uns. Ich meine damit die 22 000 Zuschauer, die gegen Paris in das zur EM gebaute Männer-Stadion gekommen sind. Der Stellenwert der Frauenabteilung in diesem Verein ist enorm – und damit auch der wirtschaftliche Rahmen. Wir können uns auch nicht beschweren, aber Lyon stellt sicherlich das Aushängeschild des Frauenfußballs in der Welt dar.

Lara Dickenmann und Élise Bussaglia sind von Lyon nach Wolfsburg gewechselt. Holen Sie sich dort Tipps?
Natürlich spricht man darüber, aber das allein reicht ja nicht. Wir haben mehrere Spiele live im Stadion beobachtet, darunter zuletzt das Pokalfinale in Grenoble und Videomaterial gesichtet. Wir sind gut vorbereitet.

Auch Wolfsburg beschäftigt mittlerweile ein internationales Ensemble mit Nationalspielerinnen aus der Schweiz, Schweden, Frankreich, Polen oder Ungarn. Geht es gar nicht mehr anders, um Titel zu gewinnen?
Es ginge vielleicht anders, wenn wir die besten deutschen Spielerinnen bündeln würden. Aber als wir beispielsweise eine Abwehrchefin gesucht haben, sind wir weit vor der EM 2013 auf die schwedische Nationalspielerin Nilla Fischer gestoßen. Wenn eine Spielerin gleichen Alters die höhere Qualität besitzt, ist es völlig normal, sich im Ausland zu bedienen.

Inwiefern dient der Frauenfußball jetzt dazu, imagemäßig etwas wieder geradezurücken, wo doch die Männer in diesem Jahr viel an Sympathien verspielt haben?
Wir sind ein Verein und jeder freut sich über die Erfolge des anderen mit. So waren wir in unserer Arena, als die Männer gegen Real Madrid gespielt haben. Wir fühlen uns wie jede Mannschaft des VfL als Werbeträger für den Verein und die Stadt. Ich denke, dass wir diese Aufgabe in den letzten Jahren gut umgesetzt haben. Allerdings wirkte es aufgrund der gestiegenen Erwartungen auf mich ein wenig so, als ob ich mich das ganze Jahr rechtfertigen musste. Vor allem in der heimischen Presse. Daher möchte ich noch mal betonen, dass wir uns zum fünften Male über die Frauen-Bundesliga für die Champions League qualifiziert haben. Am Samstag haben wir zum dritten Mal den DFB-Pokal gewonnen. Und wir stehen zum dritten Male in vier Jahren im Finale der Königsklasse.

Der Showdown der weiblichen Königsklasse, der ja immer in das Männer-Finale eingebettet werden soll, findet nicht in Mailand statt. Sondern in der Stadt Reggio Emilia, die rund 160 Kilometer entfernt liegt.
Was ich sehr bedaure, denn mit Mailand hat dieses Finale überhaupt nichts zu tun. Wir sind am Dienstag angereist und Freitag geht es schon wieder zurück. Das ausgesuchte Stadion hatte ich vorab besichtigt, es ist die Heimspielstätte von Sassuolo Calcio, die in der Serie A Sechster geworden sind. Die Infrastruktur, der Rasen, die Kabinen, das ist alles klasse. Aber wir halten uns anders als in London und Lissabon nicht in der eigentlichen Endspiel-Stadt auf. London war ein einmaliges Erlebnis, da wir auch noch das Männerfinale Bayern gegen Dortmund in Wembley verfolgen konnten. Aber die 30 Karten, die die beiden Finalteilnehmer der Frauen erhielten, hat die Uefa schon im Vorjahr gestrichen.

Ist das Format des Wettbewerbs ideal?
Sportlich hat die neue Setzliste bewirkt, dass es im Halbfinale diesmal zu den Vergleichen von vier Topteams kam. Ich wäre ein Freund davon, die letzten 16 Teilnehmer in vier Gruppen aufzuteilen und danach Halbfinals auszuspielen, aber dabei sehe ich große Terminprobleme. Der DFB hat ja verständlicherweise aufgrund des Fifa-Kalenders schon Schwierigkeiten, die 22 Bundesliga-Spieltage und die Pokalspiele zu platzieren. Ich würde gerne den Wettbewerb sportlich damit aufwerten, dass die starken Nationen wie Frankreich, Schweden und Deutschland einen dritten Teilnehmer stellen. Stattdessen wurde Ländern ein zweiter Startplatz zugestanden, die eigentlich in der Entwicklung noch nicht so weit sind.

Interview: Frank Hellmann

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