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Frauenfußball in Palästina Botschafterin mit Ball

Die palästinensische Frauen-Nationalelf im Fußball hat viel ins Rollen gebracht. Ein Besuch in Betlehem.

03.01.2011 15:52
Hani Thaljieh Foto: Inge Günther

Hani Thaljieh zerrt das mit Fußballbällen gefüllte Riesennetz aus ihrem kleinen Auto und hievt es auf ihre Schultern. Zwischen Interview und Jugendbetreuung bleibt nicht viel Zeit. Die Bälle müssen schnellstmöglich ins Bethlehemer Sportzentrum Dar Al-Kalima. Die palästinensischen Nachwuchskicker warten schon. Nicht nur die Jungs, auch zahlreiche Mädchen. Hani Thaljieh ist ihr großes Vorbild. Keine schießt so treffsicher Tore wie die 26-Jährige, Mittelstürmerin und Kapitänin des palästinensischen Nationalteams im Frauenfußball. Sie selbst nennt ihre Talente am Ball „ein Gottesgeschenk“. Und zu dessen wundersamer Vermehrung schleppt sie, wenn es sein muss, bereitwillig die Bälle zwischen diversen Trainingsstätten hin und her.

Als sie selber die Lust am Fußballspielen entdeckte, gab es das alles noch nicht. Kicken war in ihrer Kindheit ein reines Straßenvergnügen und ist es für viele palästinensische Kinder noch heute. Dass Klein-Hani mit den Jungs bolzte, behagte den Eltern überhaupt nicht. Sie wiederum mochte nicht einsehen, dass in ihrer Schule in Bethlehem nur die Jungen im Sportunterricht Fußball spielen durften, die Mädchen hingegen mit Volleyball vorlieb nehmen sollten. Sie hielt sich nicht daran, und weil sie gut im Toreschießen war, ließen ihre Klassenkameraden sie gerne aufs Feld.

Keimzelle des Frauenfußballs

Später als Studentin sprang ihr ein Zettel an der Pinnwand der Bethlehemer Universität ins Auge: „Fußballspielerinnen gesucht“. Gerade mal fünf Frauen meldeten sich. Weitere fanden sich nach intensiver Suche in anderen Teilen der Westbank. Es wurde die Keimzelle des palästinensischen Frauenfußballs. „Wir begannen vor sieben Jahren gleich als Nationalteam“, erzählt Hani Thaljieh lachend, „bevor es überhaupt Frauenfußballklubs auf Lokalebene gab.“

Die Familie war anfangs dagegen. Was würden die Leute über Frauen in Fußballtrikots sagen? Die palästinensische Gesellschaft ist schließlich ausgesprochen konservativ. Dazu die Verletzungsgefahr. Tatsächlich mussten die Frauen ihre Ballkünste meist auf nacktem Asphalt zeigen. Die wenigen guten Plätze waren den Männern vorbehalten. Harte Stürze blieben nicht aus, im Fall Hani Thaljieh führten sie zu komplizierten Knieoperationen, denen sie sich zunächst in Amman und im vorigen Sommer noch einmal in München unterziehen musste.

Trotzdem überwiegen für sie, die Nummer zehn des palästinensischen Nationalteams, die Erfolge. An beiden Händen zählt Thaljieh auf, wo überall in der Welt sie mit ihrer Frauenelf schon gespielt hat: Jordanien, Ägypten, Bahrain, dazu Deutschland, Frankreich, Norwegen und sogar Malaysia. „Immer reagierten die Leute überrascht, Palästinenserinnen wie uns zu sehen.“ Ganz normale Frauen eben, die meisten in Jeans, manche mit Kopftuch, das Team ist christlich moslemisch gemischt. Für die Bethlehemer Stürmerin eine ungeahnte Chance, „Botschafterin Palästinas zu sein“.

Mitri Raheb, Pfarrer der lutherischen Weihnachtskirche in Bethlehem, findet, dass das auch auf die palästinensische Gesellschaft zurückstrahlt. „Hani ist es gelungen, dem Frauensport bei uns ein Gesicht zu geben.“ Es versteht sich: ihre Eltern und Geschwister sind heute „schrecklich stolz“auf sie.

Inzwischen 16 Frauenteams

Ihr Kick hat eine Menge ins Rollen gebracht. Allein im Bethlehemer Sportzentrum Dar Al-Kalima trainieren inzwischen sechzig junge Fußballerinnen. In der Westbank spielen Frauen in 16 Teams, sechs davon in der ersten, zehn in der zweiten Liga. Seit Oktober läuft zudem ein einjähriges Pilotprojekt, um 25 junge Palästinenser, unter ihnen zehn Frauen, in der Nachwuchsförderung zu schulen. Nicht so sehr, um künftige Stars zu entdecken, sondern um Kinder von der Straße zu holen. Träger ist die von Raheb initiierte Dachorganisation Diyar, zu der eine Reihe lutherische und ökumenische Institutionen in Bethlehem gehören. Gesponsert wird die Ausbildung von der schweizerischen Scort-Foundation, deren Name sich aus dem Wortspiel Sport und dem englischen „to score“ (ein Tor erzielen) zusammensetzt.

Der Clou bei der Sache: Profitrainer europäischer Spitzenklubs wie Werder Bremen, Bayer Leverkusen und dem FC Basel bringen den „Young Coaches“ in vier übers Jahr verteilten Workshops bei, was einen guten Übungsleiter im Kinderfußball ausmacht. Teamgeist, Fairness, Toleranz und Zusammenspiel werden dabei genauso großgeschrieben wie am Ball bleiben und punkten. „Alles Werte“, sagt Raheb, „die der palästinensischen Zivilgesellschaft zugutekommen.“ Als Seelsorger habe er immer den ganzen Menschen im Blick, „Spirituelles und Sportliches verträgt sich bestens.“ Keine Frage, da spricht ein Fan von Hani Thaljieh.

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