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Franz Beckenbauer "Auch in Deutschland haben wir Probleme"

Franz Beckenbauer äußert sich im Interview über Gas und Politik, Druck als Motivationshilfe und die Grenzen der Verwissenschaftlichung des Fußballs.

08.06.2012 18:25
Bleibt sakrosankt: Franz Beckenbauer. Foto: dapd

Franz Beckenbauer kann nichts falsch machen. Das hat der Liebe Gott unmissverständlich klargemacht, als er den Fußball-Kaiser im ZDF-Sportstudio einst den Ball vom Rand eines Weißbierglases ins Loch der Torwand bugsieren ließ. Neuerdings hellt die 66-jährige Lichtgestalt das Image des russischen Energieriesen Gazprom auf. Altkanzler Gerhard Schröder musste für derlei Lobbyismus ordentlich Prügel einstecken, Beckenbauer bleibt sakrosankt.

Auch im Interview wagt er sich auf heikles Terrain und spricht über mögliche Verfehlungen Julia Timoschenkos.

Sie sind kürzlich vorgestellt worden als Botschafter für sportliche Großereignisse in Russland, unterwegs im Auftrag der russischen Gas-Produzenten unter der Führung von Gazprom. Was ist da Ihre Aufgabe – Olympia 2014 in Sotschi, die Eishockey-WM 2016 und die Fußball-WM 2018 sind ja auch so nach Russland gegangen?

Der Schwerpunkt liegt da sicherlich auf der Fußball-WM 2018. Dafür braucht man ja fünf, sechs Jahre Vorlauf, da wird es sicherlich eine Menge von Veranstaltungen geben, wo ich dann dabei bin. Ja, ich bin eine Art Botschafter dieser „Russian Gas Society“, einer der Hauptsponsoren im russischen Sport. Die haben sich halt einfallen lassen, mich als Botschafter zu haben, um dort zu helfen. Russland ist ein Land der Zukunft – nein, das kann man fast nicht sagen, das klingt abwertend – denn Russland hat ja eine lange Tradition, eine große Kultur und eine großartige Vergangenheit. Ich freu’ mich darauf, wenn ich für die Russen irgendwas tun kann; wenn sie Anstrengungen im Sport unternehmen, dann haben sie meine Unterstützung.

Haben Sie die politischen Diskussionen um die Ukraine verfolgt? Hatte das Einfluss auf Ihre Entscheidung, weil es um Russland möglicherweise ähnliche Debatten geben kann, die dann auf Sie zukommen?

Mit so etwas muss man rechnen. Wenn man die Wahl ausschreibt und dann Polen und der Ukraine den Zuschlag erteilt, dann muss man das akzeptieren. Zeigen Sie mir ein Land auf der Erde, wo alles stimmt und alles problemlos ist.

Bayern vielleicht?

Bayern, ja, aber auch in Deutschland haben wir Probleme, beinahe jedes Land hat seine Probleme. Ich weiß, dass die Kritik sich jetzt konzentriert hat auf die Behandlung der früheren Ministerpräsidentin, Frau Timoschenko. Wie will man da Stellung beziehen? Die ukrainische Justiz hat Frau Timoschenko für sieben Jahre ins Gefängnis geschickt, weil sie nach Meinung der Behörden Untreue begangen hat. Ich kann da auch nur sagen, was ich lese: Anscheinend sind da Gelder geflossen, die ihr nicht zustehen. Ich bin kein Richter und weiß es nicht. Die ukrainischen Behörden jedenfalls werden einen Grund gesehen haben, sie einzusperren. Eine andere Frage scheint mir die zu sein, wie sie behandelt wird. Aber das ist ja klar, und da herrscht weltweit Einigkeit, dass ihr – was immer sie auch angestellt hat – eine faire Behandlung zusteht. Das ist doch klar.

Ein Problem bei dieser Diskussion ist, dass vor jedem Turnier, vor jedem Großereignis immer irgendein Skandal-Thema aufgemacht wird – und weil es mal um Menschenrechte, mal um Gewaltproblematik und mal, wie 2006 in Deutschland, um die Sicherheit der Stadien geht, lässt sich Wichtiges von Unwichtigem kaum mehr unterscheiden, weil alles gleich laut ist.

Das ist ja immer so: Wenn solche Ereignisse bevorstehen, dann gibt es immer Leute und Strömungen, die sich einmischen. Und richtig, kurz vor der WM 2006 in Deutschland kommt die Stiftung Warentest daher und zweifelt unsere Stadien an – die damals besten und sichersten Stadien der Welt. Die wollten einen PR-Gag machen. Man kann nicht alles ernst nehmen, man muss die Dinge jeweils einzeln bewerten.

Sind Sie in die EM involviert?

Nein.

Haben Sie Verständnis für die Klagen aus dem deutschen Lager wegen der, wie es hieß, zerstückelten Vorbereitung?

Ja, da hab ich schon Verständnis. Aber es ist nun mal so, wenn der Terminkalender so gelegt ist. Es trifft hauptsächlich die Bayern, die dann erst recht spät – nach dem Pokalfinale, nach dem Champions-League-Finale und dem Freundschaftsspiel gegen die Niederlande – in die Vorbereitung einsteigen konnten. Eine angenehme Vorbereitung für Joachim Löw war es nicht.

Anderen Mannschaften ist es nicht anders ergangen, die Holländer zum Beispiel mussten dieses Spiel gegen die Bayern ja auch noch spielen.

Das ist etwas anderes. Für die Holländer war das eher ein Vorbereitungsspiel, weil sie ja alle beisammen waren: Nationalmannschaft gegen eine B-Elf der Bayern. Freilich: Von Seiten der Bayern war es ja verständlich, dass sie mit diesem Spiel, das ihnen ja zustand, zu ihrem Recht gekommen sind. Aber sinnvoll für die Euro-Vorbereitung der deutschen Mannschaft war es nicht.

Wo liegt für Sie bei diesem Turnier das Maß für Zufriedenheit mit dem Auftreten der Mannschaft? Muss unbedingt der Titel her? Reicht es, gut zu spielen, auch wenn man früh rausfliegt? Auch das ist ja möglich.

Freilich spielen wir in einer schweren Gruppe, aber das ist auch ein Vorteil: Weil man die Spiele nicht leichtfertig angeht, sondern höchst konzentriert in das Turnier hineingehen muss, um ein Ausscheiden zu vermeiden. Ich kann mir das nicht vorstellen. Wenn die deutsche Mannschaft einigermaßen ihren Rhythmus findet… aber klar, es ist Fußball – alles kann passieren: Der Ball klatscht an den Innenpfosten und springt wieder raus statt ins Tor. Aber wenn alles nach Plan läuft, dann sehe ich ein Endspiel Spanien gegen Deutschland.

Teilen Sie eigentlich diesen Siegzwang, den Matthias Sammer mit Nachdruck im deutschen Fußball von der Jugend bis zur A-Mannschaft verankert sehen möchte? Ist das ein gesundes Denken?

Ach ja, warum denn nicht? Das war ja früher nicht anders. Wir standen auch unter Druck, den haben wir uns selber bereitet. Wir wollten das gar nicht anders, denn dann haben wir am besten gespielt. Erinnern wir uns doch an die WM 1974, die Vorrunde mit der DDR, Australien und Chile – genau so langweilig haben wir da auch gespielt. Und danach, als der Druck dann da war, haben wir wunderbaren Fußball gespielt und sind letztlich verdient Weltmeister geworden. Wir haben diesen Druck gebraucht. Ich weiß nicht, ob diese heutige Generation belastbar genug ist, um mit diesem Druck umzugehen. Werden wir feststellen. Bisher noch nicht, denn den ganz großen Erfolg haben sie noch nicht erreicht. Natürlich: Zweiter bei der Europameisterschaft, zweimal Dritter bei der Weltmeisterschaft – das ist ein großartiger Erfolg, aber es nicht der effektive Erfolg.

Matthias Sammer kritisiert ja auch, wenn die Mannschaft als WM-Dritter nach Hause kommt und nach einem guten Turnier gefeiert wird.

Dieses Erfolgsdenken, das war damals unser Leben, da haben wir uns am wohlsten gefühlt. Ich muss ihm schon recht geben. Es ist wunderbar, wenn Du Zweiter wirst oder Dritter, aber da bleibt ja noch etwas übrig – du kannst ja auch Erster werden. Und das kann man erzwingen, das ist auch eine Mentalitätssache.

Bleibt die Frage, was besser für die Motivation ist – das Gewinnen oder das stete Streben danach? Die Suche nach Perfektion ist ein guter Grund für Arbeit.

Sicher, es gibt Situationen, dann legst Du Dich zurück und sagst Dir: So, jetzt hab’ ich gewonnen. Dann kannst Du gleich heimgehen, weil bei der nächsten Gelegenheit bist du weg. Dann hartnäckig dranzubleiben – das ist die nächste Stufe, das Erreichte zu verteidigen und dich nicht zurückzulehnen.

Dieser Fußball, um den es da auch geht, ist wissenschaftlich unterfüttert und theoretisch erschlossen, er wird beinahe nach holländischer Denkart bereits in die Köpfe der Kleinsten gepflanzt. Können Sie damit etwas anfangen?

Ja, sowieso. Die mentale Voraussetzung spielt ja eine ganz wichtige Rolle, eben nicht nur das Talent, und nicht nur die Ausbildung. Je stärker du mental mit Stresssituationen umgehen kannst, umso erfolgreicher bist du. Was nützt einem das größte Talent, wenn er bei der ersten Prüfung durchfällt?

Nach der EM 2004 ist der deutsche Fußball, zumindest bei der Nationalmannschaft, auf den Kopf gestellt worden. Mit Klinsmann begann diese Verwissenschaftlichung, es kamen die amerikanischen Fitness-Trainer, die Automatismen wurden zum festen Begriff, über Laufwege wurde öffentlich debattiert, mit der Sporthochschule Köln wurden trainingswissenschaftliche Programme abgestimmt. Ändert das das Spiel Fußball? Wird das alles komplizierter?

Ich glaube nicht. Ich weiß nicht, wie sinnvoll das ist, wenn du die Laufwege festlegst – wenn der Gegner die gleichen Laufwege hat, dann rennt man ja permanent gegeneinander, mal spaßig ausgedrückt. Danach wird es doch erst interessant, dann kommt der individuelle Standard, dann kommen die Messis und die Ronaldos. Die sind es dann, die die Spiele entscheiden, wenn alles andere gleich ist.

Die Frage ist: Könnte man ein Team auch heute noch mit dem simplen Satz „Geht’s raus und spielt’s Fußball!“ aufs Feld schicken, wie Sie es zum WM-Finale 1990 getan haben?

Naja, das ist der letzte Satz nach einer akribischen Vorbereitung, die über Monate gegangen ist und, je näher das Ereignis kam, immer spezifischer wurde. Und wenn du alles getan hast und …

… es nichts mehr zu sagen gibt …

… dann schickst du die Mannschaft hinaus und sagst: „Geht’s raus und spielt’s Fußball!“

Das Gespräch führte Karlheinz Wagner.

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