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Frankreich Deutschland Özil, der verkappte Stürmer

Nach dem 2:1-Sieg in Frankreich lobt Bundestrainer Löw vor allem Müller und Gündogan und Özil. Real Madrids Nummer zehn weiß als verkappter Stürmer zu überzeugen und ist auf dem Platz allgegenwärtig.

08.02.2013 15:04
Özil (vorne) rückte in der zweiten Halbzeit für Gomez in die Spitze. Foto: AFP

Joachim Löw regte sich nach dem eigentlich sehr erhebenden 2:1-Sieg gegen Frankreich im Stade de France furchtbar über die paar Minuten Nachspielzeit auf, als sein Team spät, aber deutlich, wieder einmal die „Ordnung“, wie er es nennt, verloren hatte. „Da hätten wir mehrfach noch ein Tor kassieren und uns um den ganzen Lohn bringen können“, schimpfte er. Dass man auch vorher mehrfach ein Tor hätte kassieren können, das hatte der Bundestrainer glatt vergessen. Sein Kollege Didier Deschamps hingegen nicht. Der trauerte ausgiebig der Handvoll guter Torchancen nach, die seine Mannschaft verschleudert hatte, und kam daher zu einem geringfügig anderen Resümee als Löw. „Wir haben ein gutes Spiel gemacht, mit einem kleinen Schönheitsfehler ? leider verloren“, sagte Frankreichs Coach. Löw fand, sein Team sei „die deutlich bessere Mannschaft gewesen“, und der Sieg sei „hochverdient“.

In Wahrheit war es ein munteres, offensiv geführtes und nach einigen Anlaufschwierigkeiten teilweise rasantes Match zweier gleichwertiger Gegner. Auf beiden Seiten gab es eine Reihe vielversprechender Strafraumszenen und eine überschaubare Anzahl klarer Torchancen. Gewonnen hat die Mannschaft, welche diese besser nutzte. „Wir haben offenbar unsere Siegermentalität wiedergefunden“, witzelte Thomas Müller in Anspielung auf die zahlreichen Kommentare, die den Deutschen genau diese Eigenschaft nach der EM im vergangenen Sommer abgesprochen hatten. Dabei hatte die DFB-Elf mit exakt derselben Qualität ihre Gruppenspiele in der Ukraine gewonnen, nur im Halbfinale gegen Italien war es genau umgekehrt gewesen. Zwei Chancen, zwei Tore ? aus, vorbei.

Akzeptanz zurückgewinnen

Für den Bundestrainer geht es, bevor die WM-Qualifikation im kommenden Herbst in ihre entscheidende Phase tritt, vor allem um zwei Dinge: die Akzeptanz in der Öffentlichkeit zurückzugewinnen und die Mannschaft zu stabilisieren. Was bedeutet: 90 Minuten Ordnung ? plus Nachspielzeit, versteht sich. Aus Paris durfte er die Erkenntnis mitnehmen, dass er sich dabei vor allem auf drei Leute, die im Stade de France mitwirkten, verlassen kann: Mesut Özil, Thomas Müller und Ilkay Gündogan. Letzterer spielte im defensiven Mittelfeld neben Sami Khedira eine so abgeklärte wie wirkungsvolle Partie, dass, wenn der Bundestrainer nicht in Nibelungentreue zu seinen Weggefährten der ersten Stunde halten würde, wohl sogar Bastian Schweinsteiger um seinen Stammplatz fürchten müsste. „Gündogan war wahnsinnig präsent, er kann den Ball halten und ist nach vorne aggressiv“, lobte Löw. Er verleiht dem Spiel Dynamik, so wie beim halb erzwungenen, halb geschenkten Ballgewinn mit anschließendem Pass vor Müllers Ausgleichstor. Anders als Schweinsteiger oder Toni Kroos kann er außerdem das Spiel schnell machen, indem er mit dem Ball läuft, was manchmal die bessere Lösung ist als ein Pass.

Und wenn er mal nicht weiter weiß, kann er den Ball immer noch Mesut Özil geben. Der entzückte am Mittwoch sogar Deschamps, der immer wieder Özil als denjenigen nannte, der seinem Team die größten Schwierigkeiten bereitet habe. Zuerst, als er „zwischen den Linien“ spielte, wie Frankreichs Trainer meinte, dann, nach dem Abgang von Mario Gomez, als verkappter Mittelstürmer. Eine Variante, die Löw als gelungen abhaken und ins Repertoire integrieren kann: „Damit kamen die Franzosen nicht zurecht, sie haben die Zuordnung verloren und wir konnten unsere Angriffe bis vors Tor bringen.“ Özil habe bei Real Madrid noch eine Menge gelernt, sagte der Bundestrainer und verwies auf das riesige Laufpensum, das Özil mittlerweile leistet. „Das wird oft übersehen.“ Für einen Spieler, der einst bei Werder Bremen meist stehen blieb, wenn der Ball weg war, ist die Allgegenwart auf dem Platz in der Tat erstaunlich. Immer anspielbar, beherrscht es Özil inzwischen, den Rhythmus der Partie zu bestimmen. Und er freute sich sichtlich, mal wieder mit jemandem zusammenspielen zu können, der die Raffinesse von Thomas Müller besitzt, ein Faktor, den er in seinem Madrider Team derzeit eher nicht vorfindet. Der Bayern-Angreifer ließ in Paris erkennen, warum im Augenblick auch ein Arjen Robben beim Münchner Tabellenführer nicht an ihm vorbeikommt. Wobei es in seinem Fall, im Gegensatz zu anderen Spielern, eher erstaunt, dass er seine Form aus dem DFB-Team momentan so nahtlos auch beim Verein präsentiert.

Nationalmannschaft, das war schon immer eine Art Abenteuerspielplatz für Müller, und die Franzosen wussten die meiste Zeit nicht, was sie mit dem Irrwisch anfangen sollten, der seine rechte Seite immer wieder verließ, um plötzlich ganz woanders aufzutauchen, und ständig unvorhersehbare Dinge mit dem Ball anstellte, wenn er ihn nicht gerade ins Tor schoss.

Für den Bundestrainer war indes noch wichtiger, dass Müller auch defensiv präsent war. Vor allem vor Frankreichs offensiven Außenverteidigern hatte Löw Respekt, weshalb auch die eher blasse linke Seite mit Benedikt Höwedes und Lukas Podolski ein kleines Lob für Defensivarbeit bekam. Ordnung beginnt eben hinten, auch wenn es im Endeffekt ein paar mehr Torchancen für den Gegner gab, als Joachim Löw wahrhaben wollte.

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