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FR-Interview mit Raphael Schäfer „Für die erste Liga gibt es keinen Ersatz“

Torwart Raphael Schäfer zu dem vielen Auf und Ab beim 1. FC Nürnberg, dem lehrreichen Jahr beim VfB Stuttgart, der unqualifizierten Kritik eines TV-Kommentators und dem lockeren Umgang mit seinen polnischen Wurzeln.

17.02.2011 14:29
Club-Torwart Raphael Schäfer Foto: dpa

Was macht Raphael Schäfer eigentlich am 20. und 23. Mai dieses Jahres?

Da hoffe ich, dass ich mit meiner Frau Anja und meinen Töchtern Anna und Lara-Maria in der Alpenrose im Kinderhotel bin.

Also spielt der 1. FC Nürnberg zum ersten Male seit der Wiedereinführung nicht die Relegation mit. Ist das nicht ungewohnt?

Ich hätte keine Probleme damit, jedes Jahr da anzutreten, wenn es eine Garantie gäbe, auch zu gewinnen. Also ist es angenehmer, diesen Druck nicht zu haben. So wie es bei uns derzeit läuft, macht es einfach mehr Spaß. Auch wenn das sicherlich so nicht vorhersehbar war.

Der „Club“ ist ja kein Einzelfall, sondern auch Hannover, Mainz oder Freiburg stehen immer noch vor Hamburg, Schalke, Bremen, Wolfsburg oder Stuttgart, die teilweise ein Vielfaches von ihrem bescheidenen Personalkostenetat von 17,8 Millionen Euro aufwenden?

Auch wenn man viel Geld ausgibt, braucht man trotzdem eine Mannschaft, die funktioniert. Wenn Vereine wie Bayern oder Wolfsburg wichtige Führungsleute ziehen lassen oder viele Spieler neu verpflichten, dann können die kleineren Klubs eher über das Kollektiv kommen, während die Großen noch eine Hierarchie aufbauen. Der Spruch 'Elf Freunde müsst ihr sein' zählt heute immer noch - zumindest auf dem Platz. Ich kann aus meiner Profizeit sagen, dass sich nur dann Erfolg eingestellt hat, wenn sich die Mannschaft miteinander verstanden hat; wenn kein Stinkstiefel dabei war und keine Clique ihr eigenes Ding gemacht hat. In Nürnberg haben wir diese gute Mischung.

Nach dem 4:1-Sieg beim VfB Stuttgart sollen Sie die gesamte Mannschaft eingeladen haben. Trainer Dieter Hecking wollte am Sonntagmorgen aber nicht trainingsfrei geben?

Beides stimmt. Ich hatte am Sonntag nach dem Hamburg-Spiel Geburtstag und habe den Jungs versprochen, wenn wir auch in Stuttgart gewinnen, dann gebe ich einen aus und lade euch ein. Das haben sie dann gnadenlos ausgenutzt - insofern war es gar nicht schlecht, am Sonntagmorgen an der frischen Luft zu sein (lacht).

Ein Sieg in Stuttgart ist Ihnen immer noch einiges wert. Die missglückte Saison 2007/2008 beim VfB gilt bis heute als Ihr Makel.

Das ist für beide Seiten nicht erfreulich gelaufen. Vergangene Woche war es schön, zu zeigen, dass man ein Guter ist und dieses Jahr ein Ausrutscher war. Ich hatte in Stuttgart von Anfang an einen schweren Stand. Und wenn ich manche Szenen sehe, dann denke ich heute noch, was hast du denn da gemacht. Vieles ist halt Kopfsache.

Woher nehmen die heutigen jungen Spieler diese mentale Stärke? Ein Julian Schieber, obwohl nur ausgeliehen, gibt für den Verein alles, Ilkay Gündogan, obwohl ständig mit Wechselgerüchten konfrontiert, lässt sich nichts anmerken. Das sind nur zwei Beispiele von vielen.

Die Jungen muss man wenig runterholen, das ist erstaunlich - das sind alles bodenständige, erfolgshungrige Kerle. Julian ist für mich einer der drei, vier besten Stürmer in Deutschland, Ilkay hat sensationelle Voraussetzungen, fast ein Potential wie Mesut Özil. Alle Talente bei uns sind fußballerisch und charakterlich schon bestens ausgebildet. Diese Generation ist auf das Haifischbecken Bundesliga einfach besser vorbereitet. Früher hat man als 17-, 18-Jähriger alles erst erklärt bekommen.

Sie sind doch als Zwölfjähriger auch schon zu Hannover 96 gekommen.

Ich hatte aber nur die Förderung bei den Jugendnationalmannschaften. Ich habe nie im Internat gewohnt, es gab keine spezielle Ausbildung - so etwas hatte damals meines Wissens nur Stuttgart und Bayern. Mein erstes richtiges Torwarttraining hatte ich mit 16, 17 Jahren. Man musste sich viel mehr selbst erarbeiten.

Auch Gelassenheit? Sie haben ziemlich cool reagiert, als der überforderte ZDF-Reporter Wolf-Dieter Poschmann in seinem Live-Kommentar vom Pokalspiel auf Schalke ohne Angabe von Gründen Sie als „den unsichersten Torwart der Liga“ bezeichnet hat. Ein paar Tage später haben sie ins ZDF-Mikrofon jedoch schöne Grüße bestellt.

Das ist ja das Schöne aus meiner Stuttgarter Zeit. Da habe ich gelernt, dass es nichts bringt, sich mit den Medien anzulegen; das ist sowieso nicht beeinflussbar. Herr Poschmann hat das ganze Spiel pro Schalke kommentiert (es gab einen offiziellen Protestbrief des 1. FC Nürnberg, Anm. d. Red.), also habe ich darüber geschmunzelt.

Ihr Verein hat extreme Schwankungen erlebt. Aufstieg und Abstiege, Trauer und Triumphe. Wie haben Sie zeitweise die chaotischen Verhältnisse ertragen? Mit der Modelleisenbahn oder der Tochter daheim spielen und alles ist vergessen?

Die Familie ist wirklich ein riesiger Rückhalt. Mittlerweile weiß meine fünfjährige Tochter aber schon genau, ob wir gewonnen haben oder nicht. Gerade da war auch das Stuttgarter Jahr sehr lehrreich, um den Fußball nicht zu wichtig zu nehmen.

Gab es in Nürnberg mal ähnlich schwierige Momente?

In der zweiten Liga war es sehr schwierig. Wenn man dann vom Präsidenten noch hört, dass die Lichter ausgehen, wenn man nicht aufsteigt, kommt man schon ins Grübeln.

Und wenn man in Oberhausen oder Ahlen spielt, weiß man als gestandener Bundesligaspieler auch, wo man nicht wieder hin will, oder?

Definitiv. Obwohl die zweite Liga für mich der beste Weg war, um aus dem negativen Blickfeld wieder rauszukommen. Aber für die erste Liga gibt es keinen Ersatz: Es ist doch schöner, vor 80000 in Dortmund einzulaufen als vor 3000 in Oberhausen. Und die Kabinen sind in Dortmund auch schöner (lacht).

Sie sind schon seit 2001 in Nürnberg. Trainer Dieter Hecking sagt, sie hätten das „Club“-Gen verinnerlicht.

Ich fühle mich auch als kompletter Franke...

...mit Ihrem Torwarttrainer Adam Matysek reden Sie manchmal aber polnisch. Ihr Vater ist mit Ihnen im Alter von sieben Jahren aus Oberschlesien nach Deutschland ausgewandert. Inwieweit sind diese Wurzeln heute noch spürbar?

In Polen war es keine einfache Zeit, dort waren wir immer nur die Deutschen - und als wird dann 1986 nach Norddeutschland aussiedelten, waren wir plötzlich die Polen. Ich habe dann in wenigen Monaten Deutsch gelernt und lange kein Polnisch mehr gesprochen, bis ich dann 2001 nach Nürnberg ging, die eine kleine polnische Fraktion hatten: mein Konkurrent Darius Kampa oder Jacek Krzynowek. In dieser Zeit habe ich das wieder aufgefrischt. Mit meinem Torwarttrainer Adam unterhalte ich mich tatsächlich oft auf polnisch - für uns ist das eher ein Spaß, wir müssen dann Alexander Stephan (Ersatztorwart, Anm. d. Red.) erklären, dass wir nicht über ihn lästern (lacht).

War die polnische Nationalmannschaft mal ein Thema?

Ja, es gab 2005 eine lose Anfrage. Als mein Vater davon hörte, war das allerdings schnell erledigt - das hätte er nie zugelassen. Meine Eltern wohnen übrigens auch seit einem Jahr in Nürnberg, und meine Schwester beruflich bedingt seit 2003 auch.

Insofern spricht doch alles dafür, die Karriere beim 1. FC Nürnberg zu beenden. Wie lange wollen Sie noch spielen?

Ich will auf jeden Fall nicht bis 40 spielen. In einem bestimmten Alter muss Schluss sein. Oliver Kahn war mit 39 Jahren nicht mehr derjenige, der er mit 34, 35 war. Die Leute sollen mich in einer guten Erinnerung behalten, deshalb will ich mit 36, 37 Schluss machen. Danach würde ich natürlich gerne beim 1. FC Nürnberg weiterarbeiten.

Interview: Frank Hellmann

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