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FC Bayern und Pep Guardiola Verfeinerung von Herz und Verstand

Die Verpflichtung von Pep Guardiola durch den FC Bayern sorgt für Aufsehen - doch wer ist dieser Fußballlehrer eigentlich?

18.01.2013 17:29
Martin Henkel
Pep Guardiola wird ab Sommer neuer Bayern-Trainer. Foto: REUTERS

Die Verpflichtung von Pep Guardiola durch den FC Bayern sorgt für Aufsehen - doch wer ist dieser Fußballlehrer eigentlich?

Jetzt kennen sie sich aus. Spaniens Medien waren am Tag nach der Sommer-2013-Verpflichtung von Josep „Pep“ Guardiola als Trainer des FC Bayern München gefüllt mit Geschichten über die Deutschen und ihre Bundesliga: über die prallen Stadien und die prallen Kassen, die jüngsten Erfolge in der Champions League (drei Klubs im Achtelfinale), und die in der Europa League (vier Klubs in der K.-o.-Runde), und natürlich über die Bayern, deren Geschichte hierzulande nicht mehr erzählt werden muss. Was aber weiß man von diesem Pep Guardiola?

Wenig noch ist entdeckt an dem seit heute 42-Jährigen, von dem in seiner Zeit von 2008 bis 2012 als 14-Titel-Coach des FC Barcelona oft nur sichtbar wurde: Ist immer akkurat gekleidet, bemerkenswert höflich im Umgang, auch kultiviert im Gedanken. Und: nach vier Jahren Barça ein wenig grau an den Schläfen, das Haar lichter, die Furchen tief, schließlich ausgebrannt. Doch wie auch anders nach diesem Werk. Guardiola gewann in vier Jahren 14 von 19 möglichen Titeln im Weltklubfußball, darunter zwei Mal die Champions League und zwei Mal die WM.

Hingabe: Immer mal öffnete Guardiola sich für Blicke. Was der Klub ihm abverlangte: „Bei Barça gibt es keine Alternative zum Siegen. Darin liegt die Größe des Klubs – und seine Misere.“ Und welchen Tribut er zahlte: „Ich fühle mich aufgezehrt. Ich kann der Mannschaft keine neuen Impulse geben.“ Aber anders war der Job nicht drin. Perfektion ist ein Wort, das Guardiolas Verhältnis zum Fußball beschreibt, Disziplin ein zweites, und Hingabe das dritte, vielleicht das entscheidende. Legende in Barcelona sind seine Videostudien vor jeder seiner 179 Trainerpartien. Guardiola verbrachte Stunden vor einem Bildschirm mit Sequenzen des jeweiligen Gegners. Auf die Studien angesprochen, sagte Guardiola 2011: „Den Gegner zu verstehen, wie er funktioniert und sich dann zu überlegen, wie man ihm begegnen kann, das hat mir mehr Spaß gemacht als vieles andere.“

Berufung: Wie in Biografien aller großen Fußballer entflammte die Leidenschaft im Vorschulalter. In seinem Heimatort Santpedor nahe Barcelona heißt es: Der Pep – immer nur mit Ball gesichtet. Als Jugendspieler war er Mitglied in Barças Jugendakademie La Masía, an den Wochenenden verdingte er sich als Balljunge – und schon war er Verteidiger der katalanischen Sache. In einem Ligaspiel klagte er dem polemisch pfeifenden Schiedsrichter, der spiele gerade mit den Gefühlen seiner Landsleute. Unter Barças früheren Spieler und späteren Trainer Johan Cruyff debütierte er als Profi. Er war der verlängerte Arm des Niederländers, Exekutive seiner Ideen, und ab 2007 Verwalter seines Erbes als Jugendtrainer an Barças Nachwuchsakademie. Ein Jahr später übernahm er Frank Rijkaards Cheftrainerposten. Am Tag seiner Ernennung dachte Mittelfeldregisseur Xavi: „Madre mia, jetzt werden wir fliegen! Ich schwöre es, Guardiola ist ein Perfektionist. Sollte Pep entscheiden, Musiker zu werden, er würde ein guter Musiker sein. Würde er Psychologe sein wollen, er wäre ein guter Psychologe. Das ist ansteckend, irgendwann wollen es die anderen auch sein.“

Unabhängigkeit: Vor zwei Jahren sagte Guardiola, es gebe keinen Tag, an dem er nicht wenigstens einmal denke: Ich gehe! Das löst die Abhängigkeiten von Präsidenten, Spielern und Freunden. Auch von formalen Verpflichtungen, nach seinem ersten Zweijahresvertrag verlängerte er zwei Mal nur noch um jeweils ein Jahr. Und es hilft Guardiola, an der Leidenschaft nicht zu verglühen. 2011 ließ er sich auf das einzige lange Kamera-Interview seiner vier Trainerjahre ein. Er führte es mit dem Journalisten Juan Manuel Trueba, der an einem Punkt des Gesprächs der Frage nachspürte, warum manche Regisseure ihre besten Filme in jungen Jahren drehen – und andere erst am Ende ihrer Zeit. Ein Jahr nach diesem Gespräch erklärte Guardiola, er werde Barça verlassen. Er zog mit seinen drei Kindern und seiner Ehefrau Cristina Serra in eine Wohnung am Central Park in New York. Und lernte Englisch.

Esprit: Bayerns neuer Coach war nie nur Spieler. Mit 25 schon, so Guardiola, habe er gewusst: „Später werde ich Trainer.“ Und er war nie nur Fußballer. Der Katalane ist ein kultivierter Bildungsbürger, zur Verfeinerung von Herz und Verstand verkehrt er mit Künstlern und Musikern, geht ins Theater, zeigt sich mit Literaten und interessiert sich für die politische Zukunft Kataloniens. Er ist Ehrenbürger seiner Kulturregion und hat wenige Chancen ausgelassen, einer Abspaltung von Spanien seine Unterstützung zu versichern. Mit der bayerischen Sache kennt er sich also bestens aus. Nur mit der Kleidung könnte es Probleme geben. Neben Uli Hoeneß’ weißen XXL-Hemden wird es interessant sein zu beobachten, welches Outfit Guardiola für angemessen erachtet. Bislang waren seine Auftritte erstklassig. Seine Frau entstammt der Modemacherfamilie Serra Claret. Er hat sie in einem ihrer Läden kennengelernt.

Schuld: Guardiola schuf in vier Jahren einen FC Barcelona, der jetzt schon Mythos ist und für die Gegenwart eine alte Idee von Fußball fruchtbar machte: nämlich die, nicht die Angst zu bändigen, sondern die Lust zu entfesseln. Nicht wenige in Katalonien glauben deshalb an den guten Pep, und denken an ihn wie einen Heiligen. Aber weit gefehlt, Guardiola ist ein guter Katholik und somit auch ein ordentlicher Sünder. Er hat sein Geld nicht akkurat versteuert, er wurde als Spieler beim italienischen Klub Brescia Calcio zwei Mal mit Nandrolon im Blut getestet, heißt er hat gedopt, wurde dafür vier Monate gesperrt und erst in zweiter Instanz strafrechtlich freigesprochen. Und er unterschrieb mitten in der Bankenkrise einen Werbevertrag mit der Banc Sabadell. Für die Hölle freilich reicht das nicht. Weshalb Franz Beckenbauer, auch ein guter Katholik, den Transfer des weltbesten Trainers an die Säbener Straße zu Recht mit den Worten vermerkte: „Ich ziehe meinen Hut.“

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