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FC Bayern München Guardiola krempelt den FC Bayern um

Die Verpflichtung von Thiago Alcántara offenbart, dass Pep Guardiola für Bayern München anstrengend werden dürfte. Auch die ersten Testspiele machen deutlich, dass der neue Trainer die Mannschaft alten Erfolgsmustern aus Barcelona anpassen will.

15.07.2013 15:55
Ronald Reng
Bester Spieler der U21-EM in diesem Juni: Thiago Alcántara. Foto: dpa

Als Fußballspieler ist Thiago Alcántara weniger der Sohn seines Vaters als ein Sohn Barças. Der Vater Mazinho, Weltmeister 1994 mit Brasilien, war ein Balleroberer im Mittelfeld, wuchtig, physisch, „ich war einer für die Schlacht“, charakterisiert sich Mazinho selbst. Der Sohn Thiago, in der berühmten Jugendschule des FC Barcelona groß geworden, ist ein Offensivspieler mit blühender Fantasie, ein Nachwuchsmeister in der Kunst des Passens und Dribbelns, wie es Barça propagiert.

Der Vater, der Weltmeister, verkaufte 2005 seine private Fußballschule und zog mit der ganzen Familie nach Barcelona, damit der damals 14-jährige Thiago und auch der kleine Sohn Rafinha bei Barça lernen konnten. Tag für Tag saß Mazinho auf der Tribüne und löste Kreuzworträtsel, um sich die Zeit zu vertreiben, während die Söhne trainierten. Wenn die Sprache in Barças Trainingszentrum auf Mazinho und Thiago kam, ging ein Lächeln in den Gesichtern auf, ein Lächeln über den Weltmeister, der nun als Kindermädchen seiner Söhne arbeitete, und ein Lächeln über den Sohn, der, ganz sicher, einmal Barças nächster Star werden würde. Nun aber wechselt Thiago Alcántara mit 22 zu Bayern München. Irgendetwas ist hier falsch gelaufen: Barça gibt für rund 20 Millionen Euro einen Spieler ab, der die Zukunft der Elf garantieren sollte, und Bayern kauft einen Fußballer, dessen Positionen schon reichlich besetzt sind.

Vor drei Wochen trat Bayerns neuer Trainer Pep Guardiola mit der Idee an, die funktionierende bayerische Elf nur in Details weiterzuentwickeln. Mit der Verpflichtung von Thiago auf ausdrücklichen Wunsch Guardiolas zeigt sich, was für Kleinigkeiten der Trainer verändern will: Sie stellen die ganze Elf auf den Kopf.

Legendäres Barça-Dreieck

Mit Javi Martínez und Bastian Schweinsteiger im zentralen Mittelfeld fand der FC Bayern vergangene Saison sein inneres Gleichgewicht. Die ersten Testspiele und Thiagos Kommen legen nahe, dass Guardiola das Mittelfeld trotzdem verformen wird. Er wird das legendäre, auf dem Kopf stehende Barça-Dreieck einführen, mit nur einem defensiven Mittelfeldspieler als unterem Punkt des Dreiecks und zwei Passmeistern auf den Halbpositionen davor.

Daraus ergeben sich unzählige Variationen, etwa mit Martínez in der Abwehr oder auch ein Mittelfelddreieck mit Martínez sowie Schweinsteiger und Thiago auf den Halbpositionen. Aber jede neue Variation wirft noch mehr Fragen auf: Glaubt Guardiola wirklich, dass Schweinsteiger als alleiniger Schutzpatron vor der Abwehr die richtige Wahl ist? Wie will er für Thiago, Müller, Robben, Ribéry, Götze, Kroos, Mandzukic, Pizarro, Shaqiri auf fünf Offensivposition Platz finden? Alle Fragen münden in einer: Wozu solch einschneidende Veränderungen bei einer Elf, die sich gerade erst als erfolgreichste Europas bewährte?

„Wenn nichts kaputt ist, musst du es reparieren“, beschreibt Guardiolas enger Freund, der Wirtschaftsforscher Xavier Sala i Martín, dessen Ansatz: Nur durch ständige Entwicklung behaupte sich eine Elf in der Weltspitze. „Am liebsten würde ich dich im Mittelfeld auf der Halbposition spielen lassen“, sagte Guardiola beim Trainingsbeginn unter vier Augen zu Bayerns Außenverteidiger Philipp Lahm. Die Idee zumindest hat er angesichts seines Überangebots an Kreativspielern zurückgestellt, aber sie macht deutlich, wie Guardiola denkt: Er sieht nicht nur, was ein Spieler oder eine Elf kann, sondern, was er aus ihnen machen könnte. Dass Reparaturen an funktionierenden Mannschaften bisweilen auch Schaden anrichten, weiß er. Bei Barça nennen sie das: für seine Überzeugungen sterben.

Zeitenwechsel in Barcelona?

In Barcelona wird man eine Mütze im Trainingszentrum vermissen. „Der gefährlichste Mann der Welt“, stand auf Mazinhos Schirmmütze. Mit Thiago geht auch sein anderer Sohn, Rafinha, ausgeliehen an Celta Vigo. Markiert es einen Zeitenwechsel? Die Talente aus dem eigenen Haus, die fast ein Jahrzehnt Barças Welterfolg prägten, finden derzeit nicht mehr hinein in die erste Elf. Thiago hatte nicht mehr die Geduld zu warten, bis ihm Xavi und Andrés Iniesta öfter Platz machten. Und bei Barça wuchs offenbar die Skepsis, ob Thiago jemals Xavi ersetzen könnte. Seit drei Jahren glitzerte Thiago dann und wann in Barças Spiel, aber nachhaltig zum Strahlen brachte er es nie. Mit 22 in München will Thiago Alcántara als Fußballer erwachsen werden.

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