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Fangewalt Hauptberuflich Barras Bravas

Hooligans sind brav im Vergleich zu den argentinischen Barras Bravas: In Argentinien ist der Übergang vom Fußball zur organisierten Kriminalität fließend - die Fans sind keine normalen Fußballanhänger, sondern gewaltbereite Gangs, die den Sport im Land kontrollieren.

05.06.2013 20:38
Diskussionen um die deutsche Gewaltbereitschaft im Fußball es nach dem DFB-Pokalspiel zwischen Dynamo Dresden und Hannover 69 gegeben. Die Polizei verzeichnete am 31. Oktober 2012 41 Straftaten. Foto: imago sportfotodienst

Flehend stand Torwart Pablo Migliore vor dem Richter. "Die einzige Bitte, die ich habe: Beschützt meine Familie", sagte Migliore, der bis vor kurzem Keeper des Fußballklubs Atlético San Lorenzo war – einem Verein aus Buenos Aires, dessen berühmtester Anhänger Papst Franziskus ist. Der Torhüter wurde am 31. März festgenommen, da er geholfen haben soll, einen mordverdächtigen Boca-Juniors-Anhänger vor der Polizei zu verstecken.

Nach einer umfassenden Aussage wurde Migliore freigelassen, musste aber mit der Rache der Barras Bravas ("Wilde Horden") rechnen, die ihn Verräter nannten. Migliore verkündete daher seinen Abschied und unterschrieb einen Vertrag beim kroatischen Serienmeister Dinamo Zagreb. Er wolle San Lorenzo nicht in sein persönliches Problem hineinziehen, sagte er. Denn die Barras sind keine normalen Fußballfans, sondern gewaltbereite Gangs, die den argentinischen Fußball kontrollieren und im Wochenrhythmus für Tote, Verletzte, Angst und Schrecken sorgen.

Gangmitglied: "Uns gehört der Verein"

Julio (Name geändert) ist Mitglied der Barra Brava "La Doce" (Die Zwölf), die bei Argentiniens berühmtesten Klub Boca Juniors das Sagen hat. Er sitzt auf einem Plastikstuhl in einem schäbigen Hinterhof im Viertel La Boca in Buenos Aires. Julio trägt Tattoos mit markigen Sprüchen, ihm fehlen einige Zähne. "Bei Euch in Deutschland geht Ihr doch alle nur brav ins Stadion, zahlt Eintritt, kauft ein Getränk und geht wieder nach Hause. Ihr lasst Euch alles gefallen. Wir nicht. Uns gehört der Verein", sagt er. Julios Mund öffnet sich zu einem breiten Grinsen. "Und wenn uns jemand quer kommt, dann hat er ein Problem".

Im Oktober des vergangenen Jahres haben die Boca-Barras zwölf Sicherheitsleute zusammengeschlagen und kamen ohne Strafe davon. Vor kurzem bedrohten die Barras des Zweitliga-Teams Crucero del Norte die eigenen Spieler aufgrund des drohenden Abstiegs mit Messern. Die Auseinandersetzungen unter den Anhängern enden oft tödlich. Allein im vergangenen Jahr sind in Argentinien elf Personen im Umfeld von Fußballspielen ums Leben gekommen. Sie wurden erschossen, erstochen oder totgeprügelt.

"Der Unterschied zur Hooligan-Situation in Deutschland und Europa ist: Die Barras Bravas sind hauptberuflich Barras Bravas", sagte Gustavo Yarroch, Journalist und Experte für die Gewaltthematik. Der Job umfasst Ticketverkäufe auf dem Schwarzmarkt, Schutzgelderpressung, Drogenhandel. Der Übergang vom Fußball zur organisierten Kriminalität ist fließend.

Es geht um Geld und Macht

"Die Barra Bravas werden von den Führungsriegen der Vereine und der lokalen Politik finanziell unterstützt. Im Gegenzug organisieren die Barras den Politikern Wählerstimmen", sagt Yarroch. Im April erzwangen die Barras vom Hauptstadtklub Huracán den Rücktritt des damaligen Trainers Juan Manuel Llop. Er hatte sich gegen eine finanzielle Unterstützung der Barras von Vereinsseite ausgesprochen. Daraufhin bedrohten diese die Familie des Trainers, Llop hängte seinen Job an den Nagel.

Die Art der Auseinandersetzungen hat sich im vergangenen Jahrzehnt verändert. Die meisten Dispute finden nicht mehr zwischen Anhängern verfeindeter Vereine, sondern zwischen konkurrierenden Barra Bravas innerhalb eines Klubs statt. "Hier geht es nicht um Liebe zum Verein, sondern nur noch um Geld und Macht", sagt Gustavo Yarroch. Denn die durch Gewalt erkämpfte Vorherrschaft in den Klubs garantiert den Gangs die Geldströme aus den Kreisen der Führungsriegen. (dpa)

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