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Ex-Radprofi Andreas Kappes Aus dem Sattel gefallen

Der ehemalige Radprofi Andreas Kappes ist jetzt Fensterputzer und ein ziemlich einsamer Mann. Offen redet er über seine Lebenskrise. Aber wenigstens sieht er Licht am Ende des Tunnels. Von Maike Albrecht

15.02.2010 15:02
Maike Albrecht
Ex-Radprofi Andreas Kappes. Foto: getty

Vor zwei Jahren holte Andreas Kappes die Realität ein. Er war 42 und fuhr seine allerletzten Sechstagerennen. Seine Frau Marion war da schon ausgezogen. Nicht einmal zu seinem Abschied kam sie nach Bremen. "Das ist das Maximum. Karriereende, Eheende, und ich weiß nicht, wie es weitergehen soll." Das hat Andreas Kappes damals gesagt. Heute sagt er: "Ich habe alles durchgemacht. Alleine. Die Familie war nicht mehr da, und helfen kann dir auch keiner."

Einer konnte es doch. Es ist in Zeiten, in denen im Sport plötzlich geredet wird über Depressionen und psychologische Hilfe, in denen aber eigentlich doch keiner so richtig darüber reden will - bemerkenswert. Bemerkenswert, dass ein ehemaliger Profi davon redet. Ganz offen. Ganz ehrlich. Andreas Kappes sagt: "Ich bin selbst freiwillig zum Psychologen gegangen, und es hat mir Spaß gemacht. Da habe ich gelernt: Jeder braucht Hilfe. Wie viel Hilfe, das ist unterschiedlich. Aber jeder braucht die Hilfe."

Der gebürtige Bremer hatte das alles anders geplant. Er wollte mit seiner Frau und seinen zwei Kindern die Zeit nach der Karriere genießen und sich als Sportlicher Leiter von kleineren Rennen etablieren. Doch Marion ging, nach 17 Jahren Ehe. Sie nahm die Kinder mit und auch den Hund. Seitdem sitzt Andreas Kappes allein in seinem Haus. In einem großen geräumigen Einfamilienhaus in Köln-Weiden. Sportliche Leiter? Braucht man sie in der größten Krise, die der deutsche Radsport je gesehen hat? Ein Kriterium in Neuss, das betreut Andreas Kappes noch. Vorher hatte er bis zu neun kleine Tagesrennen. Doch nach den ganzen Dopinggeständnissen seien die alle weggebrochen, sagt er. Im Leben von Andreas Kappes ist in den letzten zwei Jahren nicht viel Gutes passiert. Die Krise des Radsports trifft Leute wie ihn.

Leute wie er: Das sind Leute, die nichts anderes können als Radfahren. Oder Radfahrer betreuen. Die all ihre Träume, all ihre Energie immer in den Radsport gesteckt haben. Der Radsport war ihr Zuhause. Kappes sagt, er will mal ein Buch schreiben oder einen Film drehen über diese Zeit. Dramatisch sei sie gewesen, sagt er, oft schwierig. Bittere Momente habe es gegeben, und auch Phasen, wo er kurz davor war, etwas Falsches zu tun. "Aber da muss man stark sein und an sich glauben", sagt er. Er glaubt an sich. Er will an sich glauben: Ja, man kann weiterkommen, wenn man seinen Job gut macht. Egal, ob man sich im Rennsattel quält -oder ob man Fenster putzt. Andreas Kappes, der Sechstage-Star aus Bremen, der Tour-de-France-Fahrer, putzt jetzt Fenster. Auch Treppenhäuser, ganze Wohnungen. Er sagt, dass es ihm Spaß macht.

Schneller müsse er zwar noch werden, die anderen Kollegen seien ihm, dem Anfänger, noch etwas voraus, aber "wichtig ist,dass es sauber ist." Eine Zeit lang war er angestellt bei einer Firma, aber das ging nicht gut. Die Firma kündigte ihm, er klagte und bekam Recht. Trotzdem arbeitet er jetzt als Selbstständiger. Er wird gebucht von Bekannten und Freunden aus der Radsport-Branche. Er hat einige Stammkunden. Einer ist Rolf Wolfshohl, auch ein ehemaliger Radrennfahrer. In den 60er-Jahren war er neben Rudi Altig der beste Deutsche. Gewann Etappen bei der Tour de France und sogar die Vuelta. Heute betreibt er einen Fahrradladen, irgendwo im Industriegebiet vor Köln.

Hier steht jetzt Andreas Kappes, eine Lederhalterung am Gürtel, in dem der Gummi-Abzieher hängt. Mit Wischern und Eimer und Lederlappen ist er ausgestattet. Er hatte den Besuch gewarnt. Er sehe nicht mehr aus wie früher. Sei dick geworden und außer Form. Stimmt natürlich nicht. Er sieht immer noch sportlich aus, immer noch braun gebrannt. Nur die schwarzen Haare werden grauer und an einer Stelle auch weniger. 44 Jahre ist er jetzt - rund 20 Arbeitsjahre warten noch auf ihn. Andreas Kappes, der Rennfahrer, hatte gut verdient. Er fuhr für das Team Telekom und Gerolsteiner, für Toshiba und viele andere. Er siegte bei 24 Sechstagerennen, holte Etappensiege bei der Tour de Suisse und einen beim Giro d´Italia. Er hätte noch besser sein können, sagen viele, wenn er nicht so ein Querulant gewesen wäre, der immer geradeheraus sagte, was er dachte.

Lange blieb er nie bei einem Team. Sein größter Erfolg: der Sieg beim Het Volk, dem Frühjahrsklassiker in Belgien. Bis heute ist er der einzige Deutsche, der dieses Rennen je gewinnen konnte. Der Pokal hat einen Ehrenplatz. 40 Kilo ist er schwer, vergoldet, ein Mann auf einem Rennrad. Auf der Vitrine im Esszimmer thront das Monstrum. Die anderen Pokale, die vielen Medaillen, sie liegen achtlos auf dem Dachboden, zwischen Barbiepuppen und Carrerabahn. Die Trikots weggepackt in Umzugskisten. "Man will zu Hause auch etwas Privates haben", sagt Andreas Kappes, "und das, was abgeschlossen ist, nicht unbedingt präsentieren."

Sein neues Leben hat wenig zu tun mit seinem alten. Die Reinigungsjobs braucht er, damit überhaupt Geld in die Kasse kommt. Eine Scheidung sei teuer, sagt er. Viel von dem Geld, das er eingefahren hat, gehört nun den Anwälten. Er wusste, dass es schwer werden würde nach der Karriere. Dass es so schwer wird, war für ihn ein Schock. "Man hat das Abi abgebrochen, keine Lehre, keine Ausbildung und nach 20 Jahren Sport, wer wartet da auf einen. Bei drei Millionen Arbeitslosen. Ich würde es weder mir noch meinem eigenen Sohn noch mal raten. Ich würde es gar keinem raten."

Er meint den Profiradsport. Den Ruhm will er nicht zurück, sagt er. Nur nicht mehr allein sein will er. Die Freunde? Sind weniger geworden. "Man hat Leute, wo man denkt, das sind Freunde, aber das sind sie auch nicht richtig. Und die eigentlichen Freunde aus Schulzeiten, zu denen hat man den Kontakt während der Karriere verloren. Die anderen verliert man, wenn man aufhört."

Drei Rennräder hängen noch im Keller, doch schon seit fast zwei Jahren ist er nicht mehr gefahren. Noch nicht mal zum Bäcker oder zum Einkaufen fährt er Rad. Ein Alltagsrad hat er nicht. "Der einzige Sport, den ich mache, das ist die Bewegung beim Reinigen und Wischen am Fenster. Da bin ich froh, dass das so ist, denn ansonsten fehlt mir derzeit der Antrieb."

Eigentlich sollte Andreas Kappes ab dem Frühjahr zweiter Sportlicher Leiter des besten deutschen Frauenteams werden. Eigentlich. Es geht ums Team "Equipe Nürnberger". Ab diesem Jahr sollte es nicht mehr Nürnberger heißen, der Versicherungskonzern stieg aus dem Radsport aus, sondern "Skyter". Doch auch der neue Hauptsponsor sprang ab. Jetzt steht die Mannschaft um Olympiasiegerin Nicole Cooke vor dem Aus - und Kappes hat seinen Job verloren, bevor er ihn überhaupt antreten konnte. Und wer glaubt, diese Geschichte hätte ein Happy End verdient, der hat Recht - und bekommt vielleicht auch eines.

Denn plötzlich ist sie wieder da, die Energie, die Aufgabe. Andreas Kappes soll als Berater für eine Firma arbeiten, die Rad-Messtechnik für Profiteams herstellt und betreut. Schnittstelle zwischen den Sportlern und dem Unternehmen soll er sein. Er selbst hat das System, das die Leistungsdaten der Sportler ermittelt, jahrelang genutzt. Die Firma sitzt in Jülich, 40 Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Wenn alles gut klappt, soll er schon im Frühjahr in Trainingslagern und auf Straßenrennen die Teams betreuen. Andreas Kappes ist motiviert. Will diese Chance nicht verbocken. Sofort hat er das neue System auch auf sein Fahrrad gebaut. "Ich muss es ja selbst auch ausprobieren", sagt er.

Seine Stammkunden, bei denen er Fenster putzt, will er aber nicht gleich hängenlassen. Denn eines hat Andreas Kappes gelernt in den letzten zwei Jahren: Egal, was man geplant hat - am Ende kann alles ganz anders kommen.

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