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Erste Bundesliga Guck mal, Ente Lippens ist auch da!

Zechen, Proleten und alte Rivalen: Fußball im Ruhrgebiet ist mehr als nur das Derby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund.

09.03.2013 17:39
Wolfgang Hettfleisch
Ruhrpottromantik: ein Bolzplatz vor dem Förderturm des ehemaligen Steinkohlebergwerks Consolidation in Gelsenkirchen. Foto: archiv

An einer verschlafenen Dorfhauptstraße im südlichen Münsterland bekennt ein Fan Farbe. Die Fahne von Borussia Dortmund flattert im Wind hoch über dem Vorgarten. Hier ist BVB-Revier. Und es gilt Flagge zu zeigen vor dem Spiel auf Schalke – beim Erzrivalen.

In seinem Eigenheim in einer kleinen Siedlung am anderen Dorfende öffnet Bernard Dietz die Haustür und bittet in sein kleines Büro. Der Kapitän des Europameisterteams von 1980 hat als Jugendtrainer für die Schalker und als Scout für Dortmund gearbeitet. Aber sein Herz ist das eines blau-weiß gestreiften Zebras. „Die Leute in Duisburg“, sagt Dietz, 64, mit Nachdruck, „die bedeuten mir was.“

Der MSV musste ihn einst an Schalke verkaufen. „Der damalige Vorstand hat gesagt: Das kostet uns 2?000 Zuschauer, den müssen wir behalten“, erinnert sich Dietz. Verkauft wurde der 53-malige Nationalspieler 1982 trotzdem. Das war schon damals der Lauf der Dinge im Ruhrgebiets-Fußball: Die Großen fressen die Kleinen. Und so ist es noch heute. Mit dem Unterschied, dass die Großen noch ein bisschen größer und die Kleinen ein bisschen kleiner geworden sind.

Nur noch ein Event

Das heutige Duell Königsblau gegen Schwarzgelb ist das geworden, was im Marketingsprech Event genannt wird. Die Großklubs sind die Aushängeschilder der Region, der Stolz des Ruhrpotts. Jedenfalls wird dieses Bild vom gerne transportiert.

Und jenseits von Schalke und Dortmund? „Die Vereine hintendran haben so ihre Schwierigkeiten“, sagt Dietz. Es klingt nicht anklagend, eher resigniert. Den Großteil seiner Karriere hat er beim MSV Duisburg verbracht, für den VfL Bochum war er viele Jahre als Trainer tätig – meist im Nachwuchs- und Amateurbereich. An der Bürowand hängt eine Collage mit den Bildern junger Bochumer Spieler von damals, ein Weihnachtsgeschenk von 2001. „Danke für Ihre Unterstützung“, steht da. Und als Absender: „Ihre Bubis.“

Bernard Dietz erzählt viel über sein Fußballleben. Immer wieder klingt durch, wie sehr sich das Spiel gewandelt hat, fast so sehr wie das große Kohle- und Stahlrevier, das mehr Profiklubs auf engem Raum beherbergt als jede andere Region in Deutschland. „Dortmund und Schalke leben vom Mythos“, sagt er. „Die Leute haben ihren Job gehabt, Stahlwerk, Bergwerk. Die mussten schwer arbeiten, und das Leben war Fußball.Die haben sich damit identifiziert, weil viele Spieler aus der Region kamen. Das ist ja schon lange nicht mehr so. Aber der Mythos, der wird bleiben.“

Als Kind hat Dietz mit Altersgenossen in Bockum-Hövel beim Fußball Deutscher Meister gespielt. „Bei einem Bauern wurde ein improvisiertes Spielfeld angelegt. Es gab eine Meisterschale aus Pappe, da haben wir so silberne Dinger drangeklebt.“ Es gab in der Freizeit nichts außer Fußball, zumindest nicht viel. „Rasenheizung? Wat is dat denn?“, sagt Dietz. Es steckt Wehmut in diesem Scherz.

"Überschaubare Verhältnisse"

Ludger Claßen hat eine mögliche Erklärung: „Die 50er und frühen 60er Jahre üben eine solche Faszination aus, weil es damals überschaubare Verhältnisse gab.“ Auch und gerade im Ruhrgebiet, wo Bernard Dietz seine fußballerische Heimat fand. Claßen kennt sich da aus. Der ehemalige Verleger und heutige Geschäftsführer des Essener Klartext-Verlags ist jüngst 60 geworden. Er wuchs in Essen zwischen Zechen und Stahlwerken auf. „Der Bergbau hat das Ruhrgebiet bis Mitte, Ende der 60er Jahre komplett bestimmt. Die Identität speist sich daraus. Man fühlt sich als Ruhri“, sagt der Mann, der sich stolz als „Prolet aus einer Proletenfamilie“ bezeichnet.

Er und seine Kollegen residieren so bescheiden wie stilecht in einem langgezogenen Ziegelbau auf einem früheren Zechengelände. Sie teilen sich die Etage mit der Redaktion der zweimal wöchentlich erscheinenden Zeitung Reviersport, die in den 80er Jahren aus dem Klartext-Verlag hervorging. Sie ist eine Art Regional-Kicker für den Pott, es geht um Fußball, Fußball, Fußball.

„In den 80ern Reviersport zu machen, war ein Risiko“, sagt Claßen. „Es waren nur ganz wenige Zuschauer im Stadion, eine reine Männergesellschaft bei Bratwurst und Bier. Jetzt ist Fußball ein Familienereignis. Das ist die wirklich fundamentale Änderung, die sich vollzogen hat.“ Eine, von der nicht alle Klubs im Ruhrgebiet im selben Maß profitierten. „Anders als als Fahrstuhl-Mannschaft wird es unterhalb von Schalke und Dortmund nicht funktionieren“, glaubt Claßen. „Will so ein Klub Perspektive haben, geht es nur mit dem Freiburger Modell: mit Spielern, die mit weniger Geld zufrieden sind, mit guter Teamarbeit und Außendarstellung.“

Die Sonne verstaubt nicht mehr

Beim VfL Bochum wurde eigens ein Leitbild formuliert, so etwas wie das Grundgesetz der einst Unabsteigbaren. Darin heißt es, Bochumer zu sein, das bedeute, „sich zum Ruhrpott und zu dessen Lebensgefühl zu bekennen“. Aber die Sonne verstaubt tief im Westen schon längst nicht mehr, und auch der Pulsschlag aus Stahl ist lange verklungen. Grönemeyers Ode an die Heimatstadt läuft immer noch vor jedem Heimspiel des VfL, doch er singt von einer vergangenen Epoche.

„Na und?“, sagt Frank Goosen. „Nur uns wird immer vorgeworfen, das sei von gestern. Lebt in Bremen noch jemand vom Fischfang?“ Der erfolgreiche Kabarettist und Romanautor wählte einen Weg, über den er sich einst womöglich selbst mokiert hätte. Er ist der Fan, der Funktionär wurde. „Ich hab’ mich nach dem Abstieg 2010 ein paar Mal kritisch geäußert“, erklärt Goosen beim Mittagessen vor einem Auftritt in Berlin. „Und die Diskussion über das Selbstverständnis des Vereins hörte auch drei Wochen später nicht auf, als alle wieder nüchtern waren.“ Sie trug den nun 46-Jährigen in den VfL-Aufsichtsrat.

Die Innenansicht, die er schildert, darf als Blaupause für andere traditionsreiche Revierklubs gelten, die ihr Dasein im Schatten der Übermächtigen fristen. Ohne Erstligazugehörigkeit wächst der Abstand exponentiell. „Da brechen Sponsorengelder weg, und im TV-Ranking, haben wir in drei Jahren drei Plätze verloren“, sagt Goosen, während er nachdenklich in seinem doppelten Espresso rührt. Auf die Transfersumme für Angreifer Stanislav ?esták, der in die Türkei wechselte, warten die Bochumer bis heute. Die Zuschauerzahlen sind rückläufig.

„Diese Abwärtsspirale gilt es zu durchbrechen“, sagt Goosen. Wenn er will, kann er auch wie ein Funktionär reden. Er weiß um die latente Gefahr, dauerhaft im fußballerischen Nirvana zu verschwinden: „Das Selbstverständnis der VfL-Anhänger ist: Wir sind Erste Liga. Da reagieren manche auf die jetzige Situation mit Achselzucken. Und Achselzucken ist das Schlimmste, das uns passieren kann.“ Also will, nein, muss der VfL Bochum so schnell wie möglich wieder nach oben. „Die Fans lechzen danach, dass wir uns wieder mit Dortmund und Schalke messen können“, sagt Goosen. „Die arbeiten ja fast alle mit Dortmundern und Schalkern zusammen und wollen einfach mal wieder mit breiter Brust zur Arbeit kommen.“

Neue Milieus

Wenn sie denn Arbeit haben. Der Strukturwandel hat den Menschen im Ruhrgebiet viel abverlangt und tut es noch. „Dass der permanente Wandel dazugehört, ist in jeder Familie hier fest verankert“, sagt Verlagsmanager Claßen. „Aber viele Jahre lang konnte man sich wenigstens auf die Firma verlassen, war Kruppianer in Essen oder Opelaner in Bochum.“ Dass auch diese Gewissheit dahin ist, sei „eine Sache, die hier noch gelernt werden muss“.

Alte Milieus lösen sich auf, neue entstehen. Claßen weist darauf hin, dass im Ruhrgebiet, wo es bis Mitte der 60er Jahre keine einzige Universität gab, nun 160000 Studenten eine akademische Heimat fänden. „Und die Venloer Straße in Duisburg-Marxloh ist für die türkische Community die längste Hochzeitsmeile Europas.“ Veränderung ist die wahre Konstante. „Das Ganze war schon immer durch Migration überformt“, sagt Claßen.

Was bleibt da vom alten Lebensgefühl, von dieser allseits beschworenen Basis des Ruhrpott-Fußballs? Willi Lippens ist geblieben. Der trickreiche Stürmerstar der Bundesligajahre von Rot-Weiß Essen bewohnt und bewirtschaftet ein unmögliches Idyll in Bottrop, eingeklemmt zwischen einer Ausfallstraße und einer mächtigen Überlandleitung. Der Lippenshof umfasst sein Restaurant „Ich danke Sie“ mit ein paar Gästezimmern und sein Zuhause, ein schönes altes Fachwerkhaus. Die Schalke-Arena ist Luftlinie nur acht Kilometer entfernt. Doch das juckt den 67-Jährigen wenig. „Es gibt Momente, da habe ich eine große Distanz zum Fußball“, sagt Lippens, während sein Blick durch das fast leere Lokal wandert. „Die Saison geht erst in ein paar Wochen los“, erklärt er.

Natürlich ist der Mann, der 186 Tore für Rot-Weiß Essen erzielte, über das Fußballgeschehen noch auf dem Laufenden. „Kommt ja alles auf Sky“, sagt er. „Aber das ist beinahe schon zu viel, man ist teilweise übersättigt.“ Der Revierschlager interessiert ihn mäßig. Mit Schalke hat er nichts am Hut, und sein früherer Klub Dortmund hat ihn verärgert: „Die stellen sich so an mit ihren Karten. Da musst du praktisch einen Kniefall machen. Das ist dann auch gegen meine Ehre.“

"Schützenswertes Kulturgut"

An der Essener Hafenstraße, bei den Rot-Weißen, ist Willi Lippens hingegen häufig zu Gast. „Das lass ich mir nicht nehmen“, sagt er. „Wir haben ja ein schönes neues Stadion. Vielleicht denkt ja der eine oder andere auch: Guck mal, Ente Lippens ist auch da, dann gehe ich auch weiter hin.“

Essen ist die Stadt mit den meisten Einwohnern im Ruhrgebiet, nur in München siedeln mehr Dax-Konzerne. Der Klub ist viertklassig. Ludger Claßen und Frank Goosen sprechen wortgleich vom „schlafenden Riesen“. Im Sommer 2010 war der Riese insolvent. Seitdem geht es langsam wieder aufwärts. Der junge RWE-Vorsitzende Michael Welling ist überzeugt, „dass es mit solider Arbeit möglich ist, etwas aufzubauen.“ RWE, sagt er, will die dritte Kraft im Pott werden, „in allen relevanten Dingen: Dauerkarten, Mitglieder, Jugendarbeit. Und am liebsten irgendwann auch sportlich.“

Als es ums Überleben ging, hielten die Fans zu ihrem Klub, der einst der Klub von „Boss“ Helmut Rahn war. Fast 7?000 kamen zum ersten Heimspiel in der fünftklassigen NRW-Liga, der aktuelle Schnitt liegt bei über 8?000. „Schützenswertes Kulturgut“ – dieser Schriftzug findet sich auf den Fahnen vor der neuen Geschäftsstelle. „Die großen Spiele kommen noch“, sagt Welling. Die großen Spiele, das sind die gegen Fortuna Köln, Viktoria Köln und den Wuppertaler SV. Das große Spiel auf Schalke schaut er sich nicht an. Der Samstag gehört der Familie, und abends geht’s zu Herman van Veen. Gibt’s den auch noch? „Klar gibt’s den noch“, sagt der RWE-Chef und grinst über beide Ohren.

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