Lade Inhalte...

Enis Alushi und Lira Bajramaj Das Fußballer-Ehepaar

Als Fatmire Bajramaj wurde sie berühmt. Jetzt haben „Lira“ und ihr Partner Enis Alushi geheiratet – ein Gespräch über den Alltag eines Fußballprofi-Paares.

04.02.2014 10:05
Das Fußballer-Ehepaar Alushi. Foto: privat

Fatmire („Lira“) und Enis Alushi haben erst vor wenigen Wochen – am 10. Dezember vergangenen Jahres – in Mönchengladbach geheiratet. Sie ist 67-fache Nationalspielerin, wechselte von Turbine Potsdam zum 1. FFC Frankfurt und galt einst als das Glamourgirl im deutschen Frauenfußball. Er spielte lange für den SC Paderborn in der zweiten Liga, steht aktuell beim 1. FC Kaiserslautern unter Vertrag und träumt vom Aufstieg in die Bundesliga. Zum vereinbarten Termin in einem kleinen Café im Frankfurter Stadtteil Bockenheim muss die 25-Jährige eine ganze Weile auf ihren drei Jahre älteren Gatten warten, der wie sie aus dem Kosovo stammt. „Das kostet aber“, sagt sie bei der Begrüßung. Er hat eine plausible Entschuldigung: eine kurzfristig anberaumte Besprechung seines Trainers Kosta Runjaic in Kaiserslautern.

Lira und Enis Alushi, Sie waren vergangene Woche mit Ihren Teams fast zeitgleich im Trainingslager. Jetzt mal ehrlich: Wie oft haben Sie sich dort heimlich getroffen?
Enis Alushi: Wir haben uns nicht gesehen…
Lira Alushi: …wir hatten auch gar keine Zeit. Und wir waren viel zu kaputt. Außerdem hatten wir abends mit unserem Trainer Colin Bell oft ein Teammeeting. Telefonieren oder SMS schreiben, mehr war nicht möglich.
Enis: Und ich war ja in Belek…
Lira: …während ich in Side war.
Enis: Das ist ungefähr 40 Minuten weg. Und es hat einfach zeitlich nicht gepasst: Wenn wir einen freien Nachmittag hatten, hatte Lira Training. Oder umgekehrt. Erst beim Rückflug haben wir uns getroffen – da waren wir zufällig in derselben Maschine.

Wie haben Sie sich eigentlich kennengelernt?
Lira: Das ist über unsere Familien passiert. Meine Cousine lebt im Sauerland, wo auch Enis Verwandte hat. So kamen wir in Kontakt…
Enis: …ich habe sie aber nicht umgegrätscht!

Es gibt Lehrer-Paare oder Ärzte-Paare, davon hat man schon viel gehört. Aber von einem Fußballer-Paar weiß die Öffentlichkeit nicht viel. Wie stellt sich Ihr Alltag dar?
Lira: Ich glaube, man redet schon mehr über Fußball.
Enis (schaut sie an): Wir sprechen viel über unsere persönliche Phase, die wir gerade durchleben. Die Situationen im Verein, in der Mannschaft verändern sich ja oft sehr schnell, und darüber tauschen wir uns dann aus. Aber unser Leben ist nicht ausschließlich Fußball, wir haben schon noch andere Themen…
Lira: …englischer Fußball zum Beispiel (beide lachen laut). Deswegen kann ich nicht GZSZ (RTL-Sendung „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, Anm. d. Red.) gucken, weil er sich jedes Spiel aus England anschauen will.
Enis (grinst): Ich finde die Premier League halt sehr interessant.

Wie läuft ein typischer Fußball-Abend auf dem Sofa bei Ihnen ab, wenn beispielsweise Bayern in der Champions League spielt: Analysieren Sie beide ständig die Spielzüge?
Enis: Also: Es ist nicht so, dass wir beide die taktische Analyse vornehmen…
Lira: …aber einzelne Aktionen besprechen wir doch schon, oder?!
Enis: Meist macht aber Lira nebenbei was anderes; sie schält uns eine Mango, eine Papaya oder eine Wassermelone (lacht).

Wo sehen Sie Ihren Lebensmittelpunkt: In Frankfurt oder in Kaiserslautern?
Lira: Enis ist zu 70, 80 Prozent bei mir.
Enis: Ich habe eine Wohnung in Kaiserslautern, aber ich bin schon häufiger in Frankfurt. Wenn wir den einen Tag vormittags trainieren und den nächsten erst wieder nachmittags, dann bleibe ich bei ihr. Der Weg von Frankfurt ist ja nicht so weit.
Lira: Die trainieren ja nicht so oft wie wir (lacht laut).

Haben Sie beide eigentlich Ihren Traumberuf gefunden?
Enis: Mein Traumberuf ist es auf jeden Fall. Ich wollte schon als kleines Kind immer Fußballer werden. Dass das geklappt hat, ist und war zwar mit richtig harter Arbeit verbunden, ist aber wunderschön.
Lira: Bei mir ist das auch so. Ich habe mein Hobby zum Beruf machen können und kann damit Geld verdienen.

Zwischen Männer- und Frauenfußball bestehen gerade beim Verdienst aber noch große Unterschiede.
Lira: Aber soll ich deswegen neidisch sein? Nur weil bei denen noch ein, zwei Nullen hinten dranhängen? Nein, ich mache mir keine Gedanken, was ein Bastian Schweinsteiger oder Philipp Lahm bei den Männern bekommt, egal wie viele Nullen die hinten mehr haben.
Enis: Das ist überhaupt der falsche Ansatz. Ich bin auch nicht neidisch auf Schweinsteiger oder Franck Ribéry. Wir betreiben Leistungssport, und mit deren Leistung haben sie sich ihren Status und ihre Bezahlung verdient.

Schauen Sie sich gegenseitig bei den Spielen zu?
Lira: Es klappt ja nicht immer, weil ich auch meine Spiele habe, aber ich habe ein paarmal in der Hin-Serie zugeschaut, aber da hat der FCK immer verloren. Stefan Kuntz (Vorstandsvorsitzender des 1. FC Kaiserslautern, Anm. d. Red.) hat zu mir jetzt gesagt, ich soll besser nicht mehr Bei mir klappt das besser: Wenn ich zu den Heimspielen erscheine, gewinnt der 1. FFC meist.

Kann Lira Alushi fußballerisch etwas, was Enis Alushi nicht kann?
Enis: Sie ist eine der besten Spielerinnen der Welt, sie ist im Eins-gegen-Eins sehr stark. Ich bin ja nicht gerade der Spielertyp, der seine Gegenspieler schwindlig spielt…
Lira: …vergiss mein Kopfballspiel nicht! (lacht)

Was bewundert die Ehefrau an ihrem Ehemann auf dem Fußballplatz?
Lira: Sein Passspiel, seine Ruhe am Ball, seine Technik. Was gibt es noch?
Enis: Ich bin einfach komplett. (grinst)

Sind die Umfangsformen im Frauen- und Männerfußball unterschiedlich?
Enis: Ich bin dort nicht im Training dabei, aber ich kann mir vorstellen, dass es im Männerfußball rauer zugeht. Da wird sich gestritten, da gibt es vielleicht auch mal eine Handgreiflichkeit, aber das ist hinterher schon in der Kabine alles vergessen.
Lira: Das ist bei uns tatsächlich anders: Da geht es beleidigt in die Kabine und auch beleidigt nach Hause. Da ist das erst in den nächsten Tagen vergessen.

Die Männer bleiben häufiger liegen als die Frauen – sind die wehleidiger?
Enis: Ich würde das als gerissener bezeichnen.
Lira: Die Männer fallen häufiger hin und bleiben länger liegen. Aber das wird im Frauenfußball auch immer mehr.
Enis: Ihr lernt das von den Männern!

Bundestrainerin Silvia Neid hat gesagt, sie würde sich zutrauen eine Männer-Mannschaft zu trainieren, aber nach wie vor seien die Vorbehalte zu groß. Wie sehen Sie das?
Enis (überlegt lange): Hhhmmm..
Lira: Ich würde ihr das zutrauen. Martina Voss-Tecklenburg hat ja schon eine Regionalliga-Mannschaft bei den Männern trainiert. Warum sollte es dann die Nationaltrainerin nicht schaffen?
Enis: Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Es wäre nicht einfach für eine Frau – diese Trainerin müsste vollen Rückhalt im Verein haben und eine ausgeprägte Autorität. Dann könnte es vielleicht klappen.

Dass der Männerfußball noch von Macho-Strukturen geprägt ist, haben einige Reaktionen auf das Outing von Thomas Hitzlsperger gezeigt. Es war das erste homosexuelle Bekenntnis eines deutschen Ex-Nationalspielers, während die aktuelle Nationaltorhüterin Nadine Angerer über ihre bisexuelle Neigung seit Jahren offen spricht. Woher kommen die Unterschiede?
Lira: Der Frauenfußball steht nicht so massiv in der Öffentlichkeit. Bei Nadine Angerer war das nur zwei Tage Thema. Und viele bei uns sprechen auch nicht öffentlich darüber, weil das niemanden etwas angeht.
Enis: Es sind komplett andere Größenordnungen, eine ganz andere Medienpräsenz. Wenn sich bei uns einer outet, spielt er vor 60.000 Zuschauern und nicht vor 1000. Ich sehe das ähnlich wie Jens Lehmann und würde einem aktuellen Spieler nicht unbedingt raten wollen, den Weg an die Öffentlichkeit zu gehen – das muss jeder für sich selbst entscheiden und mit seinem Umfeld abstimmen.

Sie haben im Dezember geheiratet. Die Terminsuche soll sehr schwierig gewesen sein…
Lira: Wir mussten die Trauung sogar verschieben, weil Enis nicht bedacht hatte, dass er schon am Freitag gegen Paderborn spielt, und dann haben wir alles von Donnerstag auf Dienstag vorverlegt. Ich bin jetzt gerade auf der Suche nach einem Datum für unsere große Hochzeitsparty diesen Sommer.
Enis: Ihre Terminlage ist problematischer!

War es eigentlich gleich klar, dass Ihr Nachname Bajramaj mit der Hochzeit durch Alushi ersetzt wird? Denn dieser Name stand ja durchaus als Marke auch sehr gut da.
Lira: Ich habe wirklich lange darüber nachgedacht, aber mir war irgendwann klar, wenn wir heiraten und eine Familie gründen, möchte ich, dass alle denselben Namen haben.
Ich bringe den Namen Alushi jetzt wenigstens in die Champions League, Nationalmannschaft und zur Weltmeisterschaft…

Sprechen Sie zuhause Kosovarisch oder Deutsch?
Enis: Wir beherrschen beide Sprachen und wechseln häufiger. Wenn jemand etwas nicht verstehen soll, haben wir immer eine Alternative. Zuhause bei den Familien sprechen wir Albanisch.

Ist Ihre Beziehung vielleicht stärker, weil Sie eine ziemlich ähnliche Vita haben? Reden Sie miteinander noch oft über die Zeit im Kosovo?
Enis: Wir haben eine komplett ähnliche Geschichte. Wir haben beide als Kriegsflüchtlinge die Heimat unserer Eltern verlassen, sind einen ähnlichen Weg gegangen und haben fast dasselbe erlebt.
Lira: Aber haben wir zuletzt darüber gesprochen? Das ist irgendwie kein aktuelles Thema mehr bei uns.

Dann passierte in Ihrer Beziehung das Missgeschick, dass Sie sich im Jahr 2012 fast zeitgleich das Kreuzband gerissen habt. Wie haben Sie das erlebt?
Lira: Ich muss vorausschicken, dass unsere Hochzeit schon vorher feststand. Den Heiratsantrag hatte mir Enis schon 2012 im Urlaub in Mexiko gemacht.
Enis: Ja, drei, vier Monate vor der Verletzung.
Lira: Dann mussten wir natürlich die Hochzeit verschieben. Ich wollte ja auf High Heels heiraten und nicht auf Krücken.
Enis: Die Zeit in der Reha war für uns insofern auch eine neue Erfahrung, weil wir da jeden Tag zusammen waren, über Monate. Wir sind morgens zusammen aufgestanden, sind gemeinsam in die Reha und dann wieder zusammen nach Hause gefahren. Jeden Tag über Monate derselbe Ablauf – das hat uns auf jeden Fall enger zusammengeschweißt.

Welches Knie hatte das bessere Heilfleisch?
Enis: Definitiv ihres. Denn meines musste ein zweites Mal operiert werden, da musste noch mal Narbengewebe rausgeschnitten werden.

Der Profifußball ist ein sehr schnelllebiges Geschäft. Wie weit sind bei Ihnen die Zukunftsplanungen gediehen?
Enis: Mein Traum ist es, noch einmal in der ersten Liga zu spielen – deshalb bin ich zum FCK gewechselt. Und natürlich kann ich mir auch vorstellen, dort zu bleiben, weil ich mich dort wohlfühle.
Lira: Da ich verheiratet bin, möchte ich nicht weit weg von Enis sein. Ich fühle mich auch wohl in Frankfurt – wir müssen nur abwarten, was die Verhandlungen meines Managers Dietmar Ness bringen.

Gibt es ganz bestimmte Sehnsüchte oder Träume?
Enis: Bei mir wäre es England. Ich finde die Premier League einfach klasse. Wenn sich diese Möglichkeit ergäbe…
Lira: …dann würde ich mich opfern und mitgehen. In London gibt es auch Frauenfußball-Vereine. Aber das sind nur mal Gedankenspiele.

Und wenn Sie in die weiter entfernte Zukunft denken: Was kommt nach der Fußball-Karriere?
Lira: Ich möchte gesund bleiben, die Frauen-WM 2015 in Kanada spielen und dann kann ich mir einen Break vorstellen.

Wegen Kindern?
Lira: Ja, genau. Dann bin ich mit 27 Jahren in bestem Alter. Das ist mein kleiner Plan, und dafür würde ich mir auf jeden Fall eine längere Pause nehmen. Vielleicht fange ich dann auch gar nicht mehr an. Es gibt im Ausland ja einige Beispiele für Mütter, die auch danach noch prima mithalten, nur aus der Frauen-Bundesliga kenne ich keine. Ich möchte dann für meine Kinder auch da sein und nicht sagen: ‚Mama muss jetzt zum Fußball!‘

Wenn es ein Junge wäre, sollte der als Fußballer am besten Ihre Eigenschaften zusammenbringen?
Enis: Eine Kombination von uns beiden wäre perfekt.

Und ein Mädchen würde auch zum Fußball geschickt?
Lira: Ich würde sie bei jeder Sportart unterstützen.
Enis: Wenn es ein Mädchen würde und sie wollte Fußball spielen, müssten wir nochmal reden (lacht).

Interview: Frank Hellmann

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen