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EM-Qualifikation Der Piefke

Martin Harnik, Sohn eines österreichischen Vaters und einer deutschen Mutter, stapelt vor dem EM-Qualifikationsspiel Österreich gegen Deutschland in Wien tief. Vorlaute Töne verbieten sich für den österreichischen Nationalspieler.

01.06.2011 14:54
Der österreichische Nationalspieler Martin Harnik trägt beim VfB Stuttgart mit neun Toren zum Klassenerhalt bei. Foto: dpa

Martin Harnik, Sohn eines österreichischen Vaters und einer deutschen Mutter, stapelt vor dem EM-Qualifikationsspiel Österreich gegen Deutschland in Wien tief. Vorlaute Töne verbieten sich für den österreichischen Nationalspieler.

Kaum etwas hat in der Familie Harnik den deutsch-österreichischen Zusammenhalt so gefördert wie die gemeinsamen Urlaube in der Steiermark. Oberhaupt Erich hatte neben Frau Susann ja auch die Söhne Jan, Heiko und Martin stets dabei, um ihnen die Schönheiten der Grazer Umgebung näher zu bringen. Er kennt sich hier bestens aus, er stammt aus Allerheiligen im Mürztal, doch als er sich in seine heutige Gattin verliebte, eine bodenständige Hamburgerin, stand der Ortswechsel an.

Die Familienhistorie erklärt, warum einer in der Zwickmühle steckt, weil er ganz wie der Vater zwischen den Welten lebt: Martin Harnik, Fußballprofi, bald 24, zwar aufgewachsen in Deutschland, aber aufgestiegen zum Nationalspieler in Österreich.

Am Freitag, beim EM-Qualifikationsspiel, wird er sein 21. Länderspiel für Österreich bestreiten, und zuvor wird er „Land der Berge, Land am Strome“ singen – die Hymne auf seine Heimat. Seine Heimat? Harnik: „Ich fühle mich als Österreicher, auch wenn ich mich im Privatleben als Deutscher sehe. Doch ich kann mir vorstellen, später in der österreichischen Bundesliga zu spielen, mir irgendwo ein Haus zu bauen.“

Aber ist er nicht trotzdem ein „Piefke“? Die bedingt schmeichelhafte Bezeichnung für den gemeinen Deutschen hat er noch selbst auf seine Trinkflasche gekritzelt, als er vor vier Jahren für die österreichische U 20-Auswahl kickte. „Ich war leicht erkältet und wollte nicht, dass die anderen daraus trinken“, rechtfertigt er sich rückblickend. Mittlerweile ist er kein Fremdkörper mehr, sondern einer, der sogar die eigentümliche österreichische Fußball-Dialektik versteht; er weiß, was Ferscherl, Gurkerl und Bummerl sind. Und: „Ich kann fehlerfrei zuhören.“

Grenzgänger Harnik, der das gegelte Haar nach hinten kämmt und den Kinnbart wachsen lässt, war im ersten Profijahr beim SV Werder Bremen ein ungezähmter Jungspund, dessen nassforsches Auftreten einst die Trainer-Institution Thomas Schaaf mit Argwohn beobachtete. Irgendwann kam der Angreifer Harnik nur noch als Verteidiger zum Einsatz – wenn überhaupt.

Klassenerhalt in Stuttgart

Ein Umweg über den Zweitligisten Fortuna Düsseldorf verhalf ihm zum wirklichen Durchbruch in der Bundesliga, seine neun Tore und neun Torvorlagen trugen letztlich entscheidend dazu bei, dass der VfB Stuttgart die Klasse hielt. Und letztlich lehrte die turbulente Saison auch dem frechen Offensivmann ein bisschen Demut. Sein Spruch von den Deutschen, „die sich vor Österreich in die Hosen scheißen“, brachte es bei der EM 2008 zur Schlagzeile. „Damals war ich jung und unerfahren“, sagt er und lacht.

Heute klingt er fast brav, wenn Harnik behauptet: „Schwächen bei den Deutschen sind schwer auszumachen. Wir haben uns nicht so schnell entwickelt wie die, denn vor der WM 2010 ist von der deutschen Mannschaft auch nicht so viel erwartet worden.“ Genau wie Andreas Ivanschitz, Ümit Korkmaz oder Martin Stranzl, teils gestandene Bundesligaspieler, die indes unter Teamchef Dietmar Constantini längst keine Rolle mehr spielen, stand Harnik am 16. Juni 2008 selbst auf dem Platz, als der spätere Vizeeuropameister dank eines Traumtores von Michael Ballack im Prater mit 1:0 siegte und den Gastgeber eliminierte. „Ein verdienter Sieg“, befindet Harnik, „wir waren über weite Strecken chancenlos.“

Ihm imponiert die breite Brust, mit der schwarz-rot-goldene Auswahlkicker den Rasen betreten, „und dann gewinnen die 90 Prozent ihrer Spiele.“ So richtig kann sich der junge Mann mit dem norddeutschen Idiom nicht ausmalen, was bei einer Sensation passieren würde. Er überlegt lange: „Ich glaube, eine Niederlage wäre für Deutschland schlimmer als für Österreich die Blamage gegen Färöer.“ Der Showdown elektrisiert; das Ernst-Happel-Stadion ist seit Wochen ausverkauft.

Harniks Eltern werden vor Ort sein, „so ein Spiel“, sagt ihr jüngster Sproß, „können die sich nicht entgehen lassen.“ Und im Übrigen halte sogar die Mutter zu Österreich. „Da ist sie ganz loyal und auf ihren Sohn fixiert.“ Schließlich hat der auf sein Schulterblatt tätowiert: „In honour of my family“. Übersetzt: „Meiner Familie zu Ehren.“ Ein Zeichen für Zusammenhalt. Deutsch-österreichischen.

Voraussichtliche Aufstellung

Österreich: Gratzei (SK Sturm Graz/29 Jahre/5 Länderspiele) - Klein (FK Austria Wien/24/6), Scharner (West Bromwich Albion/31/34), Pogatetz (Hannover 96/28/42), Fuchs (FSV Mainz 05/25/39) - Dag (Besiktas JK/30/5), Januzovic (FK Austria Wien/23/11), Baumgartlinger (FK Austria Wien/23/11), Alaba (TSG 1899 Hoffenheim/18/8) - Harnik (VfB Stuttgart/23/22), Janko (FC Twente Enschede/27/19)

Deutschland: Neuer (FC Schalke 04/25/18) - Lahm (Bayern München/27/78), Friedrich (VfL Wolfsburg/32/81), Badstuber (Bayern München/22/11), Aogo (Hamburger SV/24/5) - Khedira (Real Madrid/24/19), Kroos (Bayern München/21/16) - Müller (Bayern München/21/16), Özil (Real Madrid/22/24), Podolski (1. FC Köln/25/87) - Gomez (Bayern München/25/44)

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