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Pokal-Vorbereitung Stochern im Nebel

Die Eintracht bereitet sich akribisch auf den Pokal vor, sie weiß aber nicht, wo sie steht. In Sachen Lukas Hradecky gibt es eine Überraschung.

Eintracht Frankfurt Training
Angespannt im Regen. Trainer Niko Kovac. Foto: Jan Hübner

Bei Eintracht Frankfurt läuft alles zielgerichtet dem Samstag entgegen, die Vorbereitung ist generalstabsmäßig durchgeplant und durchgezogen worden – nun rückt der erste Ernstfall im Pokal vor dem richtigen Ernstfall in der Liga immer näher. Sechs Wochen Plackerei auf dem Trockendock liegen hinter dem Team, ein strapaziöser USA-Trip, eine intensive Woche in Südtirol, acht Freundschaftskicks mit 28 Toren, drei Siegen, drei Unentschieden, zwei Niederlagen. „Wir sind froh, dass es losgeht“, sagt Stürmer Branimir Hrgota. 

Trainer Niko Kovac hat seine Mannschaft auf die Partie in Siegen gegen den Regionalliga-Aufsteiger TuS Erndtebrück wie auf ein entscheidendes Bundesligamatch vorbereitet. Seit Mittwoch hat der Fußballlehrer die Schotten dichtgemacht und Geheimtraining angesetzt. Pressevertreter durften mal kurz reinschauen, die ersten 15 Minuten des (Aufwärm-)Trainings waren offen, beim Stretchen und Dehnen hat sich offenbar keiner verletzt, was ja schon mal eine gute Nachricht ist. Zudem gehörte der zuletzt leicht lädierte Jonathan de Guzman zu den 22 Feldspielern, die sich im strömenden Regen vor der Wintersporthalle aufwärmten. Die Spieler sind verbal und visuell detailgenau auf den Gegner eingestellt worden, man kann fast den Eindruck gewinnen, das Pokalfinale findet bereits Mitte August statt. 

Ein klares Leitsystem gibt es nicht

Amtssprache in der Kabine bleibt Deutsch, auch wenn manche Spieler nichts oder nicht viel verstehen. Man weiß sich zu helfen: Für den Mexikaner Carlos Salcedo springt Dolmetscher Stephane Gödde in die Bresche, für den japanischen Neuzugang Daichi Kamada übersetzt sein Landsmann Makoto Hasebe, dem Serben Luka Jovic kann der Kroate Niko Kovac den Weg weisen. „Aber es versteht sowieso jeder, um was es dem Trainer geht“, sagt Branimir Hrgota. 

Für den Angreifer ist die Pokalbegegnung in Siegen (15.30 Uhr) eine wichtige, zum einen, weil die Mannschaft in der zurückliegenden Saison ja Blut geleckt und die fast einjährige Reise Richtung Berlin mit dem großen Festspiel im Olympiastadion abgeschlossen hat. So ein Glanzlicht will man als Fußballer natürlich öfter erleben. 

Und zum anderen, findet Branimir Hrgota, sei diese erste Pokalpartie auch ein Fingerzeig für die Bundesliga. „Wer am Samstag in der ersten Elf steht, der will seinen Platz nicht mehr hergeben“, betont der Schwede, dem beim großen Finale in Berlin nur die Zuschauerrolle blieb. Das hat ihm nicht geschmeckt. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte nicht gerne gespielt.“ Ist ja auch klar. Und bei Hrgota spürt man deutlich, dass er sich noch immer über diese desolate Rückrunde der Eintracht ärgert. „Die Hinrunde war überragend, dann haben wir alles verspielt“, sagt er. „Dabei hatten wir die Chance, Europa zu bekommen.“ Aus und vorbei. Die Mannschaft wolle es besser machen, man habe aus der schlimmen Rückserie lernen können. 

Aber wie will Trainer Kovac die neue Spielzeit angehen? Mit welcher Marschroute schickt er sein Team ins Rennen? Ballbesitzfußball? Pressing? Konter? Eher defensiv oder doch angriffslustig? Da tappen selbst die Spieler so ein bisschen im Dunkeln. Ein klares Leitsystem, eine übergeordnete Herangehensweise gibt es eher nicht, im Gegenteil: Flexibilität und Variabilität heißen die Schlagworte. „Wir haben viele Formationen gespielt“, sagt Mittelfeldmann Mijat Gacinovic. „Wir haben alles probiert.“

Das gilt sowohl für die Spielsysteme als auch für die Taktik. In manchen Testpartien habe sich die Mannschaft darauf beschränken sollen, kompakt und massiert zu stehen, um dann über ein schnelles Umschaltspiel nach vorne zu kommen. In anderen Spielen, etwa gegen Betis Sevilla (3:0) am zurückliegenden Wochenende, sei man eher vorne draufgegangen, um den Gegner durch aggressives Pressing zu Fehlern zu zwingen. „So haben wir das auch gegen Bayern gemacht“, erzählt Hrgota. Gegen spielstarke Mannschaften, die lange Bälle als Verrat am Fußball empfinden und jede Situation fußballerisch lösen wollen, sei frühes Attackieren ein ganz probates Mittel, findet der Angreifer. 

Taktisch wird Kovac also Vielseitigkeit verlangen, seine Ausrichtung ganz sicher von den Besonderheiten des jeweiligen Gegners abhängig machen. Der Trainer ist bekannt dafür, während der Spiele öfter mal die Taktik zu wechseln. Das wissen seine Profis längst. 

Zurzeit scheint er sich vorne auf zwei Stürmer festgelegt zu haben, Hrgota oder Luka Jovic und Sebastien Haller. Hrgota etwa findet das ganz angenehm. „Es ist einfacher, wenn du da vorne nicht alleine bist.“ Die Doppelspitze kommt aber sicherlich auch deshalb zum Tragen, weil der Coach quasi gar keine offensiven Flügelspieler mehr zur Verfügung hat. Ante Rebic hat Kovac weggeschickt, Mijat Gacinovic ein Stück weiter ins Zentrum geschoben, Danny Blum ist nach einer Mandeloperation auf Eis gelegt. 

Über die Außen wird die Eintracht daher eher mit ihren Verteidigern kommen. Gerade, wenn Kovac eine Dreierkette mit Makoto Hasebe aufbietet (was er wohl nicht im Pokal, aber sicher in der Bundesliga favorisieren wird), stehen die beiden Außenverteidiger sehr hoch, sollen stets nach vorne marschieren und Druck machen. Jetro Willems (und auch Taleb Tawatha) auf links sowie Timothy Chandler auf der anderen Seite haben ihre Stärken klar in der Offensive. „Das haben wir auch letzte Saison mit Basti und Timmy schon so gemacht“, erzählt Hrgota. Bastian Oczipka hat sich aber Schalke 04 angeschlossen. 

Im Mittelfeld wird die Eintracht versuchen müssen, mehr Linie ins Spiel zu bekommen. Neuzugang Gelson Fernandes kommt da ausschließlich die Rolle des Abräumers und Bälleklauers zu, er wird kaum in der Lage sein, ein Spiel zu diktieren und zu dirigieren. Vieles wird auf schmächtigen Schultern lasten, ganz sicher auf denen von Mijat Gacinovic – und vielleicht sogar auf jenen des dürren Japaners Daichi Kamada. 

Und vieles ist derzeit noch Kaffeesatzleserei. Richtig los geht es erst am ersten Bundesligaspieltag. Da wird sich zeigen, ob zusammenpasst, was aus aller Herren Länder zusammengeholt wurde. Man darf gespannt sein. Und ein wenig skeptisch. 

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