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Niko Kovac Perfektionist mit Feuer

Wie der neue Eintracht-Coach Niko Kovac wirklich tickt und wie er es aus Berlin-Wedding in die Bundesliga schaffte. Ein Portrait.

Niko Kovac. Foto: Hübner

Die Welt ist ein kleines Nest, ein Dorf, doch manchmal weit verästelt. Niko Kovac, der neue Hoffnungsträger der abgestürzten Frankfurter Eintracht, spricht oft von seinem Dorf in der kroatischen Heimat. In Frankfurt habe er in der kurzen Zeit schon allerlei Menschen getroffen, die aus seinem Ort oder der Nähe stammen, im Hotel, auf der Straße, wahrscheinlich auch, „wenn ich sonntags in die Kirche gehe“. Die Welt, sagt er lachend, sei halt klein. „Und hier in Frankfurt gibt es Kroaten wie Sand am Meer.“

Das gefällt dem 44-Jährigen, es gibt ihm ein gutes Gefühl, vermittelt ihm ein Stück Heimat fernab der Heimat. Das kann man zumindest oberflächlich betrachtet so sehen, doch es stimmt nicht ganz. Es ist nicht so, dass er ein Fremder in einer anderen Welt ist, ganz im Gegenteil. Denn für Niko Kovac ist Deutschland genauso Heimat wie Kroatien, was nicht verwundert, weil er in Berlin geboren und aufgewachsen ist. Er hat fast sein ganzes Leben hier verbracht, rund 35 Jahre, die letzten zehn im österreichischen Salzburg. Nach Kroatien fuhr er nur in den Urlaub.

Eine große Aufgabe

Und doch hat Niko Kovac eine besondere Bindung zum Heimatland seiner Eltern, nicht nur, aber auch, weil er zwei Jahre als Trainer der kroatischen Nationalmannschaft arbeitete und sie zur WM nach Brasilien führte. In Frankfurt pilgerten sodann viele Landsleute zum ersten richtigen Training des neuen Eintracht-Coaches. In der Vereinsgaststätte am Riederwald ploppten gleich die Sektkorken, die Betreiber der Wirtschaft „Diva“ stammen ebenfalls aus Kroatien. „Ich werde mal vorbeigehen, wenn ich es schaffe“, sagt Niko Kovac und fügt schmunzelnd an: „Ich hoffe, ich bekomme nicht die Rechnung.“

Niko Kovac freuen solch kleine Geschichten, Momente der Zuneigung, doch er hat kaum Zeit, sich näher damit zu befassen. Er hat eine große Aufgabe zu bewältigen, eine Aufgabe, die man fürwahr als Mission bezeichnen kann, als Rettungsmission. Er weiß um die Schwere des Projekts, doch es schreckt ihn nicht. „Was ist schon leicht im Leben?“, lautete einer der ersten Sätze bei seiner Vorstellung am Dienstag.

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Er baut auch auf die Kraft der zwei Herzen, das heißblütige kroatische, das ordnungsliebende deutsche. „Jeder weiß, welchen Charakter ich habe. Ich bin ziemlich impulsiv, das will ich auf die Mannschaft übertragen“, sagt der feurige Kroate. Und dann kommt der Deutsche in ihm durch, dann spricht er gerne von Disziplin, „ohne die Chaos entsteht“.

Kovac ist nicht bekannt dafür, Kompromisse zu machen, weder früher auf dem Feld, noch abseits des Platzes. Er erwartet Professionalität, Hingabe, Unterordnung der persönlichen Interessen. „Eine gesunde Arbeitseinstellung.“ Er kann durchgreifen, knallhart, durchgehen lässt er nichts, die Leine hält er eher kurz. So ist er gestrickt. Für ihn ist das nichts Besonderes, er kennt es nicht anders, nach dieser Maxime hat er sein ganzes Leben gestaltet, sein Fußballerleben sowieso. Er hat alles dem Erfolg untergeordnet, immer höchst professionell gelebt, stets das Optimale ausgeschöpft. Dazu braucht man eisernen Willen und Selbstbeherrschung. Und Ehrgeiz, extremen Ehrgeiz. „Ich konnte nicht mal ein Trainingsspiel verlieren“, sagt Niko Kovac.

Die Balance muss stimmen

So war er als Spieler: hart, anführend, kompromisslos. „Wir müssen auch mal Drecksäue sein“, befand er einmal. Er galt sehr wohl als einer, der Zeichen und eine Blutgrätsche setzen konnte, wenn er es für nötig erachtete. Er war so etwas wie der Ordnungshüter im Mittelfeld. Der „Kicker“ beschrieb ihn, um die Jahrtausendwende, als „Paul Breitner des HSV“, für Günter Netzer war er „der am meisten unterschätzte Spieler der Bundesliga“.

Seine Einstellung und Arbeitsauffassung hat sich der Familienvater bewahrt, „ich bin als Trainer, wie ich als Spieler war“. Doch es ist nicht so, dass er vor lauter Ordnungsliebe und Disziplinfanatik die Basis des Spiels vergisst. „Man muss auch Spaß haben“, die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und einer gewissen Lockerheit, die auch Kreativität freisetzt, müsse stimmen. Für ihn ist der Gemeinschaftsgedanke elementar. Da will er jetzt in Frankfurt ansetzen. „Ich glaube schon, dass jeder Spieler alles gegeben hat. Aber vielleicht nicht als Team.“

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Niko Kovac ist ein geradliniger Typ, der seinem Gegenüber während des Gesprächs in die Augen schaut. Die, die ihn besser kennen, beschreiben ihn als ehrlich und authentisch, er sei kein Linkmichel und nicht hintenrum. Er zeigt klare Kante. Er ist bei aller Zucht und Ordnung „kein autoritärer Trainer“, sondern einer, der auch eine „zwischenmenschliche Beziehung“ zu den Spielern aufbauen will. Er sieht darin kein Problem, weil er noch relativ jung und nicht so lange aus dem aktiven Fußball raus sei. „Wir sprechen die Fußballersprache.“
Kovac ist eher das, was man einen Perfektionisten nennen könnte, die Vokabel akribisch fällt auffällig oft, wenn er über Trainingsarbeit und Spielvorbereitung spricht. Er ist penibel, selbst die Sprintübungen beobachtet er mit Argusaugen, achtet auch darauf, dass die Erholungspausen auf die Sekunde eingehalten werden. Wahrscheinlich schätzt er deshalb Pep Guardiola über die Maßen. „Er geht bis ins Atom hinein. Es gibt bei ihm keine Zufälle. Und der Erfolg gibt ihm Recht. So versuchen wir auch zu arbeiten.“

Geboren im Wedding

Niko Kovac hat als Spieler schon wie ein Trainer gedacht. „Er war schon immer prädestiniert dazu, Trainer zu werden“, sagte etwa sein früherer Mitspieler Ivica Olic. „Er kommt von der Deutschen Schule. Ich bin mir sicher, dass ihm eine große Karriere als Trainer bevorsteht.“ Ähnlich sieht es Trainerlegende Ottmar Hitzfeld: „Niko hat eine starke Winner-Mentalität. Er hat einen super Charakter und eine top Einstellung, und so wird er auch als Trainer sein.“

Niko Kovac (der auf das „k“ in seinem Vornamen Wert legt, weil er sonst „Nitso“ gesprochen würde) hat sich alles erarbeiten müssen. Er wuchs im Berliner Arbeiterviertel Wedding auf, ein Jahr vor seiner Geburt kamen seine Eltern nach Deutschland, Vater Mato arbeitete als Zimmermann, seine Mutter Ivka verdiente Geld als Putzkraft hinzu. Niko vertrieb sich die Zeit mit Fußball, auf harten Asphaltplätzen trainierte und spielte er mit seinem zweieinhalb Jahre jüngeren Bruder Robert – aber nie gegen ihn. „Wir mussten einfach nur über den Zaun klettern, und schon waren wir auf dem Bolzplatz.“ Es war eine unbeschwerte Zeit, die der Familienmensch nicht missen möchte.

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Kovac, der sein Abitur mit einem Schnitt von 2,9 ablegte und acht Semester BWL studierte, hat es mit viel Fleiß nach ganz oben geschafft, 15 Jahre Bundesliga sprechen für sich; er spielte gar zwei Jahre für die Bayern, seinem Lieblingsverein, schon als Kind trug er das Trikot mit der Nummer elf, das gehörte Kalle Rummenigge. Zu seinem Bruder Robert, seinem Assistenten bei der Eintracht, hat er ein inniges Verhältnis, der Innenverteidiger spielte fast ebenso lange in der Bundesliga, sogar noch zwei Jahre länger für die Bayern. Beide sind so gut wie unzertrennlich.

Das Brüderpaar war auch für die kroatische Nationalmannschaft verantwortlich, ehe es nach einer anfangs unbefriedigenden EM-Qualifikation im September 2015 gehen musste. Auch, weil Niko Kovac nicht vor dem mächtigen und dubiosen Funktionär Zdravko Mamic kuschte und seinen Weg unbeirrt weiterging. Als Mamic den Daumen senkte, war er seinen Job los.

"Man kann immer etwas lernen"

Die Zeit in der Nationalelf war für den gläubigen Katholiken lehrreich, und sie war nicht frei von Fehltritten. Als etwa Nationalspieler Josip Simunic für einen Skandal sorgte, weil er nach einem historischen Gruß der Ustascha, einer NS-inspirierten Bewegung der 30er-Jahre, für zehn Spiele gesperrt wurde, distanzierte sich Kovac nicht eindeutig, sprach davon, „enttäuscht und schockiert“ zu sein – über die Sperre, nicht über das Verhalten des Spielers, mit dem er allerdings auch befreundet ist. Das brachte ihm viel Kritik ein.

Auch ein Videospot für die national-konservative Partei HDZ kam nicht überall gut an. Er hatte sich damals, vor fast zehn Jahren, dafür eingesetzt, dass Auslandskroaten wie er das Stimmrecht behalten dürfen. Niko Kovac hat sicherlich daraus seine Lehren gezogen. „Ich bin keiner, der behauptet, alles zu wissen“, sagt er. „Man kann immer etwas lernen – bis zum letzten Atemzug.“

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