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Mitgliederversammlung Eintracht Frankfurt „Es hat einige Fehler gegeben“

Ex-Sportdezernentin Sylvia Schenk fordert, dass das Eintracht-Präsidium seine Vergütung offenlegt, und erwartet bei der Mitgliederversammlung umfassende Antworten.

22.01.2015 07:23
Jan Christian Müller
Will von Präsident Peter Fischer gehört werden: Eintracht-Mitglied Sylvia Schenk. Foto: imago

Sylvia Schenk ist eine streitbare Frau. Die 61-Jährige ehemalige Frankfurter Sportdezernentin und Olympiateilnehmerin im 800-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen 1972 in München wird bei der am Sonntag stattfindenden Mitgliederversammlung von Eintracht Frankfurt für Diskussionsstoff sorgen. Schenk, im Vorstand von Transparency International Deutschland für den Sport zuständig, hat viele kritische Fragen an das Präsidium um Peter Fischer, der am Sonntag als klarer Favorit zur Wiederwahl als Boss des e.V. gegen Herausforderer Reiner Schäfer gilt.

Frau Schenk, Sie haben als langjähriges Mitglied für die mit Hochspannung erwartete Mitgliederversammlung Anträge gestellt. Vor allem wollen Sie, dass künftig alle Mitglieder des Präsidiums detailliert offen legen, ob und welcher Höhe sie vergütet werden. Ist so viel persönlicher Einblick nicht zu weit gegriffen?
Es handelt sich nicht um Arbeitsverhältnisse, sondern um gewählte oder ernannte Präsidiumsmitglieder in einem gemeinnützigen Verein, die normalerweise überhaupt nicht bezahlt werden.

Bei der Versammlung im vergangenen Jahr haben die seinerzeit anwesenden Vereinsmitglieder aber fast einstimmig zugestimmt, dass Präsidiumsmitglieder von Eintracht Frankfurt für deren Arbeit entlohnt werden dürfen.
Das stimmt. Nur ist laut aktueller Satzung völlig unklar, wer eigentlich darüber entscheidet, in welcher Höhe ein Präsidiumsmitglied bezahlt wird. Ich finde, die Vereinsmitglieder haben einen Anspruch darauf zu wissen: Wie viel ist uns eigentlich welches Präsidiumsmitglied wert?

Wie sind Sie vorgegangen? Haben Sie das Präsidium frühzeitig über Ihr Ansinnen informiert? Gab es von Ihnen gar ein Angebot, dass Sie bei entsprechender Information auf die Anträge verzichten könnten?
Michael Gabriel (Eintracht-Mitglied und Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, die Red.) und ich haben das Präsidium und den Verwaltungsrat bereits im vergangenen September angeschrieben und auch Fragen zur finanziellen Situation des Vereins gestellt, die uns besorgt. Uns wurde erläutert, dass einzelne Mitglieder hierüber keine Auskunft erhalten, sondern dies in der Mitgliederversammlung geschieht. Was die Bezahlung angeht, haben wir Antworten erhalten, die uns nicht befriedigt haben. Dass die Bezahlung, wie uns gesagt wurde, vertraulich bleiben soll, reicht uns nicht als Antwort.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Wir haben unsere Anträge schriftlich vorformuliert und dem Präsidium zugesandt. Es gab dann am 17. Dezember ein Gespräch, bei dem Präsident Peter Fischer persönlich nicht anwesend war. Danach war für uns klar, dass wir die Anträge bei der Mitgliederversammlung auf den Tisch legen.

Sie waren im Januar 2013 bei der Mitgliederversammlung vor Ort und haben sich nicht gemeldet, als entschieden wurde, dass Präsidiumsmitglieder bezahlt werden dürfen. Warum nicht?
Seinerzeit hat mich am meisten aufgeregt, dass dem verstorbenen Schatzmeister Fred Moske die Entlastung verweigert wurde, während alle anderen verantwortlichen Präsidiumsmitglieder entlastet wurden. Da habe ich mich überrollen lassen und mich hinterher auch über mich selbst geärgert. Außerdem habe ich ja nichts gegen eine Bezahlung, es muss nur transparent und verhältnismäßig sein.

Moske sind Unregelmäßigkeiten bis hin zur Veruntreuung von Geldern vorgeworfen worden. Es gab zudem im März 2013 ein Finanzloch von immerhin sechs Millionen Euro, das eilig gestopft werden musste.
Ja, und ob das alleine der Schatzmeister zu verantworten hat, muss erst umfassend geprüft werden. Insoweit habe ich nicht verstanden, dass allen anderen im Präsidium von den Mitgliedern quasi ein Persilschein ausgestellt wurde. Zumal die Eintracht in der Not ja sogar Aktien an die BHF-Bank verkaufen musste, um sich finanziell zu konsolidieren.

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Was wäre denn eine akzeptable Entlohnung für Verantwortliche eines Vereins mit fast 30 000 Mitgliedern, der im Jahr mehr als zehn Millionen Euro bewegt?
Es gibt vergleichbare Vereine ohne Bezahlung. Man kann nicht aus dem hohlen Bauch sagen, dieses Präsidiumsmitglied bekommt die Summe x und jenes gar nichts. Dafür muss es transparente Kriterien geben, z.B. die finanzielle Situation des Vereins, Aufgabenumfang und –Inhalt.

Ist Ihr Vertrauen in die handelnden Personen auch deshalb so gering, weil die finanzielle Situation im eingetragenen Verein so angespannt ist?
Ja. Denn es hat, gerade mit Blick auf die Finanzbehörden, einige Fehler gegeben…

… die Eintracht hat inzwischen fast drei Millionen Euro Rückstellungen für mögliche Steuernachzahlungen in die Bilanz einstellen müssen…
… wobei ich nicht den Eindruck habe, dass man dabei rechtzeitig Konsequenzen aus den sich anbahnenden Problemen gezogen hat. Und auch die Finanzierung des neuen Zentrums am Riederwald ist offenbar nicht ganz so gelaufen, wie man sich das vorgestellt hatte. Ich bezweifle, dass in diesen Fragen hochprofessionell gearbeitet wurde. Das aktuelle Präsidium hat diese Probleme mit herbeigeführt.

Der neue Schatzmeister Thomas Förster kam erst später hinzu. Nur aufgrund des von Ihnen erwähnten Verkaufs der Aktien für mehr als eine Million Euro weist die Eintracht im vergangenen Geschäftsjahr einen Gewinn des e.V. von rund 350 000 Euro aus. Haben Sie den Eindruck, dass durch Förster mehr Ordnung in die Finanzen gekommen ist?
In dem Gespräch mit uns ist Förster ganz vernünftig rübergekommen, jetzt geht es aber darum: Wird am Sonntag ausreichend und umfassend informiert oder bleiben Zweifel?

Halten Sie Peter Fischer, der seit dem Jahr 2000 der Eintracht vorsteht, für den richtigen Präsidenten?
Ich habe immer dann ein Problem, wenn jemand sehr lange in einer Position bleibt. Dann verfestigen sich automatisch Strukturen, es entstehen vielfältige Abhängigkeiten. Das ist nie gut. Ich möchte vor allem wissen, wie sich die Situation unter der Führung von Peter Fischer tatsächlich darstellt.

Wie beurteilen Sie den 70 Jahre alten Gegenkandidaten Reiner Schäfer?
Ich kenne ihn von Anfang der 90er Jahre, als ich Sportdezernentin in Frankfurt war und er Geschäftsführer der Eintracht. Da hat er ordentliche Arbeit geleistet. Jetzt habe ich mich aus den Personalien herausgehalten, ich möchte mich noch nicht zwischen zwei Kandidaten entscheiden, sondern erst einmal wissen, wie es dem Verein überhaupt geht. Wenn die Fakten auf dem Tisch liegen, stellen sich möglicherweise auch Personalfragen.

Sehen Sie sich als Einzelkämpferin an der Seite von Michael Gabriel?
Ich höre hier und dort, dass Leute sich nicht trauen, aufzustehen und etwas zu sagen, obwohl sie nicht zufrieden sind. Da bestehen Ängste, dass es dann der eigenen Abteilung schaden könnte. Das kenne ich aus anderen Vereinen und Verbänden auch, was nicht gerade für die demokratische Kultur spricht. Aber ich bin auch schon auf positive Resonanz gestoßen. Im Übrigen geht es gar nicht unbedingt darum, eine eigene Mehrheit zu bekommen, sondern auch darum, eine Diskussion anzustoßen, die eigene Verantwortung wahrzunehmen und Themen voranzubringen. Wenn alles immer nur aalglatt abläuft, kann ein Verein auch darunter leiden.

Der Verwaltungsratsvorsitzende Max Schumacher fordert in seinem Bericht mehr Möglichkeiten zur Überwachung des Präsidiums und auch mehr direkte Einflussmöglichkeiten auf Entscheidungen. Unterstützen Sie das?
Grundsätzlich ja. Ich habe mit Dr. Schumacher beim Neujahrsempfang der Stadt persönlich gesprochen und hatte den Eindruck, dass es im Verwaltungsrat ein erhebliches Unwohlsein, wenn nicht gar ein Misstrauen gegenüber dem Präsidium gibt.

Derzeit gibt es eine intensive Diskussion in der Eintracht-AG, Investoren für den Fußball zu begeistern und zu gewinnen. Wie stehen Sie dazu?
Ich finde, dass das, was im Moment aus dem Verein als Hauptgesellschafter der Fußball-AG herüberkommt, schwerlich als seriöse und solide Politik wahrgenommen werden kann. Gerade, wenn man Geldgeber von außen dazu holen will, muss man sich intern sehr solide, demokratisch und transparent aufstellen. Dafür will ich mich einsetzen. Es geht auch um die Zukunft der AG.

Interview: Jan Christian Müller

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