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Mijat Gacinovic „Der beste Moment meiner Karriere“

Eintracht-Profi Mijat Gacinovic über sein legendäres Tor von Berlin, den Triumphzug durch Frankfurt und seine bittere Ausbootung vor der WM .

Mijat Gacinovic im Pokalfinale
Ein Tor für die Ewigkeit: Mijat Gacinovic läuft dem Münchner Mats Hummels weg und schiebt zum 3:1 ein – der Pokalsieg. Foto: rtr

Herr Gacinovic, um mal gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Wie oft haben Sie sich diese geschichtsträchtige Szene, diesen Lauf ins Glück von Ihnen im DFB-Pokalfinale in der Zwischenzeit auf Video angeschaut?
Nicht so oft wie meine Familie und meine Freunde, aber doch sehr oft (lacht).

Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?
Wahnsinn. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Dieser Moment war und ist einfach unbeschreiblich. Erst sollte es Elfmeter für Bayern geben, dann nicht, dann kam der Ball zu mir – und ich laufe los ... Ich bin ja direkt auf unsere Fans zugesprintet, unsere Bank ist aufgesprungen, schon aufs Feld gerannt. Es war einfach perfekt. 

Denkt man da: Hoffentlich falle ich nicht hin, hoffentlich stolpere ich nicht?
Nein, nein. Ich dachte nur: Jetzt musst du schnell laufen. 

Sie sagten, Sie seien froh gewesen, dass Mats Hummels und nicht Niklas Süle hinter Ihnen her war, weil Süle deutlich schneller sei.
Ich habe das den Jungs in der Kabine erzählt, das stimmt. Mats Hummels ist für mich der vielleicht beste Innenverteidiger der Welt, ich mag die Art, wie er spielt. Aber er ist eben nicht so schnell. Und ich wusste, dass ich ein paar Meter Vorsprung habe und konnte mir den Ball dadurch weiter vorlegen. Ich wusste, dass ich gute Chancen habe. 

Haben Sie mal überlegt, schon kurz nach der Mittellinie auf das leere Tor zu schießen?
Nein, ich habe, wie gesagt, gewusst, dass ich fünf, vielleicht sogar zehn Meter Vorsprung vor Hummels habe, deshalb war mir das Risiko zu groß, von größerer Entfernung zu schießen – besser aus 16 Metern als von der Mittellinie (lacht). 

Und als der Ball dann drin war?
Ja, was soll ich sagen? Wahnsinn halt. Ich wusste, dass wir jetzt den Pokal haben, gegen die Bayern, das ist ja auch noch mal was Besonderes. Am nächsten Tag in Frankfurt, als wir den Fans ganz nahe waren, da habe ich wirklich realisiert, was dieser große Erfolg für den Verein und die Menschen bedeutet. Unglaublich viel. Das war definitiv der beste Moment meiner Karriere.

Und dann folgte, fast auf den Fuß, die große Enttäuschung, die Nichtberücksichtigung für die WM in Russland. 
Das hätte ich nicht erwartet. Jeder hat gedacht, dass ich dabei bin. Ich hatte oft gespielt in der Qualifikation, und auch gut gespielt. Ich denke, ich hätte es verdient gehabt, nach Russland zu fahren. Aber es ist so entschieden worden, was kann ich da machen?

Gab es eine Begründung?
Mit mir hat niemand gesprochen, drei Spieler waren betroffen. Wir haben nur die Info vom Teammanager bekommen, nicht vom Trainer (Mladen Krstajic; Anm. d. Red.). 
 
Haben Sie seitdem mit dem Coach gesprochen?
Nein, mit dem Trainer fand kein Gespräch statt. Ich war jetzt zwar eingeladen für die Länderspiele und war auch vor Ort, aber ich konnte wegen meiner Verletzung ja nicht spielen. Das hat der Verbandsarzt bestätigt, danach bin ich wieder zurück nach Frankfurt geflogen, weil wir hier gute Physios haben. 

Ist das nicht etwas merkwürdig, dass der Trainer nicht mal das Gespräch mit Ihnen gesucht hat?
Weiß ich nicht. Es war halt so. Dazu kann ich nichts sagen. 

Wir fanden es ja auch seltsam, dass Luka Jovic bei der WM nur eine Minute gespielt hat, ganz am Ende gegen Brasilien, als die Partie schon verloren war. 
Ein Spieler wie er, der so viel Qualität hat, müsste mehr spielen. Wenn es gut läuft, okay, dann kann er auch mal auf der Bank sein, aber wenn es nicht läuft, musst du einen wie ihn spielen lassen. Er hat so viel Qualität, und er kann, auch wenn das Spiel vielleicht in die falsche Richtung läuft, immer etwas bewirken, er ist so ein Spieler. Aber offenbar haben die Verantwortlichen anders gedacht. 

Wie sind Sie persönlich mit der Ausbootung umgegangen?
Ich habe erst einmal Urlaub gemacht. Ich hatte im Sommer noch nie so eine lange Pause, und ich muss sagen: Ich habe sie  gebraucht. Ich habe dann nach den Plänen von unseren Athletiktrainern trainiert. Als ich wieder nach Frankfurt kam, war ich fit. Das war für mich auch wichtig: neuer Trainer, neuer Staff um die Mannschaft herum – es war für mich schon sehr wichtig, dass ich von Anfang an dabei war. Früher bin ich immer erst etwas später zur Mannschaft gestoßen, konnte die Vorbereitung nie ganz mitmachen. Das war jetzt anders. Und es ist von enormer Bedeutung, die Vorbereitung komplett durchzuziehen. Das merkt man vielleicht nicht am Anfang einer Saison, aber im Laufe der Spielzeit. 

Bisher läuft es gut, Sie gehören zu den Spielern, die ihre Leistung bringen. 
Wie gesagt, ich wollte es nutzen, dass ich jetzt von Beginn an dabei war. Es ist auch von daher wichtig, dass man gleich versteht, was der neue Trainer will. 

Sie haben ja auch sehr offensiv artikuliert, dass Sie mehr Verantwortung übernehmen wollen.
Das ist so. Wir haben viele neue Spieler, und ich finde, dass die, die schon länger da sind, den neuen Jungs helfen sollten, damit sie wissen und verstehen, worauf es ankommt. 

Trainer Adi Hütter sagte kürzlich, Sie seien dafür genau der richtige Mann, weil Sie selbst wüssten, wie schwer es am Anfang für neue Spieler, gerade aus dem Ausland, sein kann. 
Klar. Als ich nach Frankfurt kam, war ich zuvor länger krank und habe die Vorbereitung fast komplett verpasst. Ich war nicht fit, habe einfach Zeit gebraucht. Man muss ja auch sehen: neuer Trainer, neue Liga, neues Land, neue Sprache. Am Anfang war es schwierig für mich. 

Sie haben in Mainz dann das erste Mal gespielt, das war Ende November 2015, da war die Vorrunde schon fast vorüber. Aber Sie haben das gar nicht schlecht gemacht damals.
Man muss auf seine Chance warten, und dann muss man sofort alles geben und zeigen, dass man in der Bundesliga mithalten kann. Denn manchmal ist es so, dass man keine zweite Chance erhält. 

Sie haben in der Zwischenzeit körperlich zugelegt.
Das ist sicher, sehr viel sogar (lacht).

Lässt sich das in Kilogramm an Muskelmasse beziffern?
Ich weiß es nicht genau, aber ganz sicher mehr als fünf Kilo. 

Spüren Sie das auf dem Feld?
Natürlich. Von Saison zu Saison wird es besser. Ich bin einfach stärker geworden. Ich kann das Tempo jetzt schon lange mitgehen und durchhalten, und ich bin auch im Zweikampf sehr viel robuster geworden. 

Sie beziehen nun auch verbal deutlicher Position. Nach dem Pokal-Aus in Ulm etwa mahnten Sie an, dass es so nicht weitergehen könne und die Mannschaft sich zusammensetzen müsse. 
Wir haben ehrlich miteinander gesprochen, haben klar angesprochen, was auf dem Platz stimmt und was eben nicht stimmt. Es war nicht alles schlecht, aber doch viele Sachen, die negativ waren. Wir haben das in den zwei Bundesligaspielen danach dann abgestellt, sind anders aufgetreten – wie eine Mannschaft eben. Wir haben gekämpft bis zum Schluss, und dann kommt der Erfolg von alleine, dann belohnt man sich selbst irgendwann. 

War das eine Aussprache ohne den Trainer?
Nein, er war dabei. Alle gemeinsam. 

Sie sind ein selbstkritischer, reflektierender Spieler, Sie sagten in der abgelaufenen Runde, dass Sie sich viele Gedanken machen. Das ist prinzipiell eine gute Eigenschaft, im Fußball aber manchmal hinderlich. Haben Sie die Grübelei abgestellt? 
Grundsätzlich ist es so, dass ich sehr viel von mir erwarte. Zurzeit mache ich mir aber nicht viele Gedanken, ich will einfach konstanter sein. Momentan bin ich ganz zufrieden, wie es bei mir persönlich läuft. 

Wie läuft das jetzt mit Kevin Trapp, ist er der erhoffte Führungsspieler?
Er war schon mal hier, kennt hier alles. Er ist ein großer Name, es ist gut für uns, dass er da ist. Er ist ganz klar ein Leader, und wir brauchen auch Spieler mit hoher Qualität. Er ist ein guter Mensch, ein super Typ. Ich hatte schon vorher nur Gutes über ihn gehört, habe ihn auch schon vor einiger Zeit kennengelernt, weil er oft bei unseren Spielen in Frankfurt war. Einen Typ wie ihn brauchen wir – sportlich und menschlich. 

Wie ist es ohne Niko Kovac, alles ein bisschen lockerer?
Ja, ein bisschen lockerer schon. Aber wir arbeiten auch mit Adi Hütter sehr hart. Das Training war unter Kovac länger, dafür ist es jetzt kürzer und intensiver. Wir sind in den vergangenen beiden Spielen sehr viel gelaufen, sehr viel gesprintet. Das zeigen die Werte. Das heißt, dass wir topfit sind. Das müssen wir auch sein, denn vor uns liegt eine lange und harte Saison. 

Wie haben Sie die stetigen Wechselgerüchte im Sommer um Ihren Kumpel Ante Rebic verfolgt?
Ich denke, dass Ante, wenn er aus Deutschland oder Frankreich kommen würde, jetzt für 50 Millionen Euro gewechselt wäre. Aber er kommt nur aus dem kleinen Kroatien. Wenn ich sehe, was in England los ist. Da werden Spieler für diese Summe gekauft, die eine gute Saison gespielt haben. Ante hat eine super Saison gespielt, das Pokalfinale fast alleine entschieden und ist mit Kroatien Vizeweltmeister geworden – da war für mich eigentlich klar, dass er mit mindestens 30, 40 Millionen Euro gehandelt wird. So ist das momentan im Fußball. 

Umso erstaunlicher, dass er hier ist.
Ich bin froh, dass er hier ist. Er ist auch froh, hier zu sein, das kann ich Ihnen versichern. Wir brauchen ihn. Wenn er fit ist, ist er sehr, sehr wichtig. 

Wann wird er denn fit?

Es geht ihm schon besser. Das ist wichtig. Er muss auf 100 Prozent kommen. Da ist es nicht so entscheidend, dass er jetzt gegen Dortmund spielt, sondern dass er aufgebaut wird und dann zu seiner Stärke findet. 

Er hat ja auch keine Vorbereitung absolviert.
Es war schwierig für ihn. Er hatte eine lange Saison mit uns, dann hat er die Weltmeisterschaft gespielt, auch oft über 120 Minuten, und dann war er noch angeschlagen, weil er einen Schlag auf den Fuß bekommen hatte gegen Argentinien. Und was glauben Sie, was danach in Kroatien los war. Er konnte da doch gar nicht auf die Straße gehen, die Leute sind ja förmlich durchgedreht. Das heißt, er hat auch gar keinen richtigen Urlaub gehabt. Das ist auch schwierig. Das darf man nicht unterschätzen. 

Wie wichtig sind Ihre Landsleute generell? Und haben Sie zu Slobodan Medojevic noch Kontakt, der ja jetzt unweit in Darmstadt spielt?
Ja klar, Medo wohnt noch in Frankfurt, wir treffen uns regelmäßig. Wir treffen uns oft alle zusammen. Wir Spieler vom Balkan sind halt oft zusammen, wir haben die gleiche Mentalität, führen ein ähnliches Leben. Da ist es, glaube ich, normal, dass man viel miteinander unternimmt. 

Wie würden Sie die aktuelle Eintracht-Mannschaft einschätzen? Viele Leistungsträger haben den Verein verlassen. 
Natürlich ist es nicht leicht, wenn du viele gute Spieler verlierst, dann kommt noch ein neuer Trainer dazu. Das muss sich erst mal einspielen. Und für den neuen Trainer ist es ebenfalls schwer, wenn so viel Qualität nicht mehr vorhanden ist. Aber wir haben auch gute neue Spieler geholt. Manche brauchen ein bisschen Zeit, andere haben direkt gespielt und gezeigt, dass sie Qualität haben. Ich denke, dass wir vor allem in der zweiten Halbzeit gegen Bremen gut gespielt haben. Dass am Ende mit zehn Mann die Kräfte nachlassen, ist normal. Deshalb sage ich ja, dass die Spieler, die schon länger da sind, Verantwortung übernehmen müssen, um den anderen zu zeigen, wie hier in der Bundesliga Fußball gespielt wird. Wir haben viele Spiele, auch in der Europa League, deshalb brauchen wir nicht nur elf Spieler, sondern auch die, die vielleicht mal auf der Bank oder der Tribüne sitzen. Alle müssen an sich und ihre Chance glauben. Wir müssen alle zusammenstehen, wie eine Familie. 

Da ist es ja auch gut, dass die Familie jetzt wieder zusammen ist und alle Profis wieder mit der Mannschaft trainieren dürfen – und nicht mehr separat. 
Klar, das ist gut. Sie sind Teil der Mannschaft, sie haben die gleiche Qualität wie jeder von uns, die meisten von ihnen haben schon in der Bundesliga gespielt, sogar in der Nationalmannschaft, sie haben Erfahrung. Sie können uns helfen. Nehmen Sie als Beispiel nur mal Simon Falette. Carlos Salcedo ist verletzt, jetzt könnte Simon einspringen. Er hat schon letzte Saison gezeigt, dass er in der Bundesliga spielen kann.
 
Wie stehen Sie den Spielen in der Europa League gegenüber. Der Auftakt in Marseille, ohne Fans, also ein Geisterspiel, ist ja denkbar ungünstig. Nicht nur für die Eintracht-Fans, sondern auch fürs Team. 
Ich mag das gar nicht ohne Zuschauer. Wenn da keine Fans sind, bekommt man gar nicht das Gefühl, dass es ein wichtiges Spiel ist. Ich weiß, dass in Marseille normalerweise eine super Atmosphäre herrscht. Und jetzt sind keine Zuschauer da. Das ist nicht so schön, das wird bestimmt etwas merkwürdig. 

Es könnte wie ein Freundschaftsspiel anmuten. 
Ja, das meine ich. Aber okay, so ist es nun mal. Wir fahren trotzdem dahin, um zu gewinnen. Aber zunächst geht es nach Dortmund, das ist erst einmal wichtiger. 

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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