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Marco Russ Lobgesang auf den Anführer

Marco Russ kommt schneller als gedacht zum Startelfdebüt und macht seine Sache ordentlich.

Eintracht Frankfurt - Hamburger SV
Mit der geballten Routine: Eintracht-Kapitän Marco Russ (links) kocht Michael Gregoritsch ab. Foto: pressehaus/heinen

Nach der Schwerstarbeit auf tiefem Geläuf setzten die Wadenkrämpfe ein, die Knochen schmerzten, die Muskulatur blockierte: Marco Russ wirkte gezeichnet, aber glücklich, mit sich im Reinen, das auf jeden Fall. Und nach seinem ersten richtigen Einsatz in der Bundesliga in dieser Saison, gut 80 Minuten lang, hagelten die Lobpreisungen auf Marco Russ nahezu hernieder.

Die früheren Nationalspieler und heutigen Sky-Experten überschlugen sich förmlich in ihren Analysen. Lothar Matthäus etwa will einen Eintracht-Kapitän gesehen haben, der qua seiner „Persönlichkeit“ die Mannschaft schon einen Schritt nach vorne bringe. „Das hat der Eintracht gefehlt, ein Anführer, der die Mannschaft zusammenhält.“ Der auch über die Kommandos, Präsenz und Gestik die Richtung vorgibt. „Das sind kleine Zeichen, die zuletzt gefehlt haben“, sagte Matthäus. Kollege Christoph Metzelder machte es etwas kürzer: Russ könne stolz sein auf das sein, was er und die Dreierkette an diesem Samstagabend gegen den Hamburger SV geleistet haben. Das war angesichts eines gruseligen Fußballspiels mit dem passenden Ergebnis, 0:0, vielleicht etwas euphemistisch ausgedrückt.

Doch bei so viel Anerkennung für den 31-Jährigen wollte natürlich auch der Cheftrainer nicht hintanstehen. „Nicht gut, sondern sehr gut“ sei das gewesen, berichtete Niko Kovac. „Nicht Note zwei, sondern eins.“ Wäre auch das geklärt.

Nun spielt in den Bewertungen für Marco Russ immer noch seine Vorgeschichte eine Rolle, die hinlänglich bekannt ist: Krebsdiagnose im Mai, Operation, zwei Chemotherapien – und der anschließende eiserne Kampf ums Comeback. Das alles hat Marco Russ mit Bravour gemeistert, es ist schon eine Lebensleistung, überhaupt wieder auf diesem Niveau Fußball zu spielen und fester Bestandteil des Teams zu sein.

Dass da noch nicht alles auf Anhieb funktioniert, ist nur allzu verständlich und logisch. Und wer Russ in den ersten Minuten beobachtete, dem konnte Böses schwanen, schon nach einer Minute und 16 Sekunden säbelte er ein astreines Luftloch. „Die ersten fünf Minuten war mein Navigationsgerät noch etwas gestört“, erzählte der Routinier lächelnd. „Da war ich etwas schläfrig, wackelig auf den Beinen.“ Doch Russ hat sich schnell hineingefunden in diese Partie, „über die Zweikämpfe und Kopfballduelle“, wie er sagte. Gerade in der Luft verteidigte er die Hoheit eindrucksvoll, kein einziges Duell hat er da verloren.

Russ hat seiner Mannschaft als freier Mann der Dreierkette Sicherheit und Stabilität gegeben, das machte er mit all seiner Erfahrung. Er stand oft richtig, erstickte die Situationen im Keim. Das kann er, weil er weiß, wie es funktioniert, weil er das von der Pike auf gelernt hat – und auch die fehlende Spielpraxis schlug nur am Anfang durch. Und mit mehr Einsätzen wird Russ sicherer werden und seine Position vielleicht etwas offensiver interpretieren. Das wäre zumindest wünschenswert.

Für den gebürtigen Hanauer war sein Startelfdebüt natürlich noch mal etwas Besonderes, auch dass er die Mannschaft, wie in seinem letzten Spiel, der ersten Relegationspartie gegen den 1.FC Nürnberg, als Kapitän aufs Feld führte, ist ein schönes Zeichen. Doch die großen Gefühle blieben dieses Mal aus. Als er im DFB-Pokal gegen Bielefeld kurz vor Schluss eingewechselt wurde und sich über das ganze Stadion eine Gänsehaut legte, „da war das für mich emotionaler“.

Beim Rückkehrer ist nun auch deutlich zu spüren, dass er nicht mehr der sein will, der den Krebs besiegt und ins Profigeschäft zurückgekehrt ist, er will einfach als vollwertiges Mitglied der Mannschaft wahrgenommen und bewertet werden. Das ist ein weiterer Schritt in die Normalität.

Russ war für die Startelf gar nicht eingeplant, erst am Spieltag, beim Anschwitzen, kam Kovac auf ihn zu und fragte, „ob ich es mir zutraue“. Natürlich bejahte der Abwehrmann. Das war erst nötig geworden, weil Makoto Hasebe kurzfristig passen musste und auf unbestimmte Zeit fehlen wird. „Er wollte sich aufopfern, hat sich bereit erklärt, aber das Risiko war uns zu groß“, sagte Kovac. „Er hatte Tränen in den Augen.“ Der Japaner hat sich beim Zusammenprall mit dem Torpfosten in München nicht nur eine tiefe Fleischwunde, sondern eine noch nicht näher bestimmte Knieverletzung zugezogen. Ein Schlag ins Kontor für die Eintracht.

Der 33-Jährige wird sich sogar einer Operation unterziehen müssen, weil auf den  MRT-Bildern eine Verletzung festgestellt wurde. „Er wird sich einer Arthroskopie unterziehen und dann sehen wir, was alles passiert ist im Knie“, befand der Coach. Hasebe wird dafür eigens nach Japan reisen und sich dort nochmals untersuchen lassen. Ein nicht alltäglicher Vorgang, der den Verdacht nahelegt, dass es sich um eine gravierendere Verletzung handeln könnte. Seriös rechnet in der nächste Zeit niemand mit ihm, ihm droht das Saisonaus.

Dafür wird Jesus Vallejo am Mittwoch wieder ins Training einsteigen. Seine Oberschenkelblessur, sagte der Spanier, sei nicht neu aufgebrochen. „Ich war noch nicht bei 100 Prozent. Es war nur eine Vorsichtsmaßnahme.“ Vallejo wird also alsbald wieder verteidigen können, vielleicht an der Seite von Marco Russ.

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