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Marco Fabian "Ich will irgendwann mal so leben wie jeder Deutsche auch"

Eintracht-Neuzugang Marco Fabian über das Leben in einer neuen Welt, die Unterschiede zum Fußball in Mexiko und weshalb er nicht zu Schalke 04 gewechselt ist.

22.01.2016 11:30
Von Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein
„Ich möchte irgendwann mal so leben wie jeder Deutsche auch“, sagt Marco Fabian. Foto: Stefan Krieger

Marco Fabian, 26, kommt mit strahlendem Lächeln und im kurzärmeligen Hemd zum Interview mit der FR. „Es ist ja nur draußen kalt“, lässt er von Rafael Francisco übersetzen, einem Spanier, der in der Jugendabteilung am Riederwald arbeitet. Fabian, für 3,5 Millionen Euro von Deportivo „Chivas“ Guadalajara gekommen, ist ein offener, aufgeschlossener Typ, der sich in Europa, in Frankfurt, durchsetzen will. Er will lernen, er will besser werden, er kapselt sich nicht ab, demnächst bezieht er seine Wohnung in Sachsenhausen, die Einrichtung hat er sich schon besorgt.

Und er lernt fleißig Deutsch, dreimal die Woche, sogar am heutigen Samstag kommt der Sprachlehrer und büffelt mit dem Angreifer. Als die Sprache darauf kommt, wo er am denn am liebsten spiele, nimmt er die deutschen Worte „zentral“ und „links“ in den Mund.

Fabian ist allein, ohne Familie, nach Deutschland gereist. Vor zehn Jahren ist sein Bruder ums Leben gekommen. „Er ist mein Schutzengel“, sagt der 26-Jährige, ein gläubiger Mensch.

Herr Fabian, welches sind Ihre größten Probleme im fernen, fremden Land? Die Mentalität, die Sprache, die Kälte, das Essen?
Die größten Probleme jetzt am Anfang sind natürlich die Kälte, das Essen und die Sprache. Aber das ist ja ganz normal.

Wie muss man sich das vorstellen: Sie kommen aus Mexiko nach Frankfurt, ganz alleine, quasi in eine andere Welt. Wie findet man sich da zurecht?
Klar, das ist schon eine neue Welt für mich. Ich muss mich an vieles gewöhnen. Aber ich bin hier hergekommen, um der Mannschaft und dem Verein zu helfen. Und für mich ist es eine neue Etappe in meiner fußballerischen Laufbahn.

Nach Ihrer Ankunft in Deutschland ging es direkt ins Trainingslager nach Abu Dhabi. Einmal um die ganze Welt innerhalb weniger Tage. Wie steckt man so etwas weg, gerade mental?
Ach, halb so wild. Es ging alles sehr schnell, aber für mich war es wichtig, dass wir gleich im Trainingslager waren, weil ich mich so an die Mannschaft gewöhnen konnte. Ich habe die Spieler, die Verantwortlichen und auch den Verein kennengelernt. Das war schon sehr gut für mich. Und jetzt bin ich bereit fürs erste Spiel.

Sind Sie alleine hier oder mit Ihrer Familie?
Nein, ich bin alleine hier. Meine Familie ist in Mexiko. Aber sie sind natürlich immer mit einem Ohr hier in Frankfurt, sie wollen wissen, wie es mir geht, was passiert und wie ich mich schlage. Und wenn es die Zeit erlaubt, werden sie mich sicherlich besuchen. Aber erst einmal bin ich alleine hier.

Leben Sie noch im Hotel?
Ja, genau. Aber ich habe schon eine Wohnung in Sachsenhausen gefunden, einen Tag später habe ich mir schon die Möbel gekauft. Es ist mir wichtig, hier schnell anzukommen, sesshaft zu werden und mich wohlzufühlen.

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Eintracht-Mitarbeiter Rafael Francisco, der hier dankenswerterweise übersetzt, hilft Ihnen im Alltag. Haben Sie noch weitere Unterstützung?
Mein Berater hilft mir viel. Und mein Mannschaftskollege David Abraham unterstützt mich total, er ist immer zur Stelle, wenn ich Hilfe brauche.

Sind David Abraham oder auch Carlos Zambrano Ihre Ansprechpartner innerhalb der Mannschaft?
Eher David Abraham. Carlos war ja auch durch seine Verletzung nicht immer dabei. David hilft mir aber sehr, er ist immer dabei. Das ist wirklich sehr schön.

Aber ansonsten sind Sie auf sich alleine gestellt?
Ich bekomme, wie gesagt, sehr viel Unterstützung, auch vom Verein. Das ist alles gut.

Wir fragen, weil es hier auch ganz andere Fälle gab: Der Brasilianer Caio war nach Jahren noch isoliert, er traute sich auch nicht in den Supermarkt, ging stattdessen in der Tankstelle einkaufen. Könnte Ihnen so etwas auch passieren?
Ich kenne diese Probleme. Ich kenne auch Caios Geschichte, sie ist mir hier erzählt worden. Aber für mich ist das etwas anderes. Ich möchte mich so schnell es geht eingewöhnen, einleben und hier professionell arbeiten.

Sind Sie ein Typ, der sich woanders schnell zurecht findet, der nicht fremdelt?
Absolut. Ich habe keine Probleme, mich einzuleben. Ich bin ein sehr offener Mensch. Und ich tue alles dafür, die Sprache so schnell wie möglich zu lernen. Ich möchte einfach einer von vielen sein. Ich bin da total positiv und will einfach irgendwann mal so leben wie jeder Deutsche auch.

Aber es ist das erste Mal, dass Sie weg sind aus Mexiko?
Ich bin mit der Nationalmannschaft schon weit rumgekommen, habe da viele andere Länder gesehen und kennengelernt. Aber ich lebe das erste Mal außerhalb Mexikos und spiele auch das erste Mal Fußball woanders, ja.

Ist das etwas, was Sie gespürt haben, also dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, um sich zu verändern, etwas ganz anderes kennenzulernen? Oder kam es zu diesem Schritt, weil Sie jetzt das passende Angebot bekamen?
Ich bin schon jemand, der in großen Kategorien denkt. Und ich wollte einfach in einer großen Liga in Europa spielen. Zuerst wollte ich mich aber in Mexiko beweisen und dort erfolgreich sein. Jetzt, nachdem ich neun Jahre in Mexiko als Profi gespielt habe, war für mich die Zeit gekommen, etwas Neues zu versuchen. In Europa gibt es nun mal die stärksten Ligen der Welt, und die Bundesliga ist sehr reizvoll. Deshalb wusste ich immer, dass ich mal in Europa spielen möchte.

Wie groß sind fußballerisch die Unterschiede?
Es ist hier sehr, sehr intensiv. Alle sind sehr diszipliniert, es ist viel Laufarbeit. Es ist auch sehr viel härter.

Mussten Sie sich da erst anpassen? Wir hatten den Eindruck, dass Sie eine gewisse Anlaufzeit benötigt haben.
Eigentlich nicht. Ich habe auf dem Platz schon immer viel gearbeitet, ich bin ein Spieler, der immer fit war. Ich bin auch in Mexiko schon sehr viel gelaufen. Mir war klar, dass ich in Deutschland sehr hart arbeiten muss. Aber das ist kein Problem. Ich versuche beides zu vereinen: Viel unterwegs sein, alles geben, aber auch gleichzeitig mein Talent und meine Kreativität ins Spiel einzubringen.

Das Spiel gegen Borussia Dortmund in Dubai war ja schon ein einseitiges, der BVB war klar besser. Haben Sie da gedacht: Oje, wie stark sind denn die Gegner hier, ich komme ja kaum an den Ball?
Nein, Borussia Dortmund hat eine großartige Mannschaft. Aber ich kenne solche Mannschaften. Ich bin es gewohnt, gegen solchen Teams zu spielen. Ich habe auch im Rahmen der Klub-WM gegen Real Madrid oder den FC Barcelona gespielt. Von daher war so ein Spiel wie gegen Dortmund nichts Neues für mich. Ich weiß aber, dass man mit Einsatz und viel Disziplin solche Mannschaften schlagen kann.

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War es für Sie sofort klar, dass Sie zur Eintracht wollen, als das Angebot kam?
Ich kann offen sagen, dass es auch ein Angebot von Schalke 04 gab und auch eine Anfrage vom VfL Wolfsburg. Aber ich habe Trainer Armin Veh und Sportdirektor Bruno Hübner kennengelernt, und ich habe hier schnell festgestellt, dass die Eintracht mich am meisten wollte. Der Verein hat eine große Geschichte, eine lange Tradition, auch das hat mich gereizt. Und ich will an dieser Geschichte mitschreiben.

Haben Sie sich dann in Ihrer Entscheidung bestätigt gefühlt, als Sie beim letzten Hinrundenspiel gegen Bremen im Stadion auf der Tribüne saßen und erlebt haben, was möglich ist in Frankfurt in diesem Stadion?
Auf jeden Fall. Das Spiel hat mir sehr gefallen. Die Art und Weise, wie die Fans die Mannschaft unterstützt hat, das war schon beeindruckend. Ich hatte ja auch einen Vergleich, ich wurde auch von Schalke zu einem Heimspiel eingeladen und war dort vor Ort. Aber ich muss noch mal sagen: In erster Linie war es Armin Veh, der mir sofort viel Vertrauen entgegen gebracht hat. Da habe ich mich bestätigt gefühlt. Und ich habe gemerkt, dass ich der Mannschaft hier helfen kann.

Armin Veh wollte Sie ja schon vor anderthalb Jahren nach Stuttgart holen.
Ja, der Kontakt besteht schon seit einigen Jahren. Armin Veh hat gute Erfahrungen mit Mexikanern gemacht, er hat einen besonderen Draht zu ihnen. Schon damals in Stuttgart hat er ja mit Ricardo Osorio und Pavel Pardo zusammengearbeitet. Pavel Pardo ist auch ein guter Freund von mir. Armin Veh hat mich schon seit Jahren verfolgt. Und jetzt war genau der richtige Zeitpunkt. Ich bin froh, dass es geklappt hat.

Armin Veh sagte auch, er möge die mexikanische Mentalität beim Fußball: Sie würden hart arbeiten, seien diszipliniert, professionell und würden viel laufen. Können Sie das bestätigen?
Ja, das kann ich in allen Punkten bestätigen. Man muss auch sehen, dass viele Mexikaner nie aus ihrem Land herauskommen, von daher sind wir Mexikaner ein bisschen unbekannter. Aber man sieht es ja auch an Chicharito von Bayer Leverkusen, dass wir schon unsere Fußspuren hinterlassen können. Chicharito ist einer meiner besten Freunde, wir kennen uns von klein auf, sind zusammen mit sieben Jahren in die Jugendakademie gekommen. Ich würde mich freuen, wenn ich einen ähnlichen Weg wie er gehen könnte.

Wo spielen Sie denn am liebsten? Links, recht oder zentral?
Links, rechts, zentral – das ist mir egal. Ich stelle mich in den Dienst der Mannschaft. Aber zentral ist die Position, die ich während meiner Karriere am häufigsten gespielt habe.

Bis Deutschland sind die Geschichten von Ihnen überliefert worden: Dass Sie ein Partygänger seien, das Leben genießen würden. Sie sind auch mal vom Verband gesperrt worden, es gab sogar mal einen seltsamen Kopfschussjubel.
Das ist alles fünf, sechs Jahre her. Das sind Geschichten, die passiert sind, aus denen ich aber gelernt habe. Es hat mir geholfen zu reifen. Ich will hier ein disziplinierter Spieler sein, ich will erfolgreich sein. Das sind Sachen, die der Vergangenheit angehören, aber die jetzt in meinem Leben keine Rolle mehr spielen.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein
Übersetzung: Rafael Francisco

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