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Limassol - Eintracht Frankfurt Der Sicherheitsgipfel

Weshalb die Europa-League-Partie der Eintracht auf Zypern eine nicht unerhebliche Bedeutung für das letzte Gruppenspiel in Rom hat, zu dem fast 20.000 Frankfurter reisen werden.

Eintracht Frankfurt
Auf Zypern werden 5000 Eintracht-Fans erwartet. Foto: imago

Auch mit bestem Willen und größter Anstrengung kann man nicht behaupten, dass es zurzeit so richtig rund läuft für Apollon Limassol. Nach der 0:2-Pleite in Frankfurt, die auch weitaus höher, 1:6 oder 1:7, hätte ausfallen können, mühten sich die Zyprioten zu einem 1:1 beim Tabellensechsten Doxa Katokopias, immerhin 350 Besucher wollten den Erstligakracher im Makario-Stadion sehen. Im darauffolgenden Heimspiel am vergangenen Samstag setzte es gar eine 1:2-Niederlage gegen den ebenfalls im Mittelfeld angesiedelten FC Anorthosis Famagusta, bei dem unter anderem der gefürchtete Ex-Eintrachtler Gordon Schildenfeld („Flash Gordon“) die Abwehr zusammenhält, aber das nur mal so am Rande.

Der Rahmen, der so eine Erstligabegegnung auf der Ferieninsel umgibt, ist, analog zum fußballerischen Wert, arg dürftig. Bei Apollon, momentan Tabellendritter,  verfolgen im Schnitt nicht mal 2000 Menschen ein reguläres Ligaspiel, in der Europa League kamen gegen Basel im Playoff und dann in der Gruppenphase gegen Olympique Marseille immerhin 3000 Zuschauer. Die Heimspiele trägt Apollon auf internationalem Terrain im Neo GSP Stadion in Nikosia aus, das ist die Stätte, an der die Eintracht vor fünf Jahren schon einmal aufschlug und gegen Apoel Nikosia einen ungefährdeten 3:0-Erfolg einfuhr.

Damals hatten sich rund 2300 Eintracht-Anhänger auf den Weg nach Nikosia gemacht, nun werden es doppelt so viele sein, manche gehen sogar von 5000 Frankfurtern aus. „Für Zypern ist das eine gewaltige Zahl“, sagt Vorstand Axel Hellmann. Die Apollon-Verantwortlichen waren bass erstaunt, als sie von den Massen hörten, die die Insel kurzzeitig bevölkern werden. So viele Menschen von außerhalb waren noch nie auf einen Schlag wegen eines Fußballspiels angereist. Mittlerweile sind auch alle Details geklärt, für die ausgefallenen Flüge der Pleite-Airline Cobalt ist eine Ersatzmaschine gebucht, der Verein hat da finanziell recht unbürokratisch und ohne großes Aufsehen Unterstützung geleistet.

Die Eintracht und ihre Anhänger, das ist ja kein Geheimnis mehr, wissen die europäischen Festspiele zu zelebrieren. Auch hier gibt es eine Analogie, eine Wechselwirkung zwischen der Begeisterung für die internationalen Auftritte auf den Rängen und der Ernsthaftigkeit auf dem Rasen, die ein gutes sportliches Abschneiden zwar nicht garantiert, aber doch wahrscheinlicher macht. Die Maximalausbeute von neun Zählern aus drei Spielen, und dann auch noch in der Krachergruppe mit den Schwergewichten Lazio Rom und Olympique Marseille, kann als Beleg dafür dienen. Mit einem Sieg am Donnerstag würde die Eintracht das große Ziel schon vorzeitig erreichen und das Ticket fürs Sechzehntelfinale verbindlich buchen.

Doch die Partie in Nikosia wird nicht nur deshalb eine von besonderer Bedeutung sein, denn für die Verantwortlichen des Traditionsklubs geht es auch darum, wie  sich die Frankfurter Anhänger in der Stadt präsentieren. „Das hat eine Relevanz für Rom“, erklärt Vorstand Hellmann. „Unser Verhalten auf Zypern wird eine gewaltige Rolle spielen, ob es in Rom noch etwas Beinfreiheit gibt oder nicht. Wir sind unterm Brennglas.“

Hintergrund ist das Auswärtsspiel der Eintracht in der italienischen Hauptstadt  am 13. Dezember, für das die Römer Behörden, die in Italien über die Kartenvergabe entscheiden, 5800 Tickets bewilligten. Das sind mehr, als dem Gastverein in einem europäischen Wettbewerb zustehen, fünf Prozent der Stadionkapazität nämlich, im Olympiastadion sind das bei 72.000 Plätzen also 3600 Eintrittskarten. Die Eintracht hatte vorsorglich um deutlich mehr Tickets erbeten, im niedrigen fünfstelligen Bereich angefragt. Doch die Sicherheitsinstitutionen, in erster Linie Ordnungsamt und Polizeipräsidium, ließen nicht mit sich reden und genehmigten eben 5800 Tickets.

Nun hat der Fall eine neue Wendung genommen, zumindest in Frankfurt, denn in der vergangenen Woche haben sich sage und schreibe 17.000 Menschen um ein Ticket beworben – und das binnen 24 Stunden. Mit diesem gewaltigen Aufkommen hatten selbst die Eintracht-Funktionäre nicht gerechnet, zumal die Interessenten keine pro forma-Bewerbung abgeben konnten, sondern detaillierte Angaben zu ihrer Person machen mussten, also etwa ihre Ausweisnummer, die Form der Anreise und ihre Unterkunft hinterlegen mussten.

„Die Wucht von 17.000 Kartenanfragen allein an einem Tag ist gigantisch und zeigt, wie groß das Interesse der Eintracht-Fans an diesem Spiel ist“, sagte Hellmann. Weitere Bestellungen, teilte der Klub mit, werden nicht mehr angenommen. Klar ist aber nun, dass sich tatsächlich mindestens 15.000 Frankfurter auf den Weg in die Ewige Stadt machen werden, manche gehen sogar von 20.000 aus. Eine fast schon ungeheuerlich große Masse.

Die Eintracht hat angekündigt, noch einmal in Rom bei der Questura, der Polizeibehörde, vorzufühlen und sich für eine Erhöhung des Kartenkontingents einzusetzen. Das ist absolut nachvollziehbar und nur vernünftig. Denn wem ist gedient, wenn womöglich 15.000 Frankfurter keinen Einlass ins Stadion finden, aber dennoch in der Stadt weilen werden? Da ist Unmut zu erwarten, da sind Krawalle zu befürchten, zumal auch die Lazio-Anhänger berüchtigt sind. Der Klub hat schon seit langer Zeit Probleme mit rechtsextremistischen Fans, die Eintracht-Ultras sind politisch eher der Gegenseite zuzurechnen. Eine explosive Gemengelage.

Gerade vor diesem Hintergrund wäre es absolut ratsam, wenn die Questura ihre starre Haltung noch einmal überdenken würde. Der Sicherheitsgedanke sollte klar im Vordergrund stehen, und eine solch große Menschenmenge hält man in einem großen Stadion mit separierten Blöcken besser in Schach als in der weitläufigen Millionenstadt selbst. Hellmann sagte bereits unlängst, dass er es für sehr bedenklich hält, so viele Fans auszusperren. „So verlagert man das Problem in den öffentlichen Raum. Das ist ein Fehler und nicht zu Ende gedacht.“

Zumal das Olympiastadion Platz genug bietet und ohnehin so gut wie nie ausgelastet ist. Lazio hat einen Schnitt von rund 30.000 Besuchern, gegen Limassol kamen in der Europa League lediglich 11.000, gegen die Eintracht werden mit etwas mehr als 20.000 Zuschauern gerechnet. Auch die sportliche Relevanz ist, zumindest nach Lage der Dinge, überschaubar. Beide Teams haben gute Chancen, in die nächste Runde einzuziehen – und sich schon vor dem abschließenden Gruppenspiel qualifiziert zu haben

Das Ansinnen der Eintracht, das Ministerium erweichen zu wollen, ist gerade im Sinne der Deeskalation absolut verständlich. Daher hoffen die Verantwortlichen auf einen reibungslosen und gewaltfreien Ablauf auf Zypern. Axel Hellmann hatte ja schon vor knapp zehn Tagen Worte der Warnung an die Krawallmacher gesprochen: „Einer kleinen Gruppe von Gewalttätern gelingt es, Tausenden Eintracht-Anhängern die Möglichkeit zu nehmen, so ein Spiel zu sehen“, sagte er. „Ich kann nur denjenigen, die unsere Spiele für gewalttätige Auseinandersetzungen nutzen, zurufen: Ihr schadet der Eintracht und ihren Fans. Wir wollen nicht, dass unsere Fußball als Plattform dafür benutzt wird, über gegnerische Fans herzufallen.“ Ein Appell, der an Eindringlichkeit und Aktualität nichts verloren hat.

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