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Jetro Willems Die Neuentdeckung

Jetro Willems überzeugt im Mittelfeld - einige haben sich das gedacht.

Jetro Willems
Kompaktes Kraftpaket: Jetro Willems dreht auf. Foto: afp

Ausgerechnet Alex Meier, der in Frankfurt nicht mehr bei allen wohlgelittene Kultstürmer, war es, der das Talent des Jetro Willems auf anderem Terrain sehr früh erkannt hat. „Das ist eigentlich kein Außenverteidiger“, sagte der Techniker Meier über den Techniker Willems, kaum war dieser vor eineinhalb Jahren in Frankfurt angekommen. „Er muss eigentlich im Mittelfeld spielen, weil er Ruhe am Ball und Übersicht hat und tolle Pässe spielen kann.“ 

Unter Niko Kovac sickerte diese Erkenntnis noch nicht so wirklich durch, erst Adi Hütter hat nun das Potenzial des Niederländers gehoben, eben im halblinken Mittelfeld. Im Nachgang der einseitigen Partie auf europäischem Boden gegen Olympique Marseille (4:0) sagte dann der Frankfurter Klassensprecher Danny da Costa über das Experiment. „Jeder weiß ja, was Jetro für ein genialer Fußballer ist. Er kann mit dem Ball Dinge, die können nicht viele. Ich freue mich für ihn.“ Der Belobigte hat sich auch gefreut, gar sehr. 

Zuletzt nur Kurzeinsätze

In den vergangenen beiden Monaten war der 24-Jährige so ein bisschen aus dem Fokus gerutscht; in dem Maße, in dem sich die Eintracht in einen Rausch spielte, rutschte Willems immer tiefer hinein ins Abseits. Seinen Stammplatz hinten links hat er an Neuzugang Filip Kostic verloren, dreimal stand er in der Liga in der Startelf, allerdings zu Saisonbeginn, zuletzt kam er nur noch zu Kurzeinsätzen, immerhin durfte er in den zurückliegenden beiden Europa-League-Begegnungen 90 Minuten durchspielen. 

 Es ist nicht so lange her, da wurde der Niederländer gefragt, ob er darüber nachdenke, den Verein im Winter zu verlassen. Zurzeit noch nicht, man werde sehen, hatte er etwas schwammig geantwortet. Der frühere Nationalspieler, das ist nachvollziehbar, ist mit seinem Status nicht zufrieden, daran wird auch dieser gute Auftritt gegen Marseille nichts ändern. 

Aber das Europacupspiel am Donnerstag hat ihn insofern einen Schritt weitergebracht, da er sich selbst eine neue Perspektive eröffnet hat. Denn Willems hat nicht hinten links verteidigt, sondern im halblinken Mittelfeld die Strippen gezogen. Das hat er nach Startproblemen gut gemacht, er hat sich immer mehr eingefunden in die ungewohnte Rolle, er habe sie so interpretiert, befand Danny da Costa, „als habe er noch nie auf einer anderen Position gespielt.“ Das ist vielleicht das größte Lob

überhaupt.

Technik, Auge und Passqualität

Willems bringt, siehe Meier, tatsächlich eine ganze Menge Rüstzeug mit, um sich auch im Mittelfeldgetümmel zu behaupten. Er hat eine gute Technik, ein gutes Auge und eine hohe Passqualität. Das zeigt er immer wieder, gegen Marseille hat er die beiden größten Eintracht-Chancen des ganzen Spiels vorbereitet, mit zwei genialen Pässen in die Tiefe, perfekt getimt, mit dem richtigen Gefühl für Raum, Zeit und Passschärfe. An ihm lag es nicht, dass sowohl Luka Jovic (19.) als auch Sebastien Haller (57.) den Ball knapp am Pfosten vorbeischossen. Gelegenheiten dieser Art lassen die beiden Ballermänner für gewöhnlich eher nicht aus. Schon auf Zypern gegen Limassol hatte Willems den Führungstreffer durch Jovic mit einem herrlichen Pass aus dem Fußgelenk eingeleitet. 

Der bullige Mann aus Rotterdam, der sich zu Saisonbeginn mit gleich zwei Hinausstellungen selbst ins Hintertreffen brachte, hat gezeigt, dass er auf dieser Position eine echte und ernstzunehmende Alternative sein kann. Das ist auch für Trainer Adi Hütter gut zu wissen, denn im Mittelfeld hat er nicht übermäßig viele Optionen auf gehobenem Niveau. Willems dürfte mit seiner engagierten Vorstellung zumindest mal die Augenhöhe des fleißigen Mijat Gacinovic erreicht haben, der bei allem Engagement zu wenige klare Aktionen hat. 

 Trainer Hütter ist für seinen Mut, es mit dem Willems auf dieser Position zu versuchen, belohnt worden, auch wenn sich das Risiko angesichts des bereits sicheren Weiterkommens natürlich in Grenzen hielt. Der Coach hat schon längere Zeit mit dem Gedanken gespielt, den Linksfuß dort zu probieren, im Training hat er ihn da ab und an spielen lassen, auch im Freundschaftsspiel in Hanau. „Gegen Marseille hat er mir aber besser gefallen“, sagte Hütter und resümierte: „Er hat ein richtig gutes Spiel gemacht.“ 

Ob dort, halblinks, nun Willems Zukunft liegt? Auf seiner angestammten Position wird er auf absehbarer Zeit an Filip Kostic nicht vorbeikommen, weil der Serbe, das deutete er auch in der halben Stunde gegen die Franzosen wieder an, eine andere Power und Zielstrebigkeit mitbringt. Die geht Willems ab, die geht dem zweiten Backup, Taleb Tawatha, erst recht ab. Willems Problem hinten links ist eben, dass er gar nicht spielt wie ein klassischer Außenverteidiger: Er zieht selten mal voll bis zur Grundlinie durch, um dann nach Innen zu passen. Er kappt vorher meistens ab, dreht über seinen schwächeren rechten Fuß nach Innen ein und sucht eine spielerische Lösung. Das ist eigentlich nicht das Spiel eines Außenverteidigers. 

Die Partie gegen Marseille hat, losgelöst von Jetro Willems, gezeigt, dass die Mannschaft mit einer dosierten Rotation stark genug ist, um einen nicht übermäßig starken Gegner zu dominieren. „Wir können ohne Qualitätsverlust rotieren“, behauptete Danny da Costa. Das stimmt so ganz nicht. Das Spiel hat nämlich genauso demonstriert, dass die qualitativen Unterschiede klar zu erkennen sind: Ein Simon Falette kann dem jungen Evan Ndicka nicht das Wasser reichen, genauso wenig wie Tawatha auch nur im Entferntesten an Filip Kostic heranreichen kann. Das wusste man natürlich auch schon vorher. Dass Jetro Willems indes auf ungewohnter Position dergestalt aufdrehen würde, konnte man allerhöchstens erahnen. 

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