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Interview Shani Tarashaj „Für mich persönlich war es ein Seuchenjahr“

Eintracht-Spieler Shani Tarashaj über seine Leidenszeit, seine Mentalität, die Liebe zu seinem Vater und weshalb er den Brasilianer Ronaldo fast schon vergöttert.

Shani Tarashaj.
Lässt sich nicht entmutigen: Shani Tarashaj. Foto: Ingo Durstewitz

Shani Tarashaj kann man durchaus als Kämpfernatur bezeichnen. Der 22-Jährige hatte in dieser Saison, seiner ersten in Deutschland, mit vielen Rückschlägen zu kämpfen. Erst laborierte er an einer Mandelentzündung, schließlich mussten sie operativ entfernt werden. „Zwei Monate war ich weg“, erinnert sich der Offensivspieler. „Dabei sollten es nur drei Wochen sein.“

Auch in der Rückrunde wurde es nicht besser. Mal zwickte hier ein Muskel, mal hatte er da ein Zipperlein, in den richtigen Rhythmus kam er nie. Erst jetzt ist er gesund und fit. Trotzdem darf er nicht so oft spielen, wie er sich das vorstellt. Gegen Augsburg im letzten Heimspiel zeigte er nach seiner Einwechslung seine beste Leistung im Eintracht-Dress, doch in den beiden folgenden Partien saß er durchweg auf der Bank. Er nimmt es sportlich. „Was nutzt es, wenn ich den Kopf hängen lasse? Es bringt nichts.“ Der Schweizer Nationalspieler kommt bisher auf 16 Einsätze, zumeist als Einwechselspieler, nur einmal stand er in der Startelf. Das war beim 3:0-Sieg in Hamburg – da machte er prompt sein einziges Tor für die Hessen.

Herr Tarashaj, nach dem Einzug ins Endspiel des DFB-Pokals hat man das Gefühl gewinnen können, dass die Luft erst einmal so ein bisschen raus sei bei Eintracht Frankfurt. Würden Sie diesen Eindruck bestätigen?
Ganz und gar nicht. Das ist ein falscher Eindruck. Wir wollen in der Liga unsere Spiele gewinnen. Wir Spieler sind voll dabei, der Trainer ebenfalls. Klar sind wir froh, dass wir im Finale sind. Aber das ist doch sehr viel weiter weg als das nächste Spiel gegen Wolfsburg.

Also spukt das Finale nur im Hinterkopf umher?
So ist es. Es ist menschlich, dass man sich darüber freut, es geschafft zu haben. Und natürlich denkt man manchmal, wie es wäre, wenn wir den Pokal auch gewinnen würden. Aber, wie gesagt, unser Fokus liegt jetzt auf der Bundesliga, wir wollen unsere Spiele gewinnen.

Hätten Sie im Halbfinale in Gladbach auch einen Elfmeter geschossen, wenn Sie auf dem Platz gestanden hätten?
Auf jeden Fall. Ich habe noch nie einen verschossen. Ich hätte mich gemeldet, 100 Prozent.
Haben Sie schon viele Elfer geschossen?
Ja. In den Nationalmannschaften, im Verein. Es ist eine einfache Chance, ein Tor zu machen.

Aber der Druck ist hoch.
Klar. Es ist eine 50:50-Situation. Aber wann bekommt man im Spiel solch eine Chance, ein Tor zu machen? Nur sehr selten.

Wie oft denkt man als Spieler daran, dass man in der Bundesliga die große Chance wahrscheinlich verspielt hat, sich für das internationale Geschäft zu qualifizieren? Die Eintracht war nach 20 Spieltagen immerhin noch Dritter.
Wir haben in der Vorrunde stark gespielt und uns die Punkte verdient. Wir sind eigentlich auch gut in die Rückrunde gestartet, aber dann hat es nicht mehr so geklappt. Warum, das weiß ich nicht. Wir waren jedenfalls immer fokussiert, haben nie nachgelassen, haben gut trainiert. Wir haben auch zwei-, dreimal gute Gelegenheiten ausgelassen, Siege einzufahren. Gegen Freiburg oder Ingolstadt etwa, auch gegen Hamburg oder Gladbach. Es hat nicht viel gefehlt, in den entscheidenden Momenten haben wir vielleicht einen Fehler gemacht oder das Tor nicht erzielt. Aber zuletzt haben wir ja auch wieder gezeigt, dass wir es besser können und eine Mannschaft sind.

Oder war es einfach so, dass einige Situationen gegen das Team gelaufen sind, Momente, in denen das Pendel in der Hinrunde noch zugunsten der Eintracht ausgeschlagen hat?
Das kann man so sehen. Wir haben gut gespielt, aber das nötige Glück war auch auf unserer Seite. Das hat sich gedreht.

Wie würden Sie Ihre Saison charakterisieren? Sie waren häufig krank, dann verletzt, es kam ja vieles zusammen.
Das ist so. Das kann man so stehen lassen: Für mich persönlich war es ein Seuchenjahr. Ich war, wie Sie sagten, oft krank oder verletzt. Und dann dauert es seine Zeit, bis man wieder reinkommt – und dann kam meistens der nächste Rückschlag. Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt, hatte ganz andere Erwartungen. Aber ich kann es nicht ändern.

War es für Sie ein verlorenes Jahr?
Kann man so sehen, aber ich kann ja nichts dafür. Solch eine Saison mit solchen Schwierigkeiten wegen den Krankheiten und Verletzungen hatte ich noch nie. Aber ich denke dennoch, ich habe auf mich aufmerksam machen können – wenn auch nicht in dem Maße, wie ich es erhofft hatte. Ich mache mir aber keine Sorgen um die Zukunft. Ich weiß, wenn ich fit und gesund bin, dann habe ich Qualitäten, dann bin ich ein guter Spieler und dann werde ich der Mannschaft auch helfen können.

Wie geht man mental damit um? Verzweifelt man irgendwann?
Das bringt ja nichts. Wenn man sich hängen lässt oder mit seinem Schicksal hadert, macht es das nicht einfacher. Nein, man muss stark und aufrecht bleiben. Und das habe ich gemacht. Vieles ist Kopfsache. Ich habe eine gute Mentalität, wir Kosovaren haben generell eine gute Mentalität. Und ich habe genügend Menschen, die mir Mut machen und mich aufbauen.
Sie sind ausgeliehen vom FC Everton. Wie sieht der Plan für die kommende Saison aus? Gehen Sie definitiv zurück oder bleiben Sie noch ein Jahr hier?
Das ist offen, die Gespräche laufen. Ich würde, ehrlich gesagt, noch gerne ein Jahr hier bleiben. Ich fühle mich wohl in der Mannschaft, im Verein. Das Stadion, die Fans, die Stadt – das passt alles.

Wie kam der Wechsel von Everton zur Eintracht zustande?
Es war so, dass bei Everton Trainer Roberto Martinez entlassen wurde. Er hatte mich geholt. Dann kam Ronald Koeman, es gab Interesse von der Eintracht und ein offenes Gespräch mit Herrn Koeman, den ich auch für einen guten Trainer halte. Und dann haben wir uns entschieden, den Schritt nach Frankfurt zu gehen und mich ausleihen zu lassen. Ich wollte halt auch spielen.

Verfolgen Sie den FC Everton noch?
Natürlich, sie spielen eine gute Saison, ich schaue mir viele Spiele im Fernsehen an. Sie sind auf Rang sieben, direkt hinter den richtig großen Klubs in England.

Wie war Ihre Zeit bei Grasshoppers Zürich, Ihre erfolgreichste Zeit bisher.
Ich habe seit meinem 13. Lebensjahr für Grasshoppers gespielt...

...und wurden verpflichtet, weil Sie mal gegen sie fünf Tore erzielt haben.
Das ist korrekt. Ich habe damals für Red Star Zürich, einem kleinen Klub, gespielt, in einem Freundschaftsspiel fünf Tore gegen Grasshoppers gemacht. Wir haben 5:1 gewonnen. Direkt danach haben sie mich angerufen.

Und dann sind Sie im Grunde durchgestartet bei den Grasshoppers, haben in der Jugend und auch später immer viele Tore gemacht.
Ja, ich war eigentlich jedes Jahr Torschützenkönig. Das erste halbe Jahr im Profibereich war auch nicht einfach, aber unter Trainer Pierluigi Tami bin ich dann aufgeblüht, habe immer gespielt, Tore gemacht, viele Assists gehabt. Das war eine super Saison, wir hatten ein Riesenteam, gerade in der Offensive.

Und Sie waren der Flügelflitzer?
Nein, nein. Ich bin eigentlich kein Flügelspieler. Ich habe meine ganze Karriere ganz vorne im Sturm oder auf der Zehn, als hängende Spitze gespielt.

Aber Sie sind hier als Flügelstürmer angekündigt worden.
Ich kann da auch spielen, habe ich bei Grasshoppers ebenfalls gemacht, wenn mal einer verletzt war oder so. Ich bin in der Offensive flexibel einsetzbar. Aber meine Lieblingsposition ist hängende Spitze, da fühle ich mich am wohlsten. Ich kann auch Stürmer spielen, auf der Neun, da habe ich meine ganze Jugend über gespielt.

Und Sie haben in Zürich mit Caio zusammengespielt, der hat eine bewegte Vergangenheit hier, sogar ein Trainer ist fast über ihn gestürzt, weil er ihn zu selten eingesetzt hat.
Caio ist ein super Spieler, er hat einen Riesenschuss, so einen Schuss habe ich noch nie gesehen. Das ist Wahnsinn. Wir hatten damals in Zürich eine unglaubliche Offensive: Caio links, Munas Dabbur ganz vorne, rechts Yoric Ravet, Kim Källström auf der Sechs und ich habe auf der Zehn gespielt. Da ging richtig die Post ab, das war ein Topteam in der Offensive.

Caio hat jetzt auch schon wieder 14 Pflichtspieltore gemacht.
Ich sage ja, er spielt richtig gut, ist ein guter Spieler. Er ist auch topfit.

Das war er hier nicht.
Das habe ich gehört. Er ist, von seinen fußballerischen Qualitäten mal abgesehen, ein guter Junge, ein super Typ.

Sie spielen für die Schweizer Nationalmannschaft, sind in der Schweiz geboren, aber Ihre Eltern stammen aus dem Kosovo. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, nicht für Albanien zu spielen?
Sehr schwer, ist doch klar. Mein Herz und Blut sind aus dem Kosovo. Aber ich bin der Schweiz dankbar, ich hatte eine tolle Kindheit, ich habe meine Karriere dort aufgebaut. Es war auch ein kleines Dankeschön, weil ich weiß, wie viel das Land für mich getan hat. Nicht nur für mich, auch für meinen Vater.

Ihr Vater kam damals alleine in die Schweiz?
Ja, er ist mit 17 Jahren alleine in die Schweiz gekommen, hat dort hart gearbeitet, konnte die Sprache nicht, hat sich durchgebissen. Und er hat für uns alle geschuftet, für mich, meine vier Schwestern, seine drei Brüder. Und er hat uns im Grunde alle ernährt. Ich bin der Schweiz daher dankbar, was sie ihm und unserer Familie ermöglicht hat. Mein Herz ist aber auch im Kosovo, das ist aber ganz normal, denke ich.

Ihr Vater hat demnach einen hohen Stellenwert für Sie?
Natürlich. Er hat in der Jugend kein einziges Spiel von mir verpasst, hat mich jeden Tag zum Training gefahren, hat die Arbeit zurückgestellt, nur um für mich da zu sein. Ich bin gut erzogen worden. Wenn er mich nicht so unterstützt hätte, hätte ich es niemals geschafft. Ich bin ihm dankbar ohne Ende, das werde ich nie vergessen. Meine Familie kommt jetzt zu jedem Heimspiel. Ich fahre auch oft heim, ist von hier auch nicht mehr so weit.

Sie sind ein großer Fan von Ronaldo, aber nicht Cristiano Ronaldo, sondern dem früheren brasilianischen Stürmerstar. Wie kam das?
Ich verfolge ihn auch jetzt noch, auf Instagram etwa. Für mich ist er der beste Stürmer, der beste Spieler aller Zeiten. Als ich ein kleiner Junge war, da bin ich fast ausschließlich in diesem Brasilien-Trikot mit der Nummer neun rumgelaufen, das hatte ich immer an. Und als er diese komische Frisur hatte, 2002 im WM-Finale, da habe ich meine Haare auch so getragen. Und nicht nur auf dem Platz ist er für mich ein Vorbild, auch für meine jetzige Situation ist er es. Er hatte zweimal schwere Verletzungen, Beinbrüche, und er kam jedes Mal noch stärker zurück. Diese Einstellung und Mentalität – daraus habe ich auch jetzt Mut gezogen.

Der andere Ronaldo ist aber auch nicht schlecht.
Cristiano Ronaldo ist einfach eine Maschine. Messi ist ein Naturtalent, er hat es vom lieben Gott in die Wiege gelegt bekommen, aber Ronaldo hat sich alles erarbeitet. Er trainiert Tag und Nacht, und das zahlt sich aus, der ist so stark, das kann man kaum glauben.

Interview: Ingo Durstewitz

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