22. Februar 201713°C Frankfurt a. M.
Lade Inhalte...

Interview Robert Kovac "Wenn die Angst mitspielt, ist es schwer"

Eintracht-Assistenztrainer Robert Kovac über die Angst, Fehler zu machen, seinen Bruder und Chef Niko und seine Erinnerungen an Klassestürmer wie Giovane Elber oder Filippo Inzaghi.

„Am Ende trifft der Cheftrainer die Entscheidung“, sagt Assistent Robert Kovac. Er kann damit gut leben. Foto: Stefan Krieger

Es ist nicht ungewöhnlich, dass das Bruderpaar Robert und Niko Kovac gemeinsame Sache macht. In der Bundesliga waren sie schon als Profis zusammen in Leverkusen und bei den Bayern, auch die kroatische Nationalmannschaft leiteten die beiden im Gespann an. Die Rollenverteilung ist dabei klar: Der größere Bruder Niko, 44, ist der Chef, der zweieinhalb Jahre jüngere Robert assistiert ihm. „Damit habe ich kein Problem“, sagt Robert Kovac im FR-Interview.

Der in Berlin geborene und aufgewachsene „Robbie“ erweist sich als zugänglicher und höflicher Gesprächspartner – wie sein Bruder auch. Die beiden Kroaten haben eine gute Kinderstube genossen.

Robert Kovac hat nicht lange überlegen müssen, als ihn sein Bruder anrief und fragte, ob er mit ihm zur Eintracht kommen wolle. Die Familie hat der 41-Jährige erst einmal in Kroatien zurückgelassen. Seit sieben Jahren lebt sie dort in Zagreb. Der Vertrag in Frankfurt läuft bis 2017 – aber nur bei Klassenerhalt.

Herr Kovac, wie kommt es eigentlich zu der Rollenverteilung? Sind Sie der geborene Assistent und ihr Bruder der geborene Cheftrainer?
Das hat sich so ergeben. Mein Bruder hat ja schon längere Zeit bei der zweiten Mannschaft von Red Bull Salzburg gearbeitet und dort Erfahrungen gesammelt. Und dann hat er das Angebot bekommen, Cheftrainer der kroatischen U21-Nationalmannschaft zu werden. Ich hatte damals gerade angefangen, meinen Trainerschein zu machen. Dann hat sich das so weiter entwickelt, das war ein Prozess. Wir haben dann gemeinsam die A-Nationalmannschaft übernommen. Und als das Kapitel beendet war, kam jetzt der Anruf von der Eintracht. Er hat mich gefragt, ob ich mit an Bord bin. Und ich habe ,ja‘ gesagt (lacht). Ich fühle mich zurzeit ganz wohl mit dieser Rollenverteilung, wir ergänzen uns gut. 

Was muss man können, um eine Nationalelf oder eine Bundesligamannschaft zu trainieren?
Erfahrung ist das eine, aber man muss vor allem Fußball verstehen. Man muss eine Vision und eine Vorstellung haben von dem, was man machen und vermitteln will. Natürlich muss man auch eine Mannschaft führen können. Der Trainerjob an sich ist ja viel komplexer geworden. Man muss viele Felder abdecken, Medien, Sponsoren, Fans; im Verein mit den Spielern, dem Manager. Man hat so viele Aufgaben zu erledigen, das schafft einer alleine gar nicht mehr. 

Ist das in der Bundesliga noch mal ein anderes Kaliber als bei einer Landesauswahl, die nur alle paar Wochen oder Monate mal zusammen kommt?
Da kommt mehr auf einen zu, klar. Als Verbandstrainer hat man viel mit den Beratern zu tun, sie wollen wissen, wo ihre Spieler stehen und ob sie nominiert werden oder nicht. Und in der Bundesliga arbeitet man tagtäglich mit den Spielern. Da trainiert man auf längere Sicht, sieht sie jeden Tag, lernt sie kennen, hat eine andere Kontrolle. Man kann auch besser gegensteuern. Je länger man mit den Jungs zusammen ist, desto mehr lernt man neue Seiten kennen. Man kann einen Spieler nicht nach fünf Tagen kennen, das geht nicht.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Ist der Cheftrainer der Prellbock, der in der Öffentlichkeit steht, der, der die Medienarbeit verrichtet und die Ansprachen an die Mannschaft hält, und der zweite Mann ist eher der, alles im Hintergrund organisiert?
Ich denke, so sollte es sein, ja. Ich möchte mich auch nicht hervortun, mein Bruder ist im Vordergrund, er ist der Cheftrainer, ich möchte ihm helfen. Aber wir diskutieren viele Dinge und sprechen viel miteinander.

Liegt es Ihnen, mehr im Hintergrund zu arbeiten?
Schwer zu sagen. Momentan gefällt es mir so. Ich lerne viel. Und ich bin froh, wieder im Fußballgeschäft zurück zu sein. Nach meiner aktiven Karriere habe ich erst mal zwei Jahre nichts gemacht, wollte auch mit Fußball zunächst nichts zu tun haben. Eine Trainerkarriere konnte ich mir anfangs gar nicht vorstellen. Doch dann habe ich gemerkt, wie sehr mir der Fußball fehlt. Der Job als Nationaltrainer war auch interessant, aber der tagtägliche Umgang mit den Spielern hat mir gefehlt. Ich fühle mich so, wie es jetzt ist, sehr wohl. 

Ist Ihre Aufgabe auch, etwas näher an die Spieler heranzurücken als der Cheftrainer, ein offenes Ohr zu haben?
Ich kommuniziere viel mit den Spielern, ich möchte das Bindeglied zwischen dem Cheftrainer und den Fußballern zu sein. Natürlich spricht Niko auch mit den Jungs, ist doch klar, aber als Chefcoach hat man doch ein anderes Verhältnis zu den Spielern. Zu meiner aktiven Zeit war es so, dass der Trainer eine ganz andere Respektsperson war. Natürlich konnte man auch mit ihm reden, aber man hatte auch eine gewisse Distanz. Mit dem Co-Trainer hat man eigentlich mehr Kontakt. 

Weil der etwas abfangen, Fünfe auch mal gerade sein lassen und dem einzelnen Spieler mehr Gehör und Aufmerksamkeit und vielleicht auch Vertrauen schenken kann?
Bei uns war es damals so. Wenn einem mal etwas nicht gepasst oder man etwas nicht verstanden hat, dann ist man eher zum Co-Trainer und nicht zum Chefcoach gegangen. 

Und das ist bei Ihnen beiden heute ebenfalls so?
Ja. Die Spieler können natürlich auch auf Niko zugehen, doch in der Regel ist es für sie leichter, den Co-Trainer anzusprechen.

Sie sind erstaunlich gut in Form. Als Sie in der vergangenen Woche bei einem Trainingsspiel mitgewirkt haben, da fand manch Beobachter, es wäre vielleicht besser, wenn Sie noch aktiv spielen könnten.
Nee, nee (lacht). Da hält die Pumpe nicht mehr mit. Der Kopf kann noch, aber der Körper und die Beine nicht mehr. Und man muss ernsthaft anfügen: Der Fußball ist sehr viel schneller geworden, als er zu meiner Zeit war. Damals war es schon intensiv, aber kein Vergleich zu heute. Da geht es ja nur hoch und runter. 

Weil die Spieler besser ausgebildet werden, mehr für den Fußball leben und mehr Wert auf Athletik gelegt wird?
Weil viel mehr wissenschaftliche Aspekte in die Arbeit einfließen, die Trainingsmethodik ist eine ganz andere. Es ist mehr Tempo und Athletik im Spiel.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Haben Sie lange überlegen müssen, als Ihr Bruder Sie fragte, ob Sie mit ihm zur Eintracht gehen?
Wir hatten uns vorher schon darüber unterhalten, ob wir generell zusammen weiter machen. Ich habe meinen Pro-Schein (hierzulande das Fußballlehrer-Diplom; Anm. d. Red.) erst vor drei Wochen fertig gemacht, also sozusagen die Diplomarbeit geschrieben. Als er dann jetzt anrief, musste ich das natürlich erst mit meiner Familie besprechen, weil wir ja in Kroatien leben. Aber eigentlich war für mich sofort klar, dass ich mit ihm hierher kommen möchte. 

Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Bruder? Er sagte, es sei sehr innig, früher habe es manchmal auch gekracht.
Als er in Salzburg war und ich in Zagreb, haben wir jeden Tag telefoniert. Als wir jünger waren, hatte jeder seine Interessen. Doch mit der Zeit sind wir immer enger zusammengewachsen. 

Unterscheiden Sie sich vom Naturell?
Ich denke, wir ähneln uns sehr. Ich kann auch temperamentvoll sein, er ist vielleicht noch etwas temperamentvoller, ich etwas ruhiger und relaxter. Als Spieler waren wir beide Kämpfer. Das wird sich auch als Trainer nicht ändern. 

Wer hat denn eigentlich das letzte Wort, wenn es zum Beispiel um die Mannschaftsaufstellung geht?
Der Cheftrainer. Das ist doch auch normal und okay. Wir diskutieren alles, versuchen alles, aus jedem Blickwinkel zu beleuchten. Aber am Ende trifft er die Entscheidung. Und wir beide tragen sie dann zusammen.

Jens Nowotny, Ihr früherer Mitspieler bei Bayer Leverkusen, sagte im HR-Fernsehen in dieser Woche, dass man gleich mit beiden Kovacs Stress hatte, wenn es eine kleine Auseinandersetzung mit einem Kovac gab.
Das stimmt, das war so. Aber ich denke, es ist ganz normal, dass man dem Bruder zur Seite springt und ihm beisteht. 

Und explosiv soll es schon mal gewesen sein.
Ja, explosiv waren wir schon. Da hat nur ein kleiner Funke gefehlt. Aber man wird im Laufe der Jahre ja auch etwas ruhiger.

Ist das die kroatische Mentalität, die da durchbricht?
Ich weiß nicht. Natürlich sagt man, die Südländer seien temperamentvoller. Aber in Deutschland gibt es auch temperamentvolle Spieler. Ich würde eher sagen, es hängt mit dem Charakter zusammen. 

Oder der Zeit in Berlin-Wedding, einem harten Arbeiterviertel?
Klar mussten wir uns damals da durchbeißen. 

War die Berliner Zeit eine prägende?
Ja, es war eine schöne Zeit mit vielen Freunden. Aber ich bin jetzt auch schon vor 20 Jahren weggezogen, da ebbt der Kontakt ab. Aber ab und zu mal eine Reise nach Berlin, das ist eine schöne Sache. 

Und damals gab es nur Fußball für Sie und Ihren Bruder?
Ja, es gab auch nicht so viele Möglichkeiten wie heute. Damals sind, glaube ich, die ersten Computer rausgekommen, aber das war nicht unser Ding. Wir haben in der Schule Fußball gespielt, danach auf dem Bolzplatz, dann im Verein. Das war damals ganz normal. 

Ist es ein Zufall, dass so viele Profis aus Wedding kommen?
Schwer zu sagen. Ich denke, es hat eher etwas mit der guten Ausbildung bei Hertha Zehlendorf zu tun. Damals schon kamen Pierre Littbarski, Karsten Bäron, Christian Ziege, mein Bruder oder ich von Hertha Zehlendorf. Das war bestimmt kein Zufall.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Welche Erlebnisse waren Ihre prägendsten als Spieler? Der Wechsel von Nürnberg nach Leverkusen vielleicht? Damit begann ja Ihre große Karriere im Grunde.
Das stimmt. Das war ein großer Schritt. Calli (Reiner Calmund; Anm. d. Red.) war damals Manager, Christoph Daum Trainer. Es herrschte eine Aufbruchstimmung, weil Leverkusen im Jahr zuvor fast abgestiegen wäre. 

Was halten Sie von Christoph Daum als Trainer?
Ein guter Trainer. Er hat schon damals sehr akribisch gearbeitet, ist schon sehr ins Detail gegangen.

Und in Leverkusen wurde ja auch mehr oder weniger eingeführt, in der Abwehr Mann gegen Mann zu spielen.
Weil wir schnell genug waren. Jens Nowotny, Lucio, Boris Zivkovic und ich hatten eine gute Grundschnelligkeit, wobei Nowotny der schnellste war. Es war schwer, uns wegzulaufen. Aber gegen Alexander Zickler etwa (bei Bayern damals; Anm. d. Red.) konnte ich nicht mithalten, der hat mich stehen lassen. Das war eine Rakete. Er hatte nur Pech, dass er so oft verletzt war. 

Inzaghi war einmalig

Wir haben gelesen, Giovane Elber sei Ihr Angstgegner gewesen.
Das nicht, Angst hatte ich vor niemandem. Aber es war unangenehm, gegen ihn zu spielen. Er war ein sehr guter Fußballer und mit allen Wassern gewaschen. Raul etwa war auch ein Schlitzohr, zwar nicht schnell, aber war immer am richtigen Ort. Oder Filippo Inzaghi vom AC Mailand. Wenn man ihn so ansah, dann fragte man sich, ob er zehnmal den Ball hochhalten kann (lacht), aber vor dem Tor war er unglaublich. Wie er sich bewegt hat, die Räume sah, dieses Auge – das war schon außergewöhnlich. Wenn du da eine Sekunde nicht aufgepasst hast, war er weg. Das war ein Instinktfußballer, er hatte ein Näschen, ahnte, wo der Ball hinfällt und die Chance entsteht. Das war einmalig. 

Wie war Ihre Zeit bei den großen Bayern, konnten Sie da vieles mitnehmen?
Auf jeden Fall. Der Erfolgsdruck dort ist unglaublich hoch, du musst gewinnen, gewinnen, gewinnen. Aber es war eine schöne Zeit und erfolgreich. Wir sind Weltpokalsieger geworden, zweimal deutscher Meister, Pokalsieger. Aber vier Jahre vergehen wie im Flug. Aber auch die Zeit bei Juventus Turin war schön, obwohl ich ja wegen des Zwangsabstiegs für ein Jahr in der zweiten Liga spielen musste. Natürlich war Italien damals so ein bisschen auf dem absteigenden Ast, die Stadien waren alt und marode. Das konnte man mit der Bundesliga nicht vergleichen. Aber die Lebensqualität war sehr hoch, das Flair und die Stadt einfach toll. Eine Zeit, die ich nicht missen möchte. 

Ihre Trainer bei Bayern waren Ottmar Hitzfeld und Felix Magath – größer könnten die Unterschiede kaum sein.
Es war dann anders unter Magath, sagen wir es mal so (lacht). Ich habe bei Hermann Gerland, dem Tiger, in Nürnberg angefangen, das war auch lehrreich, er hat mich geschliffen. Aber bei Felix Magath, das war schon noch mal eine Umstellung. Aber für alle Bayern-Spieler.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Kommen wir noch mal zur aktuellen Situation in Frankfurt. Achten Sie als früherer Abwehrspieler mehr auf die Defensive?
Ich kann durch meine Erfahrung den Jungs natürlich etwas mit auf den Weg geben, aber wir betrachten beide alles ganzheitlich. 

Wie schwer ist es, in einer recht kurzen Zeit die Mannschaft wieder auf Kurs zu bringen?
Die Aufgabe ist schwer, das wussten wir. Wir haben ein schweres Restprogramm, aber wir gehen es an. Wir wollen hier etwas bewegen. Das Potenzial ist da. 

Aber woran hängt es dann, dass diese Mannschaft so durchgereicht wurde?
Es gab viele Negativerlebnisse. Dadurch ist das Selbstvertrauen angeknackst. Wir brauchen einfach Erfolgserlebnisse, die würden der Mannschaft sehr helfen. 

"Selbstvertrauen ist wichtig"

Also eine Frage des Kopfes.
Es ist doch so: Wenn du als Spieler kein Selbstvertrauen hast, dann bist du vielleicht nicht gleich 50 Prozent, aber bestimmt, 20, 30 Prozent schlechter. Dann wird jede Ballannahme schwierig, dann bist du nicht ruhig, dann hast du Angst. Und wenn die Angst mitspielt, ist es schwer. 

Also ist das Bruderpaar Kovac als Psychologe gefordert?
Die Angst muss raus aus den Köpfen. Selbstvertrauen ist doch in jeder Sportart enorm wichtig. Sobald man an sich zweifelt, wird man schwächer. Natürlich versuchen wir, im Training Erfolgserlebnisse zu schaffen. Wir sprechen auch viel mit den Spielern. 

Und jetzt schnurrt alles auf das erste Endspiel am Samstag gegen Hannover zusammen.
Klar. Das ist ein direkter Konkurrent. Die Erwartungshaltung ist groß, jeder erwartet einen Sieg. Hannover hat hier die letzte Chance. Da müssen wir aufpassen, jetzt auch nicht zu überdrehen. Für uns ist es kein Endspiel, aber ein wichtiges Spiel. 

Interview: Ingo Durstewitz

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum