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Interview mit Frank Leicht "Ich vergleiche uns mit Hoffenheim"

Der Frankfurter U 23-Trainer Frank Leicht spircht im Interview mit der FR über seinen Mentor Ralf Rangnick, seine Philosophie und sein Offensivkonzept.

05.12.2008 00:12
"Wir wollen dem Gegner unser Spiel aufdrücken]", sagt U23-Trainer Frank Leicht. Rechts: Assistent und Ex-Kapitän Alex Schur. Foto: Schick

Herr Leicht, Sie haben die U 23 der Eintracht völlig überraschend an die Tabellenspitze der Regionalliga Süd geführt. Erklären Sie uns doch mal diesen bemerkenswerten Höhenflug.

Es passt einfach alles zusammen. Die jungen Spieler wollen sich weiterentwickeln, sie sind dankbar für Ratschläge und Hilfestellungen. Sie sind absolut hungrig. Und sie haben das nötige Potenzial, das man herauskitzeln kann.

Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Wir haben eine gute Defensive gefunden und die mit Abstand wenigsten Gegentore kassiert. Wir haben einen guten Plan, es ist nicht einfach, gegen uns ein Tor zu erzielen. Und nach vorne spielen wir ja sowieso immer. Wir haben fußballerisch eine sehr hohe Qualität. Meine Mannschaft erinnert mich von der Spielanlage her ein bisschen an Hoffenheim.

Wie bitte? Das müssen Sie aber jetzt mal näher ausführen.

Wir bieten einen ähnlichen Fußball an, schnell und direkt nach vorne, ohne Schnörkel. Das Ganze halt ein paar Stufen darunter, das ist ja klar. Aber von der Idee und der Philosophie her ist das vergleichbar. Die Hoffenheimer haben auch Jungs, die noch nichts erreicht haben und sich beweisen und präsentieren wollen. Ich kann das ganz gut einschätzen, weil ich ja auch einige Hoffenheimer Spieler wie Andreas Beck, Marvin Compper, Tobias Weis und Matthias Jaissle beim VfB Stuttgart trainiert habe. Ich weiß, was das für Jungs sind, ganz klar im Kopf, mit viel Talent und großem Willen. Da erkenne ich viele Parallelen zu unseren Spielern. Die kann ich manchmal auch nicht aufhalten, die spielen immer nach vorne, wollen immer gewinnen. Von unserer Stammformation kann sicherlich jeder in der dritten Liga spielen. Und ob du dann den Sprung nach ganz oben schaffst, hat auch ein bisschen was mit Glück zu tun.

Noch einmal zurück nach Hoffenheim. Trainer Ralf Rangnick ist ja so etwas wie Ihr Mentor.

Das stimmt. Ich komme von der Stuttgarter Rangnick-Schule. Er war damals, als ich in Stuttgart begann, beim VfB Jugendkoordinator. Er hat damals beim VfB eine Philosophie eingeführt, er hat, wenn man so will, das Spiel gegen den Ball eingeführt, das Pressing. Der Trainingsinhalt befasste sich damals zu 70 Prozent damit. Heute sind es bei ihm in Hoffenheim nur noch 20 Prozent. Das Offensivspiel steht klar im Vordergrund.

Sie gelten auch als absoluter Verfechter des Offensivfußballs.

Das stimmt. Offensivspiel ist ein Prinzip von mir. Ich mag keine Querpässe oder Alibipässe oder Rückpässe zum Torwart. So etwas soll es bei mir nicht geben. Bei mir wird nicht viermal quer gespielt, wenn wir den Ball erobert haben. Ich lege Wert auf ein direktes Spiel nach vorne in die Nahtstelle der Abwehr, der berühmte One-Touch-Football von Arsenal ist bei mir im Kopf. Ich mag risikofreudige Dribbler. Wir wollen dem Gegner unser Spiel aufdrücken, er soll sich an uns orientieren - nicht umgekehrt. Ich denke, dass die offensive Variante die bessere ist, weil ich der festen Überzeugung bin, dass man mit dieser Ausrichtung die 50:50-Spiele eher gewinnt.

Sie haben sich auch irgendwann einmal daran gemacht, ein Offensivkonzept zu entwerfen.

Ja, weil man Antworten finden muss auf die gut gestaffelten Abwehrreihen. Das ist wie beim Schach. Und ich habe mich schon vor langer Zeit dazu entschlossen, Spielzüge einzustudieren. In anderen Sportarten, Basketball oder Handball, geht das ja auch. Warum also nicht im Fußball? Man muss den Spielern Basiselemente und Lösungsmöglichkeiten mit auf den Weg geben und diese im Training immer wieder üben und automatisieren. Damals bin ich dafür ausgelacht worden, heute machen es viele Mannschaften, auch die Nationalmannschaft.

Ihre ganze Philosophie steht im krassen Gegensatz zu der des Profitrainers Friedhelm Funkel.

Das mag sein, aber als Trainer der Bundesligamannschaft geht es ja auch um anderes. Da kann man nicht sagen: ,Ich spiele dann mal offensiv, und wenn wir verlieren, ist es auch egal.' Das geht nicht. Da muss man sein Team so auf- und einstellen, dass man erfolgreich ist. Alles andere ist irrelevant. Außerdem kann man in einem Verein ganz sicher keine Philosophie von unten nach oben tragen. Das macht nur ein Klub: Ajax Amsterdam. Die suchen ihre Cheftrainer nach der Vereinsphilosophie aus.

Sehen Sie Ihre Aufgabe ausschließlich darin, den Spielern das Rüstzeug zu geben, damit sie den Sprung in den Profifußball schaffen?

Das ist mein primäres Ziel. Für mich ist jeder Lizenzspielervertrag einer meiner Jungs so wichtig wie ein Aufstieg. Und wenn ich jetzt sehe, wer es von den Jungs, die ich schon trainiert habe, nach ganz oben geschafft hat, ist das toll. Viele der "Jungen Wilden" vom VfB: Kevin Kuranyi, Mario Gomez, Andreas Hinkel, Aleksander Hleb, Sami Khedira, Serdar Tasci. Oder auch Christian Gentner, die erwähnten Hoffenheimer Jungs und viele mehr. Wenn man die Jungs quer durch die Republik spielen sieht, macht das stolz.

Also ist es Ihnen egal, ob Sie jetzt mit der U23 der Eintracht aufsteigen oder nicht?

Ich sage es mal so: Wenn ich die Spieler gut ausbilde, dann stellt sich der Erfolg von ganz alleine ein. Das ist eine Spirale. Und im Übrigen fragen wir uns ja schon seit geraumer Zeit, welche die beste Spielklasse für die zweite Mannschaft eines Bundesligisten ist. Ich bin mir nicht so sicher, ob ein Aufstieg tatsächlich so gut wäre. Denn mit dem Rücken zur Wand spielt es sich nicht so gut, der Druck lähmt oftmals die Beine. Ich weiß nicht, ob sich die Spieler dann so gut entwickeln könnten.

Geben Sie den Talenten außerhalb der fußballspezifischen Ausbildung noch andere Ratschläge mit auf den Weg?

Wir erziehen sie zur Selbständigkeit, zur Eigenverantwortung. Wir sagen ihnen, was wir erwarten, wie man sich professionell verhält. Das müssen sie verinnerlichen. Da hilft natürlich auch Alex Schur enorm (Co-Trainer und Ex-Eintracht-Kapitän; Anm. d. Red.), weil er den Jungs glaubhaft vermitteln kann, was es heißt, Profi zu sein. Er kann aus eigener Erfahrung zu den Jungs sprechen und ihnen sagen, dass er von seinen Fähigkeiten her allenfalls ein Zweitligaspieler war, es aber durch seine Einstellung und seinen Willen zum Bundesligaprofi geschafft hat. Wir geben den Spielern alle Bausteine in die Hand, das Haus müssen sie aber selbst bauen.

Wollen Sie nicht auch einmal einen Bundesligisten trainieren? Kürzlich waren Sie mal beim VfR Aalen im Gespräch.

Das wäre eine tolle Herausforderung gewesen, es hat sich aber zerschlagen. Und man muss festhalten: Ich bin kein Ex-Profi, kein Weltmeister oder so. Solche Leute bekommen vielleicht zwei, drei Chancen, ich bekomme in meinem Leben wahrscheinlich nur einmal eine Chance. Da muss dann alles passen. Ich bin ambitioniert, und ich kann sagen, dass ich als Trainer zehn Jahre lang gute Erfolge vorzuweisen habe. Alles andere muss man abwarten.

Interview: Ingo Durstewitz

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