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Interview Marius Wolf „Sogar mein Opa hat mich gefahren“

Eintracht-Profi Marius Wolf über extrem weite Wege zum Training, seine Anfangstage in Nürnberg und bei 1860 München und weshalb es in Hannover nicht klappen wollte.

Interview Marius Wolf
„Es ist entscheidend, dass man nicht zweifelt“, sagt Marius Wolf. Foto: Stefan Krieger

Marius Wolf wohnt zurzeit noch im Hotel in Frankfurt. Er ist nur ausgeliehen von Hannover 96. „Ich weiß ja nicht, was im Sommer passiert“, sagt der Offensivspieler der Eintracht. Er würde gerne am Main bleiben. Die Hessen können den 21-Jährigen per Vertragsoption an sich binden – allerdings würde dann eine Ablösesumme fällig, die bei rund einer Million Euro liegen soll. Wolf hat sich gut eingelebt, die Mannschaft hat ihn prima aufgenommen – und auch zu seinen Eltern im oberfränkischen Coburg und seiner Freundin in München hat er es nicht mehr so weit. „In eineinhalb, zwei Stunde bin ich zu Hause“ sagt er. Von Hannover aus war die Fahrt deutlich länger. Wolf wird viel Unterstützung zuteil. „Meine Eltern kommen oft, meine Freundin, meine Freunde. Zu jedem Spiel kommt Besuch.“

Wolf hat drei Spiele für die Eintracht gemacht, zwei von Beginn an. In dieser Saison hat er, der 52 Zweitligaspiele und insgesamt fünf Bundesligaeinsätze vorzuweisen hat, auch schon für die zweite Mannschaft von Hannover 96 in der Regionalliga gespielt – ein Tor und eine Vorlage stehen zu Buche.

Herr Wolf, sagen Sie mal: Haben Sie schon ein paar Kilo draufgepackt, schon etwas zugenommen?
Ja, in der Tat, ein bisschen habe ich zugelegt.

Trainer Niko Kovac sagte ja im Januar, als Sie nach Frankfurt kamen: „Der Junge ist dürr, den müssen wir erst mal etwas aufpäppeln.“
Ich weiß. Ich habe daran ja schon immer gearbeitet, auch in Hannover. Da geht es vor allem um Stabilität in allen Bereichen. Aber es fällt mir schon schwer, zuzunehmen. Ich bin von Hause aus groß und dünn, das liegt so bei uns in der Familie. Aber ich arbeite daran, und ich bin auf einem guten Weg. Ich weiß ja, dass ich darauf achten muss.

Wie haben Sie sich generell eingefunden in Frankfurt bei der Eintracht?
Ich bin in Hannover ja in die zweite Mannschaft gesteckt worden, deshalb war das für mich eine neue Chance, es ging bei Null los. Ich hatte nicht gleich im Kopf, dass ich hier sofort spielen muss. Mir war auch klar, dass ich erst mal einige Zeit benötigen werde, um mich wieder an das Niveau und das Training zu gewöhnen. Aber ich habe jeden Tag mein Bestes gegeben, und ich bin sehr froh, dass ich jetzt schon ein paar Spiele machen durfte.

Wie lief das damals in Hannover? Wie lange haben Sie bei den Amateuren in der Regionalliga spielen müssen?
Ein halbes Jahr etwa.

Was war denn der Auslöser? Sie galten doch als großes Talent, Hannover 96 hatte sie im Winter 2016 für 1,5 Millionen Euro von 1860 München gekauft. So einen schiebt man doch nicht nach einem halben Jahr aufs Abstellgleis.
Na ja, es gab einen Trainerwechsel. Bei Thomas Schaaf hatte ich ja noch gespielt, aber der neue Coach (Daniel Stendel; Anm. d. Red.) stand wohl nicht so auf mich. Das passiert im Fußball häufiger. Aber am Anfang war das für mich natürlich schwierig. Ich kam da als junger Spieler hin, hatte Erwartungen, die erste Zeit war ja auch okay – und dann wirst du gleich zu Saisonbeginn nach zwei Spielen zu den Amateuren geschickt. Das war nicht leicht.

Sind Sie da erst mal in ein Loch gefallen?
Natürlich überlegt man viel, denkt nach, grübelt. Man fragt sich: „Was habe ich falsch gemacht?“ Gerade als junger Spieler ist das noch schwieriger, weil man ja noch nicht so eine Erfahrung gemacht hat. Aber ich habe dann mit meinen Eltern sehr viel gesprochen, und nach ein, zwei Wochen habe ich mir selbst gesagt: „Es bringt nichts, jetzt den Kopf hängenzulassen. Irgendwann wirst du deine Chance wieder bekommen. Wenn nicht hier, dann woanders.“ Und so kam es dann auch.

Ihre Eltern haben ohnehin eine große Rolle in Ihrem Leben gespielt, sogar als Fahrdienst, wenn man so will.
Das stimmt. Ich bin ja in der U13, also der D-Jugend, von Coburg nach Nürnberg gewechselt. Das sind mehr als 100 Kilometer, eineinhalb Stunden mit dem Auto – ein Weg. Viermal die Woche haben sie mich zum Training gefahren, Vater, Mama, sogar mein Opa ist oft eingesprungen und hat mich zum Training gefahren. Später bin ich dann ins Internat in Nürnberg. Ich bin meinen Eltern dafür natürlich ohne Ende dankbar. Sie haben so viel Zeit und Geld investiert, das macht nicht jeder. Für meine Eltern war aber auch klar: „Wenn der Junge das will, dann machen wir das.“

Wie hat der 1. FC Nürnberg Sie denn entdeckt?
Ich habe damals neben meinem Heimatverein in Coburg auch in einer deutsch-tschechischen Fußballschule mitgemacht, das war so eine Art Auswahl. Da gab es einige Projekte, wir haben etwa in England mal gegen Everton gespielt. Und auch gegen den 1. FC Nürnberg. Da habe ich ziemlich gut gespielt, zwei Tore gemacht. Und direkt nach dem Spiel kam schon der Nürnberger Trainer auf mich zu und fragte mich, ob ich mal ein Probetraining machen wollte. Das wollte ich. Und so kam eins zum anderen.

In der A-Jugend sind Sie dann zu 1860 München gewechselt.
Ja, das war für mich eine große Chance. Man hat ja gewusst, dass bei Sechzig viele junge Spieler die Chance bekommen haben, zu den Profis zu kommen. So kam es bei mir dann ebenfalls.

Das hört sich alles so reibungslos an, wie eine Karriere am Reißbrett.
So vielleicht nicht, aber die Klubs haben mich schon gut begleitet, das muss ich sagen. In Nürnberg habe ich, wie gesagt, im Internat gelebt. In München sagten die Verantwortlichen, ich solle selbstständiger werden, weshalb sie mir eine eigene Wohnung besorgt haben – direkt neben dem Trainingsgelände. Da war ich 17. Da wird man zur Selbstständigkeit erzogen. Das hat mir gut getan.

Und Ihnen war die ganze Zeit klar, dass Sie Berufsfußballer werden?
Sicher kann man sich da nie sein, da sind ja so viele Unwägbarkeiten, aber es war mein großes Ziel. Ich habe während meiner Zeit bei 1860 München dann trotzdem eine Ausbildung bei der Stadtsparkasse begonnen. Aber irgendwann war es mir zu viel, da habe ich gemerkt, dass ich mich nicht mehr so auf Fußball konzentrieren konnte. Ich habe mir dann gesagt: „So, jetzt setze ich zwei, drei Jahre komplett auf die Karte Fußball.“ Es war für mich die richtige Entscheidung, auch im Nachhinein betrachtet. Ich habe dadurch, obwohl ich noch in der A-Jugend war, schon ab und zu bei den Amateuren und sogar bei den Profis mittrainieren können. Ich war mit den Profis auch im Trainingslager im Sommer und im Winter in der Türkei.

Wer war Trainer bei den Profis? Ricardo Moniz?
Ja, unter ihm hatte ich aber kein Spiel gemacht. Nach ihm kam Markus van Ahlen, da habe ich dann regelmäßig bei den Profis gespielt.

Sie waren demnach auch Teil dieser Sky-Doku. Der TV-Sender hatte 1860 München damals doch auf Schritt und Tritt begleitet, war mit Kameras auch in der Kabine und den Teamsitzungen dabei.

Exakt, so war es. Das war schon eine komische Geschichte. Es wurde durchgehend gefilmt, überall. Das ist schon gewöhnungsbedürftig. Am Ende hat man die Kameras nicht mehr so wahrgenommen, aber es hat generell schon genervt. Gerade in der Kabine, das ist ja auch ein Rückzugsort für uns Spieler. Oder bei Trainerentlassungen, wenn der Trainer noch mal was zu den Spielern gesagt und sich verabschiedet hat. Das gehört sich meiner Meinung nach nicht. Wir sind ja auch Menschen, und gerade die Kabine ist die privateste Zone für einen Fußballer. Was da gesprochen wird, gehört nicht nach außen. Aber so war es halt, auch eine Erfahrung, die man mitnehmen kann.

Eintracht-Sportdirektor Bruno Hübner soll Sie damals schon auf dem Zettel gehabt haben.
Ja, das stimmt.

Aber für Sie ging es weiter zu Hannover 96.
Bei Nürnberg und Hannover war es konkret. Martin Bader wollte mich zum Club zurückholen, und Thomas Schaaf wollte mich nach Hannover lotsen. Hannover war ein Bundesligist. Deshalb habe ich mir gesagt: „Komm, wenn du die Chance hast, mach es. Sonst ärgerst du dich vielleicht irgendwann, dass du es nicht gemacht hast.“ Wenn ich etwas mache, dann stehe ich dazu – auch wenn es nicht klappt. Und ich kann schon sagen, dass ich auch aus der schweren Zeit in Hannover viel gelernt habe, das war auch wichtig. Ich weiß jetzt, wie ich mit solchen Situationen umzugehen habe.

Hat Thomas Schaaf Sie gefördert?
Ja, ich hatte nur das Pech, dass ich mich gleich in meinem dritten Training verletzt habe. Als ich wieder fit war, habe ich dann zwei Spiele gemacht, gegen Stuttgart und Wolfsburg – und dann kam auch schon der neue Trainer. Ich habe zwar im Training auch immer alles gegeben, aber ich habe irgendwann schon gespürt, dass ich vielleicht nicht die besten Karten habe. In der Vorbereitung auf die Zweitligasaison habe ich etwa durchweg rechter Verteidiger gespielt. Ich hätte mir schon gewünscht, dass ich mal auf meiner eigentlichen Position, Rechtsaußen oder Linksaußen, hätte auflaufen dürfen. Auf diesen Positionen haben drei andere Spieler vor mir gespielt, da dachte ich mir dann schon, dass es schwer wird für mich. Aber ich habe bis zum Ende versucht, mich anzubieten.

Hat man, wenn man in die zweite Mannschaft verbannt wird, auf einmal Angst um die große Karriere, wenn man denkt, „Oh, jetzt versaure ich hier in der vierten Liga, keiner nimmt mehr Notiz von mir“?
Anfangs schon, ja. Wenn du runtergeschickt wirst, ist das hart. Aber so ist Fußball, es geht schnell. Und ich hatte viele wichtige Menschen um mich, die mir Mut gemacht haben. Ich wusste, ich kriege wieder meine Chance.

Aber dann gleich von einem Bundesligisten, der damals auf einem Champions-League-Platz rangierte. Das ist doch irgendwie auch verrückt.
Als das Angebot von der Eintracht kam, dachte ich schon: Wow. Aber ich hatte ja auch gar keine Zeit, großartig zu überlegen oder mir Gedanken zu machen. Diese Chance musste ich wahrnehmen. Es ging alles ganz schnell. Und mir war ja auch sofort klar, dass ich das machen will. Von der vierten Liga in die erste Liga – das muss man versuchen. Ich glaube an mich, und ich war der festen Überzeugung, dass meine Chance kommt, wenn ich alles zeige, was ich draufhabe.

Und plötzlich standen Sie in Köln in der Startelf, blöderweise wieder als rechter Verteidiger.
Das war mir völlig egal. Für mich war es einfach super, dass ich das erleben durfte.

Und dann folgte jetzt das nächste Highlight, die Partie in Dortmund. Da durften Sie ebenfalls von Beginn an mittun. Wie war das vor der Gelben Wand?
Das war Wahnsinn. In Dortmund wollen viele mal spielen. Ich habe es jetzt geschafft. Das war schon das Highlight meiner Karriere bisher. Wobei ich sagen muss, dass die Stimmung hier bei uns auch phänomenal ist, da bekommt man schon Gänsehaut. Das gibt es gewiss nicht überall.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es bei der Eintracht nicht mehr läuft?
Das ist schwer zu beantworten. Wir spielen ja nicht schlecht, machen unsere Chancen aber nicht. Deshalb denke ich, dass man nicht aufhören darf, dass man dran bleiben muss. Irgendwann haben wir das Glück und der Gegner das Pech. Genau in so einer Phase ist es entscheidend, man nicht zweifelt oder sich irgendwas in den Kopf setzt. Negative Gedanken sollte man ausblenden.

Und wie geht es mit Ihnen im Sommer weiter? Sie sind ja nur ausgeliehen, müssen Sie zurück nach Hannover? Oder wird die Eintracht Sie per Option in Frankfurt behalten?
Das weiß ich nicht. Nach der Saison werden wir uns zusammensetzen. Ich konzentriere mich jetzt auch erst mal hier auf die restlichen Spiele.

Also gibt es noch kein Signal?
Nein, die Gespräche wird es dann im Sommer geben.

Aber Sie könnten sich vorstellen, in Frankfurt zu bleiben?
Ja, ich fühle mich sehr wohl. Ich habe mich schnell eingefunden, bin gut aufgenommen worden. Es ist alles gut.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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